EU-Austritt

Wie teuer ein harter Brexit für deutsche Verbraucher wird

Großbritanniens Premierminister Boris Johnson trinkt einen Gin Tonic. Für deutsche Verbraucher könnte die beliebte Spirituose bei einem ungeregelten Brexit teurer werden.

Großbritanniens Premierminister Boris Johnson trinkt einen Gin Tonic. Für deutsche Verbraucher könnte die beliebte Spirituose bei einem ungeregelten Brexit teurer werden.

Foto: imago stock&people / imago/ZUMA Press

Gin, Fisch, Autos und Medizin – Deutschland importiert viel aus Großbritannien. Welche Waren bei einem harten Brexit teuer werden.

Berlin. In Brüssel gehen die Verhandlungen um einen Austritt Großbritanniens aus der EU auf die Zielgerade. Sollten es die Unterhändler auf dem am Donnerstag beginnenden Gipfel nicht schaffen, sich zu einigen, droht der sogenannte harte Brexit – der Austritt ohne Abkommen am 31. Oktober.

In Großbritannien ist die Sorge vor einem solchen Austritt groß. Lebensmittel-, Benzin- und Arzneimittelengpässe könnten drohen. Doch auch deutsche Verbraucher würden die Folgen eines britischen Austritts ohne Abkommen zu spüren bekommen.

Brexit: DIHK warnt vor höheren Preisen in Deutschland

„Der Brexit ist bereits jetzt eine große Belastung für deutsche Unternehmen“, sagte Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unserer Redaktion. „Ein ungeregelter Brexit würde über Jahrzehnte gewachsene internationale Wertschöpfungs- und Lieferketten empfindlich stören“, führt Schweitzer fort.

Durch das Abdriften bei EU-Regeln und Standards könnten Handelshemmnisse entstehen, die Folgen für die Preise und die Verfügbarkeit von Waren hätten.

Obst und Gemüse könnte auf LKWs verrotten

Murat Özdemir ist Leiter für Außenwirtschaft und Zoll der Außenhandelsvereinigung des deutschen Einzelhandels (AVE). Langfristig müssten sich deutsche Verbraucher keine Sorgen machen, ist Özdemir überzeugt. Aber: „Kurzfristig kann es im Falle eines ungeregelten Brexits zu Lieferengpässen kommen. Betroffen wären typische Produkte wie Scotch, Bier und Wein, aber auch Milchprodukte“, warnt Özdemir.

Würde Großbritannien nicht mehr in der EU sein, müssten die versandten Waren von Veterinärämtern kontrolliert werden. Das Problem: Nicht an jedem Einfuhrhafen Deutschlands ist ein Veterinäramt ansässig. „Würden Waren beispielsweise in Emden ankommen, wäre das nächstgelegene Veterinäramt in Cuxhaven für die Kontrolle zuständig. So entstehen Nadelöhre“, sagt Özdemir.

Tiefkühlprodukte wie Fisch oder Meeresfrüchte könnten teurer werden, da sich der Transport durch die Kontrollen verzögern würde. Vor allem sei ein ungeregelter Brexit aber für Frischwaren wie Obst und Gemüse problematisch, warnt Özdemir. Würden diese durch die Nadelöhre nicht rechtzeitig am Zielort ankommen, könnten sie „auf den LKWs verrotten“.

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Selbst Bananen kommen aus Großbritannien

Großbritannien produziert an Obst und Gemüse vor allem Karotten, Zwiebeln, Äpfel und Kohl. Doch auch als Umschlagsland ist es relevant. 60.000 Tonnen Bananen wurden aus dem Vereinigten Königreich im Vorjahr in die EU exportiert.

Trotzdem macht sich Stefanie Sabet, Geschäftsführerin und Leiterin des Brüsseler Büros der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), keine Sorgen, dass es bei Obst und Gemüse zu Engpässen kommen wird.

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Denn Hamburg und auch die niederländischen Häfen wie Rotterdam seien als Umschlagplätze noch wichtiger. Allerdings kann sich Sabet vorstellen, dass es „zu Preiserhöhungen für britische Importe“ kommen könnte, beispielsweise beim Fleisch.

Denn viele Fleischwaren aus Irland würden über Großbritannien nach Deutschland geliefert. „Ob und wie diese Lieferketten im Falle eines ungeregelten Brexits umgelegt werden, ist derzeit unklar“, sagt Sabet.

Großbritannien und Irland sind wichtige Rindfleischexporteure

Allein im ersten Halbjahr des laufenden Jahres wurden laut Verband der Fleischwirtschaft 8.262 Tonnen Rindfleisch aus Irland nach Deutschland importiert, aus Großbritannien selbst waren es 3.818 Tonnen Rind.

