HAMBURGER START-UP

Elektrische Fahrradanhänger für UPS aus Hamburg

Rainer Kiehl, Projektmanager Citylogistik von UPS, Zusteller Pavel Stepanov und Natalia Tomiyama von der Nüwiel GmbH mit einem Zustellrad mit Anhänger.

Rainer Kiehl, Projektmanager Citylogistik von UPS, Zusteller Pavel Stepanov und Natalia Tomiyama von der Nüwiel GmbH mit einem Zustellrad mit Anhänger.

Foto: Roland Magunia / HA

Start-up Nüwiel will seine Produkte ab 2020 in Serie fertigen lassen. Paketdienstleister zieht positives Fazit eines ersten Tests.

Hamburg. Auf den ersten Blick denkt man, da muss ein Hochleistungssportler um die Ecke kommen. Pavel Stepanov tritt in die Pedalen des dreirädrigen Lastenrades. Vor seinem Lenker befindet sich ein großer Frachtraum. Zudem zieht er einen mächtigen Fahrradanhänger. Aber der UPS-Zusteller ist keineswegs außer Atem. Das Gespann fahre sich gut, es gebe keinen Extraaufwand. „Ich muss nur das Fahrrad bewegen. Der Anhänger fährt von allein, gibt sogar ein wenig Anschub, wenn ich mit dem Fahrrad zu langsam bin“, sagt Stepanov.

Seit März sind Stepanov und ein Kollege mit dem Fahrradanhänger in der Hamburger Innenstadt unterwegs. Sie teilen Pakete aus und holen Sendungen bei den Kunden ab. Im Bereich Großer Burstah, Adolphsplatz, Alter Wall und Große Johannisstraße werden die Lieferwagen des United Parcel Service of America (UPS) tagsüber nicht mehr gebraucht. Die Zustellung erfolgt emissionsfrei mit Muskelkraft. „Die Erfahrungen sind exzellent“, sagt Rainer Kiehl, Projektmanager für Citylogistik bei UPS. „Für die letzte Meile ist der Anhänger die 100-prozentige Lösung.“ Und sie ist made in der Hansestadt.

Hamburger Start-up Nüwiel entwickelte den elektrischen Anhänger

Der Fahrradanhänger kommt von dem Hamburger Start-up Nüwiel. Seit vier Jahren tüftelt das Gründertrio Sandro Rabbiosi, Fahad Khan und Natalia Tomiyama an ihrem intelligenten batteriegetriebenen Anhänger, der wie von allein beschleunigt und bremst. Nun gibt es die ersten Kleinserien. 20 Stück wurden zunächst gefertigt. Derzeit erfolgt die Auslieferung der zweiten Fertigungswelle, die 50 Stück umfasst. Der Großteil sei bereits vorbestellt, sagt Tomiyama.

Hergestellt werden sie in Asien. Mehr will die Gründerin nicht verraten. Die Endmontage erfolgt in Hamburg durch die mittlerweile 14 Mitarbeiter. Weil der Platz in der alten Firmenzentrale nicht mehr ausreichte, zog das Unternehmen vor einigen Wochen um. Das in Harburg gegründete Start-up sitzt jetzt am Brandshofer Deich in Rothenburgs­ort und wappnet sich fürs Erwachsenwerden. „Mitte 2020 starten wir in die Serienproduktion“, sagt Tomiyama. Die Rate von 50 Anhängern pro Monat soll noch im nächsten Jahr erreicht werden. „Dann erhöhen wir nach und nach“, sagt Tomiyama.

Ikea und Airbus nutzen die Anhänger von Nüwiel

Für Privatkunden ist der rund 5000 Euro schwere Trailer zum Kaufen wohl zu teuer. Schon bald sollen sie über das Vermietungsportal Freetrailer aber in ersten Städten zum Ausleihen für jedermann zur Verfügung stehen. Das in Hamburg bisher bekannteste Projekt läuft mit Ikea. Drei Anhänger von Nüwiel stehen in der Cityfiliale des schwedischen Möbelkonzerns in Altona. Kunden können sich die Trailer seit Mai 2018 ausleihen, um ihren Einkauf nach Hause zu transportieren. „Unsere Kunden nehmen das Angebot sehr gut an“, sagte eine Ikea-Sprecherin.

Mit der Durchschnittsnote 9,3 (maximal möglich zehn) würden die Kunden Freunden den Anhänger empfehlen. Die ersten drei Stunden sind kostenlos, danach werden pro Stunde (wie beim Autoanhänger) 5 Euro fällig. Auch in Berlin-Spandau, Regensburg, Freiburg, Kaarst und einem Pariser Citystore gibt es nun den Service. „Weitere Standorte sind geplant, wir können aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht genau sagen, welche“, sagte die Sprecherin. Airbus auf Finkenwerder nutzt den Anhänger ebenfalls. Zwischen den einzelnen Stationen der A320-Endmontage werden Kleinteile und Verbrauchsmaterialien wie Pinsel und Schleifpapier transportiert. Neuerdings zu den Kunden gehört die niederländische Stadt Groningen. Man habe viele Pilotprojekte bekommen, sagt Tomiyama.

Auf Herz und Nieren wird das dreirädrige Gefährt aber vor allem bei UPS getestet. Vier Exemplare sind im Einsatz. Neben Hamburg probieren auch die Paketboten in Mannheim, abwechselnd Westerstede und Herne sowie München die Anhänger im Alltagsbetrieb aus. In der bayerischen Landeshauptstadt wird er in seiner Funktion als Handwagen in Einkaufszentren eingesetzt. Mit seinen Maßen passt er in jeden rollstuhlgerechten Fahrstuhl. „Das ist ein Lastenesel. Der muss robust sein“, sagt Kiehl. Bordsteine hoch und runter mit einer Beladung von etwa 100 Kilogramm – das belastet das Material kräftig.

Die Reichweite des Akkus stieg von 35 auf 70 Kilometer

Seit drei Jahren kooperieren die beiden Firmen. Anfangs zahlte Nüwiel Lehrgeld. Der erste Anhänger sei nach zwei Stunden kaputt gewesen, erinnert sich Kiehl. Doch das Nüwiel-Team habe sofort reagiert und kräftig nachgebessert. Früher wurden viele Teile aus dem Fahrradbereich eingesetzt. Sie erwiesen sich aber nicht als belastbar genug. Mittlerweile kommt alles aus der Auto- und Motorradindustrie. „Wir haben ein paar Sachen verändert“, sagt Tomiyama. Der Akku habe eine bessere Reichweite und solle nun mindestens 70 statt zuvor 35 Kilometer schaffen. Er ist leicht austauschbar und auf der Anzeige kann man ablesen, wie viel Energie er noch hat. Der Anhänger wurde 30 Zentimeter tiefergelegt, um eine höhere Stabilität zu erhalten. „Wir verbessern stetig unseren Anhänger“, sagt Tomiyama. „Es ist wichtig, nicht nur mit den Managern, sondern mit den Nutzern zusammenzuarbeiten.“

Auch zum Gespräch mit UPS in einem Parkhaus an der Großen Reichenstraße brachte sie Verbesserungen mit. Die Bremsen werden angepasst, bessere Sensoren und ein Softwareupdate sollen die intelligente Steuerung und den Grip bei Regen verbessern. „Nüwiel hat Power und Ideen – das überzeugt uns“, sagt UPS-Manager Kiehl. Die Entwicklung gehe stetig voran. Der intelligente Fahrradanhänger sei ein wichtiger Baustein in der Citylogistik. „Wir werden Anhänger bestellen für die Kollegen in ganz Europa“, sagt Kiehl. Insbesondere die Beneluxländer seien sehr interessiert an dem Produkt.

Generell wünscht er sich mehr Entgegenkommen von den Städten. Damit die Zustellung mit dem Fahrradanhänger funktioniert, braucht der Logistikkonzern sogenannte Mikro-Depots in den Innenstädten. Sie werden morgens von einem Lieferwagen mit Paketen gefüllt, abends werden die aufgegebenen Sendungen abgeholt. Die Städte sollten mehr solcher Standorte ermöglichen, wünscht sich Kiehl. Das können Stellplätze für Container sein oder größere Räume in bestehenden Gebäuden – so wie in dem Parkhaus an der Großen Reichenstraße.

Fast doppelt so große Ladekapazität wie beim Lastenrad

Stepanov kann sein Gespann direkt vor der Tür parken und beladen. Er hält sein hellrotes Armband an das elektronische Schloss des Fahrradanhängers. Ein Chip darin sorgt für das Öffnen der Tür zum Frachtraum. „Häufig haben wir die Hände voll mit Paketen“, sagt der UPS-Zusteller. Der Logistikkonzern rüstete daher seine Lieferwagen mit einem automatischen Schließsystem aus, damit die voll bepackten Boten die Pakete nicht erst aus der Hand legen müssen.

Dass dieses System sogar auch bei dem Fahrradanhänger eingebaut wurde, „gefällt mir sehr gut“, sagt Stepanov. Die Ladekapazität von einem Kubikmeter sei fast doppelt so groß wie beim Lastenrad. Habe er früher mit dem Lastenrad drei- bis viermal hin- und herfahren müssen, kriege er jetzt fast alles auf einmal mit. Auch die Akkukapazität sei sehr gut. Nur einmal in der Woche müsse die Batterie geladen werden. Einen Verbesserungsvorschlag hat er aber dennoch. Im Lager zeigt er auf eine Sendung für einen Kunden. Es ist eine per Versandhandel gekaufte Klimaanlage. Da stößt die Zuladungsgrenze schnell an ihre Grenzen, sagt Stepanov: „100 Kilogramm sind für uns so gut wie gar nichts.“