Investor

Besuch bei Ralf Dümmel, dem „König der Löwenhöhle“

Ralf Dümmel im Konferenzraum. Eine Wand besteht aus der Seite eines Schiffscontainers.

Ralf Dümmel im Konferenzraum. Eine Wand besteht aus der Seite eines Schiffscontainers.

Foto: Marcelo Hernandez

Mit 22 Jahren wagte er einen radikalen Neuanfang. Heute setzt der „DHDL“- Investor rund 260 Millionen Euro im Jahr um.

Hamburg. An sein erstes Mal kann sich Ralf Dümmel (52) noch genau erinnern. Er war gerade 22 geworden und hatte sich extra zwei Tage Urlaub dafür genommen. Anfang Januar 1988 muss es gewesen sein. Mit seinem weißen Fiat Uno (45 PS, selbst finanziert) ist er von Segeberg nach Stapelfeld gefahren, auf dem Beifahrersitz eine Straßenkarte. Was ihn im Stormarnring 14 erwarten würde, das wusste er nicht. Natürlich hatte er in den vergangenen Wochen und Monaten viel darüber gehört. Aber richtig vorstellen konnte er sich das alles nicht. Deswegen hatte er beschlossen, sich selbst ein Bild zu machen. Ein Bild von dieser Firma, von der Dieter Schwarz ihm immer wieder erzählt hatte. DS Produkte, ein Handelsunternehmen für Haushaltshelfer, Problemlöser und Gesundheitsartikel, das Schwarz gegründet und nach seinen Initialen benannt hatte.

Dümmel und Schwarz kannten sich vom Babysitten – Dümmels damalige Freundin war Babysitterin bei der Familie Schwarz, und er begleitete sie regelmäßig. Dass das mal sein Leben verändern würde, hätte er mit Anfang 20 aber nie, wirklich nie, gedacht. Heute weiß er, dass Dieter Schwarz nicht nur einfach nett zu ihm war und ein bisschen Smalltalk mit ihm machen wollte, wenn Ralf Dümmel mit seiner Freundin zum Babysitten kam. Sondern dass er mit ihm ein Vorstellungsgespräch führte.

Dümmel hat eine starke Ausstrahlung

Über Wochen und Monate. Bis er ihn eines Tages in die Firma einlud, ihm vorschlug, einfach mal vorbeizukommen – und zwei Tage auf Probe zu arbeiten. „Ich war total aufgeregt und habe mich riesig gefreut“, sagt Ralf Dümmel. Mehr als 30 Jahre später sitzt er in einem der Konferenzräume von DS Produkte und spricht über die Anfänge. Obwohl „sitzen“ nicht das richtige Wort ist für jemanden wie Ralf Dümmel. Er ist niemand, der einfach in einem Raum sitzt oder sich nur darin befindet. Sondern jemand, der einen Raum einnimmt, dominiert.

Er erzählt und lacht, gestikuliert. Wenn Ralf Dümmel spricht, dann nicht nur mit Worten, sondern mit seinem ganzen Körper. Er beugt sich vor, lehnt sich im Stuhl zurück, schlägt die Beine übereinander. Die Hose rutscht ein Stück hoch, seine Socken sind zu sehen. Sie sind türkis heute. Die Socken und das dazugehörige passende Einstecktuch sind sein Markenzeichen geworden, seit er in dem TV-Format „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) mitwirkt. Gerade eben wurde die sechste Staffel abgedreht.

Mehr als 4000 Artikel

Als er vor drei Jahren als Investor in die VOX-Sendung eingestiegen ist, kannte ihn kaum jemand. Heute ist Dümmel prominent und wird sogar im Ausland angesprochen. Der Name DS Produkte hingegen ist nur wenigen bekannt. Dabei gehört das Unternehmen aus Stapelfeld zu einem der europaweit größten Entwickler und Lieferanten von Non-Food-Artikeln für Versand-, Lebensmittel- und Einzelhandel sowie Discounter. Dümmel glaubt, dass in so ziemlich jedem Haushalt in Deutschland eines seiner Produkte zu finden ist – auch wenn die meisten Menschen das vermutlich selbst gar nicht wissen. Er weiß es.

Sein Sortiment umfasst inzwischen mehr als 4000 Artikel unter anderem aus den Bereichen Haushalt, Kleinelektro, Reinigung, Outdoor, Beauty und Fitness. Das Firmencredo: „Wir entwickeln Produkte und Problemlöser, die das Leben schöner und einfacher machen.“ Die Kernmarke des Unternehmens heißt maxx und reicht von Gourmetmaxx (Küchen-Elektrogeräte) und Cleanmaxx (Reinigungshilfen) bis hin zu Slimmaxx (formende Kleidungsstücke) und Christmaxx (Weihnachtsartikel).

Showroom groß wie ein Basketballfeld

Mögen Kritiker Dümmel auch als „König des Firlefanz“ bezeichnen, er ist stolz auf DS. Stolz auf die Produkte. Er hat das Sortiment mitgeprägt, den Wandel in den vergangenen 30 Jahren mit Dieter Schwarz stark vorangetrieben. An die Produkte früher musste er sich erst gewöhnen. Dümmel muss heute selbst lachen, wenn er von den ersten Produkten erzählt, mit denen er bei DS in Berührung gekommen ist. Hammerzeh-Korrekturhilfen und aufblasbare Kleiderbügel.

„Als junger Mensch mit Anfang 20 ist das nicht gerade das, was du selbst benutzen willst, ...“, sagt Dümmel und der Rest des Satzes hängt in der Luft wie ein Hauch von Baustaub. Bei DS wird gerade umgebaut, angebaut. Ein Neubau mit 1800 Quadratmetern und 28 Büros ist hinzugekommen, die alten Gebäude sind erweitert worden. Insgesamt 8000 Quadratmeter sind es jetzt, mit fast 90 Büros, Film- und Fotostudio und einem Showroom groß wie ein Basketballfeld.

Dümmel hat das Wachstum miterlebt, mitgestaltet. Vom kleinen Betrieb mit elf Leuten, die in einem Wohnhaus arbeiteten, 100 Produkte im Sortiment hatten und rund drei Millionen D-Mark Umsatz machten – bis heute zu einem der größten Lieferanten Europas für Non-Food-Artikel. Mit 400 Mitarbeitern, 4000 Produkten und einem Umsatz von rund 260 Millionen Euro.

Er kündigte seinen sicheren Job

Ralf Dümmel ist der Mann hinter dem Unternehmen. Der Macher. Auch wenn er das selbst nie so sagen würde. Wenn er immer betont, dass er nur sein Gesicht zeigt, stellvertretend für sein Team und Mitgesellschafter Hanno Hagemann. Nie behaupten würde, dass er es schon damals geahnt hat. Er sagt nur, dass er „schnell geschnallt hat, wie erfolgreich DS ist.“ So erfolgreich, dass Dümmel seinen sicheren Job bei Möbel Kraft in Bad Segeberg als Küchenverkäufer kündigte und zu DS wechselte.

Dass er seine Karriere beim Möbelhaus aufgab, wo er eigentlich bis zur Rente bleiben wollte, und ganz neu anfing. In einem Unternehmen, an dessen Produkte er sich gewöhnen musste, wie er sagt, aber in einem Job, der ihn begeisterte, der ihm Möglichkeiten wie kein anderer eröffnete. Und bei einem Mann, der für ihn der wichtigste in seinem Arbeitsleben wurde – sein Mentor, so etwas wie sein Ziehvater. Der ihn förderte, vertraute, immer mehr Verantwortung übertrug. Der ihn, den jungen Typen, neue Sortimentsbereiche erschließen und andere Vertriebskanäle testen ließ.

Schwarz hat Wandel vorausgesehen

Heute fragt sich Dümmel manchmal, ob Dieter Schwarz vielleicht da schon eine Vorahnung hatte. Ob er ahnte, dass die damals goldenen Zeiten des Versandhandels eines Tages vorbei sein würden? Ahnte, dass in einem der stärksten Länder des Versandhandels eines Tages nur noch rund fünf Prozent in diesem Bereich umgesetzt werden? Was auch immer es war – es hat dazu geführt, dass sich DS im Laufe anders aufgestellt, gewandelt hat. Dass das Unternehmen den Sprung in den Handel geschafft und diesen zu einem der stärksten Vertriebskanäle ausgebaut hat – gefolgt von Onlinegeschäft und Teleshopping. „Obwohl Dieter Schwarz ein vorsichtiger Typ war, hat er den Wandel irgendwie vorausgesehen und die nötigen Veränderungen gewagt“, sagt Ralf Dümmel.

