Wachstum

Studie warnt: Die Metropolregion Hamburg schwächelt

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Mester
Rund 200 Seiten stark ist der OECD-Bericht zur Entwicklung der Metropolregion Hamburg.

Rund 200 Seiten stark ist der OECD-Bericht zur Entwicklung der Metropolregion Hamburg.

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Experten der OECD zufolge ist der Wirtschaftsraum um die Hansestadt im bundesdeutschen Vergleich zurückgefallen.

Hamburg. Da helfen auch die Elbphilharmonie und die Speicherstadt nicht: Sie sind zwar nach Einschätzung der internationalen Wirtschaftsorganisation OECD „weltbekannte Kulturstätten“, die als „Touristenmagnet“ für Hamburg und die gesamte Metropolregion wirken. Doch im Vergleich mit anderen deutschen und europäischen Ballungsräumen nutze die Metropolregion Hamburg (MRH) ihr Potenzial nur unzureichend aus.

In einer Studie, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Montag in Seevetal vorstellte, kommen die Experten des 36 Staaten umfassenden Industrieländer-Clubs zu einer wenig schmeichelhaften Einschätzung: „Trotz eines dynamischen Hafens, vielfältiger Wirtschaftscluster, erstklassiger Forschungseinrichtungen, einer Fülle von Natur-, Kultur- und Freizeitstätten und einer im Allgemeinen hohen Lebensqualität ist die MRH gegenüber anderen Metropolregionen im OECD-Raum und in Deutschland im Rennen zurückgefallen.“

Anfang 2018 hatte der Regionsrat, das Steuerungsgremium des 5,3 Millionen Einwohner in vier Bundesländern umfassenden Wirtschaftsraums, den Beschluss gefasst, sich als erste der elf deutschen Metropolregionen einer kritischen Betrachtung durch die OECD zu stellen. Jetzt liegt das Resultat vor. Der rund 200 Seiten lange Bericht zeigt nicht nur Stärken und Schwächen auf, er enthält auch etliche konkrete Handlungsempfehlungen.

BIP langsamer gestiegen als in Süddeutschland

Als zentralen Problempunkt macht die OECD die vergleichsweise geringe Arbeitsproduktivität aus. Zwar steuere die norddeutsche Region den fünftgrößten Beitrag zur gesamten Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt, BIP) der Bundesrepublik bei. Doch pro Kopf der Beschäftigten gerechnet sei die Wirtschaftskraft niedrig. Vor allem die süddeutschen Metropolregionen hätten sich in den zurückliegenden Jahren – hier bezieht sich die Studie auf den Zeitraum 2005 bis 2015 – „deutlich besser“ entwickelt. So habe etwa der Wirtschaftsraum um Stuttgart in diesen Jahren das Pro-Kopf-BIP um 39 Prozent gesteigert, während die Region um Hamburg nur ein Plus von 19 Prozent schaffte. Betrachte man zudem das BIP je Beschäftigtem, so rangiere sie „immer noch deutlich unter dem Niveau, das beispielsweise Göteborg, Kopenhagen und Rotterdam erzielen“, schreiben die Experten der OECD.

Den Grund dafür sehen sie in dem „vergleichsweise geringeren Kompetenzniveau“ der Arbeitskräfte in der Metropolregion Hamburg: Nur 14,4 Prozent der Beschäftigten hier verfügten über einen Meister-, Fachhochschul- oder Hochschulabschluss. Damit rangiere man an auf Position acht der elf deutschen Metropolregion, wobei der Wirtschaftsraum München auf einen Anteil von 18,9 Prozent komme und der Ballungsraum Frankfurt auf 17,9 Prozent.

Verantwortlich dafür seien nicht etwa hauptsächlich Mängel auf der Bildungsseite. Zwar gebe es „keine Hochschuleinrichtungen von Weltformat“, die „jüngsten Anstrengungen zur Stärkung der Universitäten“ seien jedoch erfolgreich gewesen. Es fehlt aber eher an Beschäftigungsmöglichkeiten für Hochqualifizierte: Weniger als fünf Prozent der Arbeitskräfte seien im „Hightechbereich“ tätig, verglichen mit gut 14 Prozent im Raum Stuttgart, heißt es in der Studie. Besser schneidet die Metropolregion Hamburg im Hinblick auf den Anteil der Beschäftigten in der „Kreativbranche“ von 3,3 Prozent ab, hier sind nur die Ballungsräume München und Berlin-Brandenburg weiter vorn.

Ökologische Grenzen

Dass Firmen in der Metropolregion Hamburg relativ wenig in Forschung und Entwicklung investieren – der Betrag liegt unterhalb von einem Prozent, verglichen mit 3,5 Prozent in der Region Stuttgart – liegt nach Auffassung der OECD-Experten an der hiesigen Wirtschaftsstruktur: Im Norden gibt es erheblich weniger Großunternehmen als im Süden Deutschlands.

„In der Vergangenheit basierte die Wirtschaft der MRH hauptsächlich auf Logistik und Handel“, heißt es in dem Gutachten, noch immer sei der Hafen einer der größten Arbeitgeber der Region. Doch der Ausdehnung dieser Verkehrsdrehscheibe und dem Ausbau des Seehandels seien „natürliche, geografische und ökologische Grenzen“ gesetzt. Von der Wirtschaftspolitik sei daher eine „strukturelle Transformation“ gefordert. Dabei gelte es vor allem, „über Kommunal-, Länder- und auch Staatsgrenzen hinaus zu denken“. Häufig sei man zu sehr mit dem Wettbewerb auf lokaler Ebene innerhalb der Region beschäftigt, um sich der globalen Konkurrenz zu stellen, so die Analyse.

Im Bereich der Erneuerbaren Energien, in dem die Metropolregion das Potenzial habe, eine „globale Spitzenposition“ zu erlangen, sowie im Luftfahrtsektor werde schon „mit ausgezeichneten Ergebnissen“ über Bundesländergrenzen hinweg zusammengearbeitet, urteilt die OECD. Ansonsten aber fehle es vielfach an einer sinnvollen Vernetzung. Dazu müssten allein schon „Engpässe im Schienen- und Straßenverkehr“ beseitigt werden. Gefordert seien unter anderem ein ÖPNV-Tarifverbund für die gesamte Metropolregion und eine integrierte Wohnungsbauplanung. Eine „gemeinsame Marketingstrategie“ könne die Region für Fachkräfte, Unternehmen und Touristen sichtbarer machen.

Industrieverband nimmt Politik in die Pflicht

Der Industrieverband Hamburg (IVH) nimmt vor diesem Hintergrund vor allem die Politik in die Pflicht. Die handelnden Personen müssten "die politische Fragmentarisierung schrittweise überwinden" und die Metropolregion "zu einem integrierten Wirtschaftraum mit attraktiver Entwicklungsperspektive" machen, sagte IVH-Vorstandschef Matthias Boxberger.

"Nur so kann die Region im Wettbewerb mit anderen potenten Metropolregionen mithalten und sich behaupten. Mit kleinstaatlichem Denken hingegen lassen sich industrie- und wirtschaftpolitisch keine grossen Sprünge machen." Die durch die Kooperation von Wirtschaft und Gebietskörperschaften neu gestärkte Initiative Pro Metropolregion Hamburg sei dafür der "geeignete Rahmen", meinte Boxberger.

FDP fordert Innovationsagentur

Die Probleme, auf die die OECD hinweise, seien „größtenteils hausgemacht“, kommentierte Michael Kruse, der Vorsitzende der FDP-Bürgerschaftsfraktion. Es fehle etwa an einer länderübergreifenden Digitalstrategie und an einer „klugen Koordination wirtschaftspolitischer Maßnahmen“, so Kruse: „Der rot-grüne Senat hat in den letzten Jahren wenig dazu beigetragen, damit sich diese Situation ändert.“ Die Metropolgesellschaft müsse zur Innovationsagentur ausgebaut werden und die Cluster in der Metropolregion miteinander verbinden.

Der Senat hingegen bezieht sich eher auf die in dem Gutachten aufgezeigten Chancen. „Die OECD bescheinigt der Metropolregion Hamburg das Potenzial, ein Weltmarktführer im Bereich Erneuerbare Energien werden zu können“, sagte Andreas Rieckhof, Staatsrat der Wirtschaftsbehörde. „Wir legen unseren Fokus einer engeren Zusammenarbeit im Bereich Innovation auf dieses Schwerpunktthema“, so Rieckhof: „Wir wollen hier entschlossen handeln und die Chancen Norddeutschlands nutzen.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft