Einzelhandel

Verkäufermangel – Hamburger Läden müssen aufgeben

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Heiner Schmidt
Kerstin Horbach, Inhaberin von Elbprinz und Alstergöre, hat große Schwierigkeiten, Personal zu finden.

Kerstin Horbach, Inhaberin von Elbprinz und Alstergöre, hat große Schwierigkeiten, Personal zu finden.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

In keinem anderen Beruf in Hamburg gibt es so viele offene Stellen. Doch Arbeitszeiten und Entlohnung sind wenig reizvoll.

Hamburg.  Kerstin Horbach hat alles getan, was man tun kann, wenn man als Geschäftsinhaberin auf der Suche nach Verstärkung beim Verkaufspersonal ist: Plakate im Schaufenster, Stellenausschreibungen über die Arbeitsagentur und Jobportale im Internet, Hilferufe in den sozialen Medien. „Es hat alles nichts gebracht“, sagt die 41-Jährigen, die vor knapp zehn Jahren ihren ersten Laden in Hamburg eröffnete. In dem Geschäft namens Elbprinz und Alstergöre an der Großen Brunnenstraße in Ottensen verkauft sie seitdem schicke Kleidung für kleine Kinder. Vier Jahre später kam das zweite gleichnamige Geschäft dazu. Es liegt in einem Hinterhof an der Bahrenfelder Straße und ist auf Kinderschuhe spezialisiert.

Ein Laden muss nun schließen

Das Sortiment trifft offenbar den Geschmack der Kundschaft, die mit und für den Nachwuchs shoppt. Kerstin Horbach jedenfalls ist zufrieden mit dem Erfolg der beiden Geschäfte. „Es läuft ganz gut“, sagt sie. Trotzdem hat sie einen weitreichenden Entschluss gefasst: Der zweite Laden wird wieder geschlossen. „Der einzige Grund ist, dass ich einfach nicht genug geeignetes Personal finde.“ Sie selbst könne und wolle als Mutter zweier kleiner Kinder nicht ständig Überstunden machen und die Lücken im Dienstplan ihrer drei Teilzeitverkäuferinnen schließen, damit beide Geschäfte an sechs Tagen pro Woche geöffnet sind.

Die Schuhe ziehen jetzt von der Bahrenfelder an die Große Brunnenstraße um. „An nur einem Standort lässt sich das Personal viel effektiver einsetzen, wir können die Kunden ohne lange Wartezeit beraten. Für mich lohnt es sich eher, das eine Geschäft zu schließen, als weiter und sehr wahrscheinlich erfolglos nach einer Verstärkung mit Erfahrung im und Enthusiasmus für den Verkauf zu suchen“, sagt Kerstin Horbach.

Geschäftsaufgabe nicht wegen Kunden-, sondern wegen Personalmangels – das ist in Hamburg keine Ausnahme mehr. „Es sind vor allem kleinere Geschäfte, die aus diesem Grund für ein oder zwei Tage in der Woche schließen. Oder komplett aufgeben“, sagt Brigitte Nolte, Geschäftsführerin des Handelsverbands Nord in Hamburg. Ihre Läden tageweise schließen musste zuletzt auch Kerstin Horbach. In der Urlaubszeit in diesem Sommer war die Personaldecke zu dünn. Immer montags standen die Kunden bei Elbprinz und Alstergöre vor abgeschlossenen Ladentüren. Im nächsten Sommer, ist die Inhaberin überzeugt, wird das nicht wieder passieren.

Die Zahl der offenen Stellen steigt

Die Zahlen der Arbeitsagentur belegen: Für Verkäuferinnen und Verkäufer im Einzelhandel gibt es die meisten offenen Stellen in Hamburg. In der Liste der 20 am häufigsten gesuchten Berufe liegen Verkaufsfachkräfte mit großem Abstand vorne – obwohl die Spezialisten etwa im Bäcker- und Fleischerhandwerk oder in Autohäusern dabei noch gar nicht berücksichtigt sind. Alles in allem haben Hamburger Einzelhändler derzeit 1281 offene Stellen gemeldet, das sind 5,2 Prozent mehr als im August 2018.

Der Personalbedarf wächst stetig. „Seit Jahresbeginn sind uns knapp 2500 Stellen aus dem Einzelhandel gemeldet worden, 14,5 Prozent mehr als im vergleichbaren Zeitraum des vergangenen Jahres“, sagt Knut Böhrnsen, der Sprecher der Arbeitsagentur Hamburg. Mittlerweile kann ein freier Arbeitsplatz im Durchschnitt erst mehr als vier Monate nach dem vom Unternehmen gewünschten Termin besetzt werden. Es dauert eine Woche länger als vor einem Jahr.