Ortswechsel: Ein Glasgang trennt den Neubau auf der einen Straßenseite vom Altbau auf der anderen. Dort sitzt die Produktentwicklung. Fast 1000 eigene Produkte hat DS bisher entwickelt, rund 800 Patente und Schutzrechte sind eingetragen. Derzeit arbeitet das Team um Wirtschaftsingenieur Joakim Trump­ler (45) an der Entwicklung des neuen Fenster-Waschsaugers. Seit knapp einem Jahr tüftelt die Mannschaft über dem Gerät, das das Fensterputzen revolutionieren und vereinfachen soll – eine Weiterentwicklung des Fenstersaugers.

Zehn Projekte betreuen er und sein Team parallel

Nach einer Problem- und Marktanalyse wurde eine Fensterputzhilfe konzipiert, die Schmutzwasser absaugt, über einen Filter reinigt und dann zurück auf den Putzschwamm befördert. Nachdem Industriedesigner Christoph Borgmann (39) die ersten Skizzen mit der Hand erstellt hatte, wurde das Modell am Computer mithilfe eines Kon­struktionsprogrammes nachgebaut. Als Rendering bezeichnet man diese Vorausberechnung eines Produktes am Computer. „Anhand dieser Daten wurde dann in Asien ein Prototyp gebaut“, sagt Trump­ler. Was danach komme, erinnere an ein Pingpongspiel – weil in der folgenden Zeit Verbesserungsvorschläge und Nachbesserungen zwischen den Kontinenten hin- und herfliegen. „Nicht alles, was man am Schreibtisch entwickelt, funktioniert dann auch so in der Praxis“, sagt Trumpler.

Etwa zehn Projekte betreuen er und sein Team parallel. Während des gesamten Entwicklungsprozesses gibt es immer wieder Produktrunden mit dem Ein- und Verkauf, dem hausinternen Qualitätsmanagement, der Rechtsabteilung und dem Marketing. Diese erarbeiten das Brand-Design und die Verpackung, entwickeln eine Werbestrategie und lassen im hauseigenen Fotostudio Produktbilder anfertigen.

Probleme und Anforderungen

Hennig Eick (39) ist für das Qualitätsmanagement zuständig. Der Wirtschaftsingenieur prüft die rechtlichen Richtlinien und analysiert mögliche Probleme und Anforderungen – „damit wir diese beheben können, bevor das Produkt von externen Prüfern getestet und zertifiziert wird“, so Eick. Sein Büro gleicht einer Werkstatt oder Versuchsküche. Auf zwei Herdplatten stehen ein Topf und eine Pfanne, auf einer Arbeitsplatte eine Kaffeemaschine und die Heißluft-Fritteuse. Jedes Gerät wird nicht nur technisch überprüft – sondern auch ganz praktisch.

Also genau so, wie es die Endverbraucher tun. „Das heißt, wir kochen in den Kochtöpfen, machen in der Kaffeemaschine richtigen Kaffee und brutzeln in der Fritteuse Pommes und Chicken Nuggets“, so Hennig Eick. Die Heißluft-Fritteuse ist einer der Verkaufsschlager – so wie der Hemdenbügler, zu dem Ralf Dümmel die Idee hatte. „Bügeln gehört zu den meistgehassten Hausarbeiten. Da wir Problemlöser lieben, wollten wir etwas entwickeln, das einem das Bügeln abnimmt“, sagt Dümmel. Das ist sein Credo – Produkte entwickeln, die das Leben leichter machen.

War schon immer so, das ihn das angetrieben hat. Als DS 1996 die erste Lieferung mit Sprachcomputern bekam, hat er dafür extra eine Geburtstagsparty sausen lassen. „Wir hatten monatelang darauf gewartet. Als ich dann endlich den Anruf bekam, bin ich sofort losgefahren“, sagt Dümmel und lacht. Alles andere sei egal gewesen. Es war sein eigener Geburtstag, sein dreißigster.