Hamburg

Die Frau, die seit 20 Jahren Beiersdorf kontrolliert

Beiersdorf-Aufsichtsrätin Manuela Rousseau

Beiersdorf-Aufsichtsrätin Manuela Rousseau

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Der ungewöhnliche Weg von Manuela Rousseau in den Aufsichtsrat des Hamburger DAX-Konzerns.

Hamburg.  Manuela Rousseau kommt selbst zum Empfang in der Beiersdorf-Zentrale in Eimsbüttel, um die Besucher abzuholen. Da kann man im Fahrstuhl schon mal über die Foto-Location sprechen. Wie praktisch. Einen kurzen Moment zuckt einem die Frage durch den Kopf, ob ein Mann es wohl genauso gemacht hätte. „Bling“, fünfte Etage. Ein langer Flur, eine schwere Tür mit sehr guter Dämmung. „Das ist der Sitzungssaals des Aufsichtsrats“, sagt die 63-Jährige.

Mitten im Raum stehen sich zwei Tischreihen gegenüber. An den Wänden hängen die Logos von bekannten Marken wie Nivea oder La Prairie, in einer Vitrine sind Produktneuheiten ausgestellt. Manuela Rousseau sitzt seit 20 Jahren im Kontrollgremium von Hamburgs einzigem DAX-Konzern, länger als alle anderen Mitglieder. Viele Jahre war sie die einzige Frau. Im April ist sie zur stellvertretenden Chefin aufgerückt. „Wir sind jetzt fünf Frauen im Aufsichtsrat“, sagt Rousseau. Fünf von zwölf, das ist eine sehr ordentliche Quote im Vergleich zu anderen Firmen.

Aber natürlich kann es noch viel besser werden. Es muss. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist immer wieder ein Thema. Nachdem 2016 eine Regelung in Kraft trat, nach der Aufsichtsräte der größten börsenorientierten Unternehmen zu mindestens einem Drittel weiblich besetzt sein müssen, ist der Frauenanteil gestiegen und liegt bei knapp 30 Prozent. Die Hoffnung, das könne auch Effekte auf Vorstandsbesetzungen haben, ist dagegen nicht eingetreten. Gerade mal 8,5 Prozent Frauen saßen 2018 im Management großer Firmen. „Die Quote hilft“, sagt Rousseau. Aber es müsse sich viel mehr ändern. Sie sieht sich deshalb auch als Mittlerin.

Sie ist eine Quereinsteigerin

„Machen ist mutiger als wollen“, lautet ihr Rat an die Frauen. Sie ist selbst ein Beispiel: Die Quereinsteigerin musste nach dem Hauptschulabschluss die Schule verlassen. Mit Mitte 20 ist sie mit einem Plattenladen in Schleswig-Holstein pleitegegangen. Sie fand einen Job in der Pressearbeit bei Beiersdorf – und gelangte später in den Aufsichtsrat. Über ihren ungewöhnlichen Lebensweg hat sie jetzt ein Buch geschrieben. Der Titel ist auch ein Appell: „Wir brauchen Frauen, die sich trauen“.

Zwischen dem Sitzungssaal des Aufsichtsrats und ihrem Büro liegen nur wenige Meter. Manuela Rousseau ist im Hauptberuf Leiterin der Abteilung Corporate Social Responsibility in der Beiersdorf-Zentrale in Eimsbüttel. Sie organisiert für die Mitarbeiter Team-Tage und Kulturveranstaltungen, koordiniert das soziale Engagement des Unternehmens für Flüchtlinge oder Kinder aus sozialschwachen Familien. Man kann sich die Frau mit dem freundlichen Lächeln und dem unprätentiösen Auftreten gut in der Rolle vorstellen. Woanders würde man das Feel-Good-Managerin nennen.

Dass sie auch anders kann, zeigt ihre Position im Aufsichtsrat. Dort saß anfangs noch Günter Herz für die Tchibo-Gründer-Familie mit am Tisch, seit 16 Jahren mit Mehrheitsaktionär Michael Herz. Sie hat Kommen und Gehen diverser Vorstandschefs begleitet. Zuletzt wurde Stefan Heidenreich von dem derzeitigen Beiersdorf-Chef Stefan De Loecker abgelöst.

Millionenschwere Zukäufe von Firmen beschloss sie mit, wie gerade die Übernahme der amerikanischen Sonnenschutzmarke Coppertone. „Unsere Aufgabe ist es, Beiersdorf fit für die Zukunft zu machen“, sagt Rousseau und berichtet von unterschiedlichen Sichtweisen in dem Gremium, die aber immer diskutiert würden. „Es werden Saatkörner für die Meinungsbildung gelegt.“ Konkreter wird sie nicht. Es gilt strengste Verschwiegenheitspflicht.