„Der Wettbewerb um die besten und motiviertesten Mitarbeiter ist groß“, beschreibt Brigitte Nolte die Lage. Betroffen sind kleine Händler ebenso wie große Ladenketten und Filialisten. „Wir haben 50 offene Stellen in unseren mehr als 180 Filialen in der Metropolregion Hamburg, suchen vor allem Aushilfen und Teilzeitkräfte“, sagt Wiebke Spannuth, Sprecherin der Drogeriemarktkette Budnikowsky. Als zusätzlichen Anreiz bietet das Unternehmen seinen Beschäftigten zehn Prozent Mitarbeiterrabatt an. Insbesondere bei großen Arbeitgebern sind solche Extras über das Gehalt hinaus angesagt. „Kleinen Händlern fällt es oft schwer, da mitzuhalten“, sagt Nolte.

Das Image des Berufs ist nicht gut

Es gibt kaum Aussicht, dass der Verkäufermangel bald beendet sein wird. Denn auch viele Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt. Nach Angaben des Handelsverbands Deutschland waren zu Beginn des Ausbildungsjahres Anfang August von den bundesweit 35.000 Lehrstellen für Einzelhandelskaufleute 16.000 noch zu vergeben. Von den 21.000 Verkäuferlehrstellen waren es mit 11.500 sogar mehr als die Hälfte.

Das hat seine Ursache vor allem im schlechten Image des Berufs, ist Brigitte Nolte überzeugt. „Verkäufer gilt als besonders unattraktiv, unter anderem wegen der Arbeitszeiten bis in den Abend und des Verdienstes. Was viele nicht wissen: Der Einzelhandel bietet jungen Leuten schnelle Aufstiegsmöglichkeiten wie kaum eine andere Branche. Sie können schon mit Mitte 20 eine Filiale leiten.“ Und im Juli seien die Gehälter um drei Prozent gestiegen – obwohl der Einzelhandel nur zwei Prozent Umsatzwachstum erwarte. Zudem werde im Wettbewerb um Mitarbeiter teils mehr als der Tariflohn gezahlt.

Heike Lattekamp, die bei der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di in Hamburg für den Einzelhandel zuständige Fachbereichsleiterin, verweist dagegen auf die Arbeitsbedingungen der gut 70.000 festangestellten Verkäuferinnen und Verkäufer in der Stadt. „Die Anforderungen sind hoch, die Bedingungen oft hart“, sagt sie. Geschäfte in der Innenstadt seien zumeist bis 20 Uhr geöffnet, manche Supermärkte sogar bis 24 Uhr. Für Beschäftigte mit Kindern sei es fast unmöglich für die Abendstunden eine Betreuung zu organisieren.

Und in der Lohntabelle des Tarifvertrags sei bei 2656 Euro brutto im Monat Schluss – für eine Vollzeitstelle mit 37,5 Stunden pro Woche. Von den Arbeitgebern angeboten würden aber häufig Teilzeitstellen, etwa für 30 Wochenstunden. „Wenn man dann noch eine ungünstige Steuerklasse hat, bleibt nicht viel übrig“, sagt Lattekamp. Verbandschefin Nolte hält dagegen: „Teilzeit wird von den Beschäftigten oft gewünscht. Wer im Einzelhandel eine Vollzeitstelle will, wird sie in Hamburg mit Sicherheit finden.“

Auch die Monatsrente ist niedrig

Tatsächlich arbeiten laut Arbeitsagentur von den 44.000 festangestellten Verkäuferinnen in der Hansestadt 20.000 in Teilzeit, von den 26.000 Verkäufern sind es etwa 7000. Hinzu kommen noch um die 24.000 Minijobber auf 450-Euro-Basis. Gewerkschafterin Lattekamp sieht aber selbst Vollzeit-Verkäufer auf dem Weg in die Altersarmut: „Wer 40 Jahre lang gearbeitet hat, bekommt gerade mal um die 900 Euro Monatsrente. Früher war Verkäuferin und Verkäufer ein gesellschaftlich hoch anerkannter Beruf mit Perspektive. Heute fällt es schwer, einem jungen Menschen guten Gewissens und mit Blick auf das gesamte Erwerbsleben zu einer Ausbildung in diesem Beruf zu raten.“

Teilzeit oder Vollzeit? Kindermodenhändlerin Kerstin Horbach sagt, die drei Verkäuferinnen in ihrem Team arbeiteten lieber reduziert, um sich besser um ihre Kinder kümmern zu können. In den vergangenen Tagen haben die vier Frauen den Umzug des wegen Personalmangels geschlossenen Ladens organisiert. Horbach hat Glück gehabt, sie konnte die Verkaufsfläche des Stammgeschäfts vorher erweitern. Am heutigen Sonnabend wird der Laden, der bis vor Kurzem eigentlich aus zwei Läden bestand, wiedereröffnet.

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