Thomas Vogelsang, Geschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Fleischwarenindustrie, macht sich dennoch keine Sorgen: „Deutschland hat einen Selbstversorgergrad beim Fleisch von 116 Prozent“ – also mehr, als überhaupt verzehrt wird.

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Ein Brexit würde Deutschland beim Alkohol treffen

Treffen würde ein ungeregelter Brexit die deutschen Verbraucher dagegen beim Alkohol. Denn Großbritannien ist das wichtigste Spirituosen-Importland für Deutschland, im vergangenen Jahr wurden 240.940 Hektoliter Alkohol von der Insel eingeführt.

Damit stammt fast jede dritte aus der EU importierte Spirituose aus Großbritannien. Allein über 90.000 Hektoliter Scotsh Whisky blended und rund 45.000 Hektoliter britischer Gin füllen hierzulande die Regale. „Insofern ist bei einem „No-Deal-Brexit“ in Großbritannien zu erwarten, dass es hier zu Lieferengpässen, Zollfragen, Lebensmittelkennzeichnungsfragen kommen könnte“, sagt Angelika Wiesgen-Pick, Geschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Spirituosen-Industrie und –Importeure.

Großbritannien ist ein wichtiges Fanggebiet für Hering und Makrele

Und auch am Fisch würde ein harter Brexit wohl nicht unbemerkt vorbeigehen. „Großbritannien ist ein wichtiges Fanggebiet für pelagische Fische, insbesondere für Hering und Makrele“, erklärt Matthias Keller, Geschäftsführer des Bundesmarktverbands der Fischwirtschaft.

Für deutsche Hoseefischerei seien diese Fanggebiete besonders wichtig. „Daher könnte es sein, dass Hering und Makrele teurer werden, wenn die Hochseefischerei für Zugangsrechte bezahlen müssten“, sagt Keller.

Denkbar wäre allerdings, dass die Fischindustrie auf andere Fanggebiete ausweicht, beispielsweise vor Norwegen. Nicht ersetzbar wäre allerdings der schottische Räucherlachs. Zwar exportiere auch Deutschland Lachs nach Großbritannien, dabei handele es sich aber um andere Qualitäten, erläutert Keller: „Der britische Lachs ist frisch und geräuchert, der deutsche überwiegend geräuchert.“

Allerdings könnten auch die Briten ein Interesse an stabilen Handelsbeziehungen zur deutschen Fischindustrie haben – sie beziehen den Großteil ihrer Fischstäbchen aus Deutschland.

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140.000 Autos wurden 2018 aus Großbritannien importiert

Auch die Automobilindustrie wäre von einem harten Brexit betroffen. Nobelmarken wie Aston Martin, Jaguar oder McLaren kommen aus Großbritannien. Aber auch der Mini ist britisch, wenngleich er auch in Österreich und in den Niederlanden produziert wird. Renault, Toyota und Honda haben ebenfalls Werke auf der Insel.

2018 importierte Deutschland 140.000 Pkw sowie rund 7.000 Nutzfahrzeuge aus Großbritannien, teilt der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (Vdik) mit. Autos könnten also teurer werden.

Die internationalen Hersteller sowie die Lieferanten, Händler und Kunden würden versuchen, sich auf „alle denkbaren Auswirkungen eines ungeregelten Brexits vorzubereiten“, heißt es vom Vdik. Aber: „Solche Vorbereitungen auf das Unbekannte stoßen naturgemäß an ihre Grenzen.“

„Es ist wie eine Scheidung“

Ebenfalls unklar ist, ob Arzneimittel im Falle eines harten Brexits hierzulande teurer werden könnten. Ein harter Brexit würde „die pharmazeutische Industrie schwer treffen“, heißt es vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie.

Etwas optimistischer ist Siegfried Throm, Geschäftsführer für Forschung im Verband forschender Arzneimittelhersteller. „Die deutschen Firmen sind gut aufgestellt. Es wird zu keinen Auswirkungen in Deutschland kommen“, sagt Throm.

Allerdings sei der britische Austritt langfristig zu bedauern. „Die Engländer haben bisher EU-weit am meisten zu EU-Forschungsprojekten beigetragen, sie haben sich in der EU bei Patenten stark gemacht und sich gegen eine zu starke Gängelung der Wirtschaft eingesetzt“, sagt Throm. Die Firmen würden den Brexit zutiefst bedauern. „Es ist wie eine Scheidung. Und eine Scheidung tut immer weh – finanziell wie emotional.“