Die Beziehung zu ihrer Mutter ist schwierig

Dass sie einmal einen so wichtigen Posten an der Spitze eines Konzerns einnehmen würde, war alles andere als absehbar. Manuela Rousseau stammt aus einem Arbeiterviertel im schleswig-holsteinischen Neumünster. Der Vater war Lokführer, die Mutter Näherin. In ihrem Buch schildert sie, wie sie als Kind ein Gespräch ihrer Mutter belauschte, in dem diese einer Freundin anvertraute: „Die Geburt von Manuela war für mich eine herbe Enttäuschung. Ich hatte mir so sehr einen Jungen gewünscht.“

Eine Kränkung, die sie lange begleitet hat. Und die sie, wie sie heute sagt, „mutig gemacht hat“. Sehr offen beschreibt sie die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter, Brüche und Selbstzweifel in ihrem Leben – und auch die Neuanfänge.

Finanzielle Unabhängigkeit als Ziel

Rousseau durfte kein Abitur machen, begann stattdessen nach dem Hauptschulabschluss mit 14 Jahren eine Kaufhaus-Lehre. Später kam der schon erwähnte Einstieg als Teilhaberin in einen Plattenladen, der nach einigen Jahren Konkurs machte. Im Rückblick ein „Schlüsselerlebnis“. „Damals habe ich mir drei Ziele gesetzt: einen Job in einem großen Unternehmen, eine Eigentumswohnung als Altersabsicherung und finanzielle Unabhängigkeit“, sagt sie und schaut aus dem Fenster ihres Büro weit über die Stadt.

Sie hat alles erreicht – und noch ein bisschen mehr. „Ziele sind wichtig, aber sie dürfen nicht zu eng sein“, sagt Rousseau, die sich seit Jahren für Frauenförderung starkmacht. Sie selbst war als Pressereferentin bei Beiersdorf tätig, als sie 1994 zum ersten Mal gefragt wurde, ob sie als Arbeitnehmervertreterin für den Aufsichtsrat kandidieren wolle. Sie zögerte, überwand dann aber die Zweifel und sagte zu. Auch weil sie starke Unterstützung von ihrem Chef bekam, einem Mann.

1999 wurde Rousseau gewählt

Nachdem der erste Anlauf scheiterte, wurde sie 1999 gewählt. „Ich hatte einen Mordsrespekt“, erinnert sie sich an ihre erste Sitzung im Sitzungssaal im fünften Stock. Sie habe sich kurz vorgestellt und dann erst mal nur zugehört. Was sie nicht verstand, arbeitete sie nach. Inzwischen wurde sie zum fünften Mal wiedergewählt, zunächst für die Gruppe der Angestellten (1999–2009), dann für die Leitenden Angestellten (2009–2017), zuletzt als Gewerkschaftsvertreterin für den VAA, der Interessenvertretung für Führungskräfte der chemischen Industrie.

„Frauen denken häufig, sie sind eine Art Mogelpackung“, beschreibt Rousseau Ängste und Unsicherheiten, die auch erfolgreiche Frauen immer wieder begleiteten. Ihr Buch ist eine Mischung aus persönlichem Lebensbericht und Sachbuch, und auch ein bisschen Lebenshilfe. Indem sie ihren Lernprozess, die Zweifel bei jedem Karriereschritt offenlegt, will sie Mut machen. „Es geht auch darum, dass Frauen mehr miteinander über diese Themen reden, dadurch entsteht Veränderung und kommt Bewegung in tradierte Verhaltensweisen.“

Geschrieben hat sie neben ihrem Job, ihren Aufsichtsratsposten bei Beiersdorf und seit 2009 zudem bei der Holding Maxingvest, ihrer Professur an der Hochschule für Musik und Theater für Fundraising Management und diversen Ehrenämtern. „Immer morgens zwischen fünf und halb acht“, erzählt sie. In der Zeit habe sie auch immer wieder Zweifel gehabt, ob die Offenheit ihr schaden könne. Einige Wochen nach der Veröffentlichung Ende April ist die Resonanz positiv. Viele Frauen melden sich bei ihr, mit langen handgeschriebenen Briefen und knappen Mails.

Seltener Männer. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der sie als Schirmherrin der Initiative Chefsache für ein ausgewogenes Verhältnis von Frauen und Männern ein Exemplar zugeschickt hatte, habe sich mit einem persönlichen Brief für ihren Einsatz für die Frauenförderung bedankt. „Das war ein besonders schöner Augenblick, ein Gänsehaut-Moment“, sagt Rousseau.

In Sachen Gleichberechtigung habe sich einiges getan

Karriere ist für jeden etwas anderes, so die erfahrene Aufsichtsrätin, die mit Hans-Jürgen Schriever, Schulungsleiter bei Lotto Hamburg, verheiratet ist, in Rellingen lebt und gern Golf spielt. Es habe sich in Sachen Gleichberechtigung im Arbeitsleben einiges bewegt, trotzdem höre sie in vielen Gesprächen, dass Frauen auch 2019 Orientierung suchten und Vorbilder. „Ich wünsche Frauen mehr Mut, sich eine große eigene Vorstellung von ihrem Leben zu erlauben.“ Bleibt eine Frage: Ist sie eine Karrierefrau? Manuela Rousseau lächelt ein bisschen. „Das kann ich nicht verneinen.“

Das Buch „Wir brauchen Frauen, die sich trauen: Mein ungewöhnlicher Weg bis in den Aufsichtsrat eines DAX-Konzerns“ von Manuela Rousseau ist im Ariston Verlag erschienen und im Handel für 20 Euro erhältlich.