Arbeitsmarkt

Was hinter dem Jobboom in Hamburg steckt

Sönke Fock, Chef der Agentur für Arbeit Hamburg, rechnet in den nächsten Monaten mit weiter sinkenden Arbeitslosenzahlen.

Sönke Fock, Chef der Agentur für Arbeit Hamburg, rechnet in den nächsten Monaten mit weiter sinkenden Arbeitslosenzahlen.

Foto: Thorsten Ahlf

Die Konjunktur schwächelt, doch Experten sind optimistisch für den Hamburger Arbeitsmarkt. Die Gründe – und wer besonders profitiert.

Hamburg. Während die Prognosen für die Konjunktur immer düsterer werden, zeigt sich der Hamburger Arbeitsmarkt robust. Den zweiten Monat in Folge verringerte sich die Zahl der Jobsuchenden sowohl im Vergleich zum Vorjahr wie auch zum Vormonat. Gegenwärtig sind 64.593 Hamburger auf Jobsuche. Gegenüber dem Vormonat August ist das ein Rückgang von satten 3,2 Prozent, im Vorjahresvergleich fällt der Rückgang mit minus 0,8 Prozent deutlich geringer aus. Die Arbeitslosenquote in der Hansestadt liegt nun bei 6,1 Prozent.

Doch wie wird sich die Lage in den nächsten Monaten entwickeln? Droht bald eine Wende zum Negativen am Arbeitsmarkt? Wer bekäme sie zuerst zu spüren? Welche Berufsgruppen müssen sich keine Sorgen machen? Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie hat sich der Arbeitsmarkt in den vergangenen zehn Jahren entwickelt?

Die höchste Zahl der Jobsuchenden verzeichnete der Hamburger Arbeitsmarkt im Februar 2010 mit 83.535 Arbeitslosen. Von diesem Niveau ist der aktuelle Wert weit entfernt. Unter leichten Schwankungen sinkt seitdem die Arbeitslosigkeit, weil sich die Konjunktur immer besser und stabiler entwickelte. Im August 2017 wurden letztmalig knapp über 70.000 Arbeitslose registriert. Seitdem kann unter leichten Schwankungen ein weiterer Rückgang der Jobsuchenden verzeichnet werden. Mit 61.729 Arbeitslosen wurde im Dezember 2018 der bisher niedrigste Stand im Vergleichsjahrzehnt erreicht.

Wie viele Hamburger suchen einen Job?

Schaut man hinter die offiziellen zahlen, so sieht man schnell, dass es in Hamburg mehr als die 64.593 ausgewiesenen Arbeitslosen gibt. Auf Arbeitssuche sind insgesamt 126.188 Hamburger (siehe Grafik). Doch wer gerade in einer Qualifikation steckt, als Flüchtling Deutsch lernt oder an einem Bewerbertraining teilnimmt, steht dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung und zählt nicht als arbeitslos, sondern als arbeitssuchend.

Wer hat es bei der Arbeitssuche besonders schwer?

Von den rund 64.600 Arbeitslosen haben 57 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung. Doch gesucht werden vor allem Fachkräfte. Ungelernte konnten bisher vor allem über die Zeitarbeit einen Einstieg in Beschäftigung finden. „Der Gesetzgeber hat die Regeln für die Arbeitnehmerüberlassung verschärft“, sagt Sönke Fock, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit in Hamburg.

Ein Leiharbeitnehmer darf nach dem neuen Recht nicht länger als 18 aufeinander folgende Monate bei demselben Unternehmen beschäftigt sein. Spätestens nach neun Monaten muss der Leiharbeiter das gleiche Arbeitsentgelt bekommen wie vergleichbare Stammbeschäftigte. „Damit verliert die Entleihung – politisch gewollt – für Unternehmen an Attraktivität“, sagt Fock. So ist die Zeitarbeit in Hamburg die einzige Branche, die innerhalb eines Jahres Stellen abgebaut hat: insgesamt 2500.

Welche Berufsgruppen profitieren vom Boom auf dem Arbeitsmarkt?

Rund 15.500 freie Stellen haben die Unternehmen bei der Arbeitsagentur ausgeschrieben. „Gesucht werden vor allem Fachkräfte in den Bereichen Gesundheitswesen, Altenpflege und wirtschaftliche Dienstleistungen“, sagt Fock. „Wir haben festgestellt, dass die Unternehmen ihre Stellenangebote bei uns reduziert haben, weil sie diese ohnehin nicht mit Fachkräften besetzen können.“

Gibt es Anzeichen dafür, dass sich der Hamburger Arbeitsmarkt eintrübt?

„Es gibt keine Auffälligkeiten bei Anzeigen zu Massenentlassungen und Kurzarbeit“, sagt Fock. Er rechnet damit, dass auch in den folgenden Monaten, die Arbeitslosigkeit in Hamburg noch sinkt. „Der Rückgang gegenüber dem Vorjahr wird aber nicht mehr so hoch ausfallen wie bisher“, sagt Fock. „Im Laufe des Jahres sind die Konjunkturprognosen nach unten korrigiert wurden.“ Das habe sich bisher aber nur geringfügig auf die Dynamik am Hamburger Arbeitsmarkt ausgewirkt. „Wenn sich der Beschäftigungsanstieg in Hamburg im Rahmen von zwei bis zweieinhalb Prozent fortsetzt wie bisher, sind in diesem Jahr durchaus noch 62.000 Arbeitslose oder weniger für einzelne Monate möglich“, sagt Fock voraus.

Warum ist der Hamburger Arbeitsmarkt aktuell so robust?

„Es ist zwar richtig, dass die Risiken für die Großkonzerne wachsen“, sagt Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Das sei aber mehr dem strukturellen Wandel geschuldet und werde nicht die gesamte Wirtschaft, insbesondere nicht den Mittelstand, erfassen. Hamburg profitiert zudem von einem breiten Dienstleistungssektor – und gerade die großen industriellen Arbeitgeber wie Airbus sind derzeit hervorragend ausgelastet. „Aber der Arbeitsmarkt reagiert auch erst mit einer Verzögerung von sechs bis acht Monaten auf konjunkturelle Wendepunkte“, sagt Marc Schattenberg von der Deutschen Bank.

Warum schneidet Schleswig-Holstein besser ab als Hamburg?

Im bundesweiten Vergleich der Arbeitslosenquoten erreicht Hamburg (6,1 Prozent) nur Rang zehn von 16 Bundesländern. Das Nachbarland Schleswig-Holstein steht mit 4,8 Prozent deutlich besser da. Allein aus dem Bundesland im Norden kommen 176.400 Pendler zum Arbeiten nach Hamburg. Strukturell ist der Arbeitsmarkt in Schleswig-Holstein mit Tourismus und Landwirtschaft ganz anders aufgestellt als in Hamburg. Das führt zu stärkeren saisonalen Schwankungen, in deren Folge die Arbeitslosigkeit in Schleswig-Holstein im Frühjahr und Sommer stärker sinkt. Davon profitiert das Land aktuell.