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Wie Nespresso beim Kaffeekapsel-Fahrrad mogelt

Mark Ruijgrok (l.), Chef von Nespresso in Deutschland, und Konstrukteur Jimmy Osthölm mit dem Fahrrad, das angeblich aus recycelten Kaffeekapseln besteht – aber nur 300 Gramm davon enthält. Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Mark Ruijgrok (l.), Chef von Nespresso in Deutschland, und Konstrukteur Jimmy Osthölm mit dem Fahrrad, das angeblich aus recycelten Kaffeekapseln besteht – aber nur 300 Gramm davon enthält. Foto: Roland Magunia/Funke Foto Services

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Kaffeeröster stellt in Hamburg ein Zweirad aus recyceltem Aluminium vor. Doch das Versprechen wird nicht gehalten.

Hamburg.  Der Rahmen ist in einem satten Lila lackiert, die Fünfgangschaltung stammt vom japanischen Hersteller Shimano, Scheibenbremsen an Vorder- und Hinterrad, im Gepäckkorb aus Holz am Lenker sind Halter für gleich zwei Kaffeebecher integriert – und die Klingel sieht aus wie eine Kaffeekapsel. Das Re:cycle ist ein durchaus schickes, aber nicht unbedingt spektakuläres Fahrrad für die Stadt.

Was es von anderen Modellen unterscheidet, das ist das Material, aus dem es hergestellt ist. Das Re:cycle ist „ein Fahrrad aus recycelten Kaffeekapseln“. So jedenfalls teilt es der zum Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé gehörende Kapselhersteller Nespresso mit. Das allerdings ist ein wenig gemogelt, mindestens aber stark übertrieben.

Montag startete der Verkauf

Gemeinsam mit dem schwedischen Fahrradbauer Vélosophy hat Nespresso das mit einem Rahmen aus Aluminium ausgestattete Re:cycle entwickelt. Seit Anfang der Woche ist es auf dem Markt. Am Donnerstag stellten es Nespresso-Deutschland-Chef Mark Ruijgrok und Vélosophy-Gründer Jimmy Östholm in Hamburg vor.

„Heute ist ein sehr wichtiger Tag für uns, und wir sind super stolz“, sagte Ruijgrok. Nespresso-Chef Jean-Marc Duvoisin hatte schon zuvor verkündet: „Indem wir recycelte Kapseln für die Herstellung schöner Fahrräder verwenden, verbinden wir Nachhaltigkeit und Stil zu einem wirklich sinnvollen Produkt.“ Das Re:cycle solle helfen, noch mehr Nespresso-Kunden zum Recycling der benutzten Aluminiumkapseln zu motivieren.

Kaffeeröster setzt unbeirrt auf Aluminium

Die bestehen beim Branchenpionier von jeher aus dem Leichtmetall, und daran hielt Nespresso auch fest, als das Unternehmen im Herbst vergangenen Jahres hierzulande mit der Vertuo-Maschine ein zweites Kapselsystem für größere Kaffeeportionen auf den Markt brachte. Die Schweizer zeigen sich unbeeindruckt von jeder Kritik, die Kapseln – ob aus Alu oder Kunststoff – seien vermeidbarer Müll und hätten eine schlechte Öko-Bilanz. Nach Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe entstehen durch sie in Deutschland pro Jahr etwa 8000 Tonnen Abfall sowie weitere 5000 Tonnen Verpackungsabfall.

Statt auf Vermeidung oder neue, aus rückstandsfrei kompostierbaren Materialien hergestellte Kapseln, setzt Nespresso auf das Recycling seiner Aluminium-Behältnisse. Kunden können sie etwa in den Verkaufsboutiquen wie der am Neuen Wall in der Hamburger City abgeben. Das Unternehmen wirbt aber vornehmlich dafür, sie im Gelben Sack oder der Gelben Tonne für Verpackungen zu entsorgen, nicht aber in der grauen Reststofftonne. Dann werden sie schlicht verbrannt. Aus dem Verpackungsmüll dagegen können sie aussortiert, eingeschmolzen und wiederverwendet werden.

Aus alten Kapseln werden keine neuen

Nach einer Schätzung des Ökoinstituts landet in Deutschland aber nur etwa die Hälfte der benutzten Alu-Kapseln tatsächlich im Gelben Sack. Das Kaffeekapsel-Fahrrad soll nun helfen, das Bewusstsein der Verbraucher zu schärfen und diesen Anteil zu steigern. Denn nach Angaben des Unternehmens können 90 bis 95 Prozent aller Kapseln, die das Duale System hierzulande einsammelt, dann auch tatsächlich wiederverwertet werden.

Verwendet werde das Recycling-Aluminium etwa im Autobau oder zur Herstellung von Getränkedosen, erklärt Nespresso. Aber auch in höherwertigen Markenprodukten wie Sondereditionen eines Taschenmessers des Schweizer Traditionsunternehmens Victorinox. Für neue Kapseln jedoch eignet sich allein neu hergestelltes Aluminium.

Vom Re:cycle-Rad werden 1000 Stück gefertigt. Zu bestellen ist es ausschließlich über den Online-Shop von Vélosophy. Preis: 1290 Euro, zuzüglich Versandkosten. Käufer zahlen demnach kräftig drauf.

In einem Rad stecken nur 300 Kapseln

Denn das Fahrrad ist eine aufgehübschte Variante des Vélosophy-Modells Comfort. Das bieten die Schweden in der Standardversion bereits für umgerechnet gut 830 Euro an. Auch beim Comfort besteht der Rahmen teils aus Recycling-Aluminium – allerdings nicht aus eingeschmolzenen Nespresso-Kapseln. Und insgesamt auch nur zu etwa einem Drittel, sagt Östholm. Ein höherer Anteil sei derzeit nicht zulässig.

Beim Re:cycle ist das ebenso: Nur ein Drittel der Aluminiumteile sind aus Recyclingmetall – und wiederum nur ein Teil davon sind wiederverwertete Nespresso-Kapseln. Gleichwohl spricht der Kaffeeröster zwar einerseits von einem „Fahrrad aus recycelten Kapseln“, schränkt aber zugleich ein, es werde „unter Verwendung“ von Nespresso-Behältern produziert. Insgesamt waren es 300.000 Stück mit je einem Gramm Metallgewicht, erklärt das Unternehmen. Also 300 pro Fahrrad.

Demnach stecken im Rahmen eines insgesamt 15 Kilo schweren Re:cycle gerade einmal 300 Gramm Aluminium aus ehemaligen Kaffeekapseln. Dass der Fahrradrahmen dann eben doch nicht komplett aus ehemaligen Kapseln bestehe, habe einen einfachen, technischen Grund: Der Kaffee wird in Becherchen aus einer Aluminium-Sorte gefüllt, die für dickere Rohre gar nicht geeignet sei.

Wer sich ein Vélosophy-Modell zulegt – egal ob mit oder ohne wiederverwertete Kapsel –, tut gleichwohl etwas Gutes. Gründer Östholm verspricht: Für jedes Vélosophy gekaufte Rad wird einem Schulmädchen in Ghana ein Zweirad gespendet.