Medikamente

Hamburger erforschen die Medizin der Zukunft

Evotec-Vorstandschef Werner Lanthaler im Atrium des Firmengebäudes in Langenhorn

Evotec-Vorstandschef Werner Lanthaler im Atrium des Firmengebäudes in Langenhorn

Foto: Andreas Laible

Das Biotechnologie-Unternehmen Evotec wächst kräftig mit innovativen Wirkstoffen. Der Aktienkurs stieg jüngst auf ein 18-Jahres-Hoch

Hamburg.  Wohl nur wenige Hamburger Unternehmen können solche Erfolgskennzahlen vorweisen: Im Jahr 2018 stieg der Umsatz des Biotechnologie-Unternehmens Evotec um mehr als 40 Prozent auf 375 Millionen Euro, der Nettogewinn hat sich auf 84 Millionen Euro deutlich mehr als verdreifacht, der Aktienkurs kletterte seit Anfang vorigen Jahres um rund 61 Prozent.

Dennoch dürften nicht allzu viele Hamburger ein klares Bild von der Firma, die in der Hansestadt immerhin rund 400 Menschen beschäftigt, vor Augen haben. Vermutlich liegt das am hoch spezialisierten Geschäftsmodell, das für Laien nicht leicht nachvollziehbar ist. Es hat aber den Anschein, dass Evotec sich auch nicht besonders darum bemüht, in der Öffentlichkeit verständlicher zu werden. Das belegt ein Satz aus einer Mitteilung, die das Unternehmen vor wenigen Tagen anlässlich einer neuen Kooperation mit der Hamburger Firma Indivumed herausgab: „Im Rahmen der zunächst zweijährigen Zusammenarbeit werden Evotecs proprietäre Bioinformatik-Analyseplattform ‘PanHunter’ und ihre Plattformen zur Entdeckung niedermolekularer Substanzen und Antikörpern mit der Darmkrebs-Kohorte aus Indivumeds Multi-Omics-Krebsdatenbank ‘IndivuType’ kombiniert.“

Die Firma wird von Pharmakonzernen am Umsatz ihrer Produkte beteiligt

Doch es geht auch anders – sehr viel klarer: „Bei Evotec suchen wir nach Therapien, die an den Krankheitsursachen ansetzen, anstatt nur die Symptome zu bekämpfen“, erklärt der Evotec-Vorstandschef Werner Lanthaler. Er verweist als Beispiel auf Hauterkrankungen: „Hier gibt es diverse Salben, die gegen Juckreiz und Entzündungssymptome wirken, ohne jedoch die Ursache der Krankheit zu beseitigen, die häufig eine Funktionsstörung in der Hautzelle ist.“ Evotec suche nach Wirkstoffen, die gezielt Einfluss auf die biologischen Prozesse in der Zelle nehmen und solche Funktionsstörungen beheben. Diese sind die Basis für spätere Salben und Pillen.

Zwar bringen die Hamburger nicht selbst die fertigen Medikamente auf den Markt. Dies überlässt man Pharmaunternehmen, wobei Evotec aber am Umsatz der späteren Produkte beteiligt wird. Die Firma sei gut positioniert, um vom Trend in der Biopharmaindustrie zu profitieren, Forschungsaufträge außer Haus zu vergeben, schrieb Patrick Trucchio, Analyst des Bankhauses Berenberg, kürzlich in einer Studie. Lanthaler erläutert diese Tendenz aus seiner Sicht: Die Pharmaindustrie entwickele sich durch den Kostendruck auf der einen und den Innovationsdruck auf der anderen Seite zu einer kooperativeren Branche, „die die Entstehung neuer Partnerschaften ermöglicht.“

Evotec sei dabei im Durchschnitt mit etwa acht Prozent am Umsatz beteiligt, so der Vorstandschef: „Wenn Sie sich also vorstellen, dass ein Unternehmen ein von uns entwickeltes Medikament auf den Markt bringt, das einen Milliardenumsatz einbringt, werden wir mit 80 Millionen Euro am Erfolg beteiligt – ohne dass wir dafür einen zusätzlichen Euro in die Hand nehmen müssen.“ Aktuell gebe es mehr als 100 Projekte, bei denen das Unternehmen an den Erlösen beteiligt sei: „Darin schlummert das wirkliche Potenzial von Evotec.“

Millionen von Substanzen werden auf ihre medizinische Wirksamkeit durchgetestet

Dabei dürfte die Zahl noch weiter steigen. „Evotec hat Zugriff auf Millionen von Substanzen, die wir als potenzielle Wirkstoffe testen können“, so Lanthaler. Mit weitgehend automatisierten Verfahren könnten teils mehr als 100.000 Kombinationen solcher Substanzen und ihrer möglichen „Ziele“ in den Körperzellen durchprobiert werden.

Schon heute spielen Computer und Simulationsprogramme hierfür eine große Rolle. Man arbeitet aber bereits an noch weit leistungsfähigeren Methoden, wie der Evotec-Chef erklärt: „Künstliche Intelligenz leistet einen wichtigen Beitrag, in diesen großen Datenmengen Muster und Zusammenhänge zu erkennen.“ Vor allem könnten die Testergebnisse damit „nahezu in Echtzeit auf mögliche toxikologische Risiken untersucht werden“, so Lanthaler: „Damit kann verhindert werden, dass Geld für die Entwicklung von Wirkstoffkandidaten ausgegeben wird, bei denen sich später herausstellt, dass sie im Körper unverträglich sind.“ Gemeinsam mit der darauf spezialisierten Firma Exscientia in Oxford, an der Evotec beteiligt ist, setze man bereits heute Künstliche Intelligenz ein – „und sind hier nach unserer Einschätzung auch weltweit führend.“

2019 will das Evotec-Management jedenfalls an die jüngste Erfolgsserie anknüpfen. Bei der Bilanzvorlage Ende März war von einem „sehr guten Start“ in das neue Jahr die Rede. Branchenexperten trauen dem Unternehmen ebenfalls eine gute Entwicklung zu: „Es scheint, als werde 2019 das Jahr, in dem Evotec wirklich die Stärke des Geschäftsmodells beweisen kann“, schrieb Analyst Volker Braun vom Bankhaus Lampe in einer Studie. Er geht davon aus, dass der Umsatz bis 2020 auf knapp 462 Millionen Euro zulegt, was gegenüber 2018 ein Plus von 23 Prozent bedeuten würde.

US-Hedgefonds spekulieren offenbar gegen die Aktie

Doch Lanthaler blickt noch weiter in die Zukunft. „Wir sind erst am Anfang einer lagen Reise die wir uns vorgenommen haben“, sagt er: „Evotec ist in einem Markt aktiv, der jedes Jahr mit etwa acht Prozent wächst – und unser Wachstum liegt sogar deutlich darüber.“

Allerdings steht die allerjüngste Kursentwicklung im Gegensatz zu solchen Perspektiven. Nachdem die Aktie Anfang April auf ein 18-Jahres-Hoch von 25,45 Euro geklettert war, hat sie seitdem um mehr als 14 Prozent nachgegeben. Das sei nicht nur auf Gewinnmitnahmen nach dem starken Kursanstieg zuvor zurückzuführen, heißt es vom Börsenmagazin „Der Aktionär“ und beim Online-Portal „aktiencheck.de“: Mehrere US-Hedgefonds – genannt werden Wellington, Melvin Capital und Lakewood – spekulierten derzeit mittels so genannter Leerverkäufe gegen das Evotec-Papier, so wie sie das bereits früher mehrfach getan hätten.

Doch darin liege möglicherweise eine Kaufchance, argumentieren die Börsendienste. Denn in der Vergangenheit hätten die Spekulanten immer nur kurze Zeit für Unruhe sorgen können.