Umweltschutz

Was Supermärkte gegen die Plastikberge unternehmen

Mundgerecht geschnitten und mehrfach in Plastik verpackt findet man Obst in vielen Supermärkten.

Mundgerecht geschnitten und mehrfach in Plastik verpackt findet man Obst in vielen Supermärkten.

Foto: littleny / iStockphoto

Noch immer bieten Supermärkte Bananen in Plastikfolie, obwohl die Früchte selbst eine Schale haben. Wie sich das in Zukunft ändert.

Hamburg.  Kaufen, aufreißen, wegwerfen: Wer häufig im Supermarkt oder Discounter einkauft, kennt das. Gurken in Plastikfolie, in Plastik eingeschweißte Käse- und Wurstscheiben, Kaffeepakete mit Dosierhilfen, Getränke in Einwegflaschen aus Plastik, Klopapier in der Plastiktüte. Kaum sind zu Hause die Taschen ausgepackt, quillt der Abfalleimer über. Statistisch ist jeder private Verbraucher in Deutschland für knapp 25 Kilogramm Plastik-Verpackungsmüll pro Jahr verantwortlich, hat das Umweltbundesamt ausgerechnet.

Legt man den gesamten Verpackungsverbrauch zugrunde, sind es 220 Kilo pro Person. Umweltverbände geißeln den Verpackungswahnsinn, Händler und Hersteller betonen die Schutzfunktion bei Transportwegen und Hygienevorschriften – immer mehr Kunden sind genervt. Dass sich langsam etwas bewegt, hat auch mit politschem Druck zu tun. Die EU hat ein Verbot von Plastiktellern, Trinkhalmen, Wattestäbchen mit Plastik und anderen Einwegartikeln ab 2021 beschlossen. Die EU verbannt also Einweg-Plastik – Das ändert sich für Verbraucher.

Prompt haben fast alle Handelsketten angekündigt, die Artikel bereits im Laufe des Jahres auszulisten. Auch das Ende der Gratis-Plastiktüte war nicht ganz freiwillig. Fakt ist: In nur zwei Jahren ist der Verbrauch um mehr als die Hälfte gesunken, seitdem die Einweg-Beutel etwas kosten. Mit dem neuen Verpackungsgesetz will Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) zudem die Recyclingquoten erhöhen. Im Februar hat sie Handel und Hersteller dazu ermahnt, bis zum Herbst konkrete Lösungen zur Reduzierung von Plastikverpackungen vorzulegen – zunächst freiwillig. Was die vier größten Lebensmittelhändler planen:

Edeka (3800 Filialen)

Edeka setzt seit Herbst 2018 sogenanntes Smart-Branding bei Süßkartoffeln, Mango, Ingwer, Kokosnuss und zwei Kürbissorten in Bio-Qualität ein. Auch andere Obst- und Gemüsesorten werden – abhängig von der Auswahl der selbstständigen Edeka-Kaufleute – lose angeboten. Äpfel gibt es im Netz statt im Plastikbeutel. Die Zahl der sogenannten Knotenbeutel aus sehr dünnem Plastik wurde nach Unternehmensangaben in den vergangenen drei Jahren um etwa 95 Millionen Stück reduziert.

Stattdessen gibt es in vielen Märkten Papiertüten und Mehrwegbeutel im Fünferpack für 4,99 Euro. Im Test ist auch ein System mit Mehrweg-Behältern, die die Kunden kaufen oder mitbringen können und sich darin Käse, Wurst, Fleisch, Fisch oder fertige Salate einpacken lassen können. Edeka arbeitet nach eigenen Angaben bei den Verpackungen der 3600 Eigenmarkenartikel daran, den Materialeinsatz zu verringern, etwa bei PET-Wasserflaschen.

Ersparnis bislang: 80.000 Tonnen Plastik. Parallel werden Rohstoffanteile ausgebaut, die aus Recyclingmaterial oder nachwachsenden Rohstoffen bestehen. „Bezogen auf unsere Eigenmarkenverpackungen hat Plastik nur einen Anteil von rund einem Viertel“, sagte ein Edeka-Sprecher. Zudem führt der Lebensmittelhändler Entsorgungsratgeber auf den Produkten ein. Auch mit ihrer Strategie zum Umweltschutz wollen sich Supermärkte wie Edeka von der Konkurrenz absetzen: So erfolgreich sind Edeka und Rewe mittlerweile.

Aldi (4200 Filialen)

Mit der Ankündigung, Salatgurken ab April ohne Plastikfolie zu verkaufen, hat Aldi für Schlagzeilen gesorgt. Das es eine von mehreren tiefgreifenden Änderungen im Monat April. Gurken sind nach Angaben der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung das drittbeliebteste Gemüse der Deutschen. Das soll 120 Tonnen Plastik im Jahr sparen. Gab es bei der Kette früher kaum frische Produkte ohne Verpackung, werden seit Längerem unter anderem Fairtrade-Bananen, Kohlrabi, Mangos, Avocados, Paprika und einige Kohlsorten lose angeboten.

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Aktuell testet Aldi als Alternative zu den Knotenbeuteln derzeit Mehrweg-Taschen für Obst- und Gemüse, die entweder gekauft (blaue Henkel) oder nach dem Bezahlen an der Kasse zurückgegeben (gelbe Henkel) werden können. Insgesamt will der Discounter bis 2025 den Materialeinsatz bei Verpackungen von Eigenmarken um 30 Prozent senken.

Parallel soll die Verwendung von recyclingfähigem Kunststoff erhöht werden. Seit diesem Frühjahr werden „Tipps für die Tonne“ auf die Verpackungen von Aldi-Produkten integriert, die Käufern eine Anleitung zur Mülltrennung geben.

• Ratgeber: So können Verbraucher beim Einkauf Plastik vermeiden

Rewe (3300 Filialen)

Rewe war die erste große Supermarktkette, die ihre Kunden von den Vorteilen von Mehrweg-Frischenetzen zu überzeugen versuchte. Nach einem Test gibt es die waschbaren Beutel, deren Gewicht über einen Barcode an der Waage abgezogen wird, bundesweit in den Märkten. Das Doppelpack kostet 1,49 Euro. Das Unternehmen bietet ähnlich wie Edeka diverse Sorten Saisongemüse, darunter auch Gurken und Bananen, sowie zahlreiche Artikel in Bio-Qualität unverpackt an. Rewe merkt: Bio gewinnt weiter an Boden und erobert Discounter. Die Produkte haben Klebeetiketten oder -banderolen. Süßkartoffeln und Avocados werden mit Laserlogos versehen. