Commerzbank-Strategie

Wie die Comdirect in Quickborn profitieren könnte

Martin Zielke, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, will am Freitag das Sparprogramm des Konzerns erläutern.

Martin Zielke, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, will am Freitag das Sparprogramm des Konzerns erläutern.

Foto: Arne Dedert / dpa

Beschäftigte der Comdirect in Quickborn warten gespannt auf Aussagen des Konzernchefs. Am Freitag will er das Sparprogramm vorstellen.

Hamburg. Die Beschäftigten der Commerzbank in Hamburg stehen vor einer Umbruchphase: Zum 1. Oktober bekommen sie einen neuen Bereichsvorstand, der das Privat- und Unternehmerkundengeschäft im Norden leitet. Vor allem aber werden die Mitarbeiter gespannt auf diesen Freitag warten – dann will der Konzernvorstand in Frankfurt sein Sparprogramm erläutern. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass unter dem Strich unternehmensweit 2300 der 40.700 Vollzeitstellen bis 2023 wegfallen sollen. 200 der etwa 1000 Filialen in Deutschland stehen vor der Schließung.

Speziell für den Norden hatte Commerzbank-Chef Martin Zielke aber noch eine Überraschung parat: Die bisher eigenständige – und sogar börsennotierte – Tochtergesellschaft Comdirect mit Zentrale in Quickborn soll in den Mutterkonzern integriert werden. Wie eine Sprecherin der Direktbank dem Abendblatt am Dienstag sagte, liegen dort noch immer keine Informationen darüber vor, was das für die Beschäftigten konkret bedeutet. Die Unruhe in Quickborn dürfte also groß sein.

Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem neuen Sparpaket der Commerzbank:

Warum braucht die Commerzbank jetzt ein Sparprogramm?

Zielke nennt das neue Programm „Commerzbank 5.0“. Tatsächlich ist das im Jahr 2016 vorgestellte Vorgängerprogramm „Commerzbank 4.0“ noch gar nicht abgeschlossen, es sollte bis Ende 2020 laufen und umfasste unter dem Strich den Abbau von 7300 Vollzeitstellen. Branchenbeobachter erwarteten aber bereits seit dem Scheitern der Fusionsgespräche mit der Deutschen Bank im April weitere Streichungen.

Der Zusammenschluss hätte eine Konsolidierung auf dem deutschen Markt gebracht, zu der es nun so nicht kommt. „Bei den Unternehmenskrediten haben sich die deutschen Banken durch den heftigen Wettbewerb selber die Margen kaputtgemacht“, sagt dazu Andreas Pläsier, Analyst bei Warburg Research in Hamburg. „Zumindest aber gab es in den zurückliegenden Jahren nur wenig Kreditausfälle. Es ist zu befürchten, dass sich das durch die Konjunkturabschwächung nun ändert“, erklärt Pläsier. Damit kämen die Erträge noch stärker unter Druck.

Was könnten die Pläne der Commerzbank für Hamburg bedeuten?

In der Hansestadt hat Deutschlands zweitgrößte Bank 2500 Arbeitsplätze und 36 Filialen. Würde in Hamburg in gleichem Umfang abgebaut wie im gesamten Konzern – was aber noch völlig unklar ist –, fielen rund 140 Stellen und sieben Geschäftsstellen weg. Bisher hatte sich die Commerzbank in Hamburg gegen den Branchentrend, immer mehr Filialen zu schließen, gestemmt. Die Commerzbank setzte zwar vermehrt auf kleinere Niederlassungen mit nur noch zwei bis vier Beschäftigten, hat dafür aber die Zahl der Standorte im Großraum Hamburg sogar noch leicht gesteigert.

„Es gab die Hoffnung, dass das so bleibt“, sagt Michael Börzel von der Gewerkschaft Ver.di Hamburg, „doch zu der neuen Strategie mit einer noch stärkeren Betonung des digitalen Kundenkontakts passt ein Filialnetz in diesem Umfang wohl nicht mehr.“ Hinzu komme, sagt Branchenexperte Pläsier: „Vor drei Jahren, als die bisherige Strategie beschlossen wurde, hat man noch darauf gesetzt, dass sich das Zinsumfeld wieder verbessern wird. Davon ist nun aber auch für die nächsten Jahre nicht mehr auszugehen“ – und dies ist ein weiterer Faktor, der auf den Ertrag drückt.

Wie steht die Gewerkschaft Ver.di zu dem neuen Sparplan?

Bisher hält sich die Gewerkschaft mit Kommentaren dazu zurück. Sie ist nach eigenen Angaben bisher auch nicht offiziell darüber informiert worden. Ver.di-Gewerkschaftssekretär Stefan Wittmann, der auch Mitglied im Commerzbank-Aufsichtsrat ist, hatte aber in der Woche vor dem Bekanntwerden der Pläne deutlich gemacht, dass er keinen Spielraum für Stellenstreichungen im Filialbereich der Bank sieht: „Jeder weitere Personalabbau wäre eine Operation am offenen Herzen.“

Warum soll die Quickborner Tochter Comdirect integriert werden?

Wie Commerzbank-Chef Zielke in einem Brief an die Mitarbeiter seines Hauses erläuterte, will die Commerzbank mit ihrer neuen „5.0“-Strategie noch digitaler werden und ihr Angebot an Bankdienstleistungen per Smartphone weiter ausbauen. Deshalb sei die Integration der Comdirect – die eine reine Onlinebank ist – in die Commerzbank sinnvoll. „Comdirect zeigt ein sehr schönes Wachstum bei den Kundenzahlen und den Nettomittelzuflüssen“, sagt Analyst Pläsier. „Das ist für die Commerzbank von großem Wert.“

Was würde die Integration für den Standort Quickborn bedeuten?

Darüber kann man nur spekulieren, solange keine Details des Plans vorliegen. Klar ist: Wenn Comdirect kein eigenständiges und börsennotiertes Unternehmen mehr ist, sondern nur noch ein Geschäftsbereich der Commerzbank, fallen manche der Verwaltungstätigkeiten weg. Dies würde bedeuten, dass Arbeitsplätze in Quickborn überflüssig werden. Auf der anderen Seite ist das Know-how der Comdirect-Beschäftigten in der digitalen Kundenbetreuung gerade sehr gefragt: „Die Commerzbank sucht verstärkt Mitarbeiter, die mit IT-Technologie vertraut sind“, sagt Gewerkschaftler Börzel.

„Schon 2016 hat sich die Bank vorgenommen, ein ,digitales Unternehmen‘ zu werden, aber das hat man bisher nicht einmal ansatzweise erreicht.“ Kunden der Quickborner Direktbank werden sich wohl nicht an einen neuen Namen gewöhnen müssen, vermutet Pläsier: „Es wäre betriebswirtschaftlich bestimmt nicht sinnvoll, die Marke ,Comdirect‘ wegfallen zu lassen.“

Wie reagieren Investoren auf die Pläne des Commerzbank-Vorstands?

Während Sparprogramme üblicherweise an der Börse bejubelt werden, ist der Kurs der Commerzbank-Aktie seit Bekanntwerden des Vorhabens um rund 8,5 Prozent eingebrochen. Die Pläne des Vorstands seien bei Investoren wohl nicht zuletzt deshalb so schlecht angekommen, weil die polnische Beteiligung mBank verkauft werden soll, sagt Pläsier: „Sie war zuletzt einer der Wachstumstreiber der Commerzbank-Gruppe und hat rund 20 Prozent zum bereinigten Ergebnis beigetragen.“ Die mBank sei zudem bei der Digitalisierung sehr weit vorn, und sie habe gezeigt, wie man im Privatkundengeschäft effizient arbeiten kann – also genau das, was man sich auch von Comdirect erwartet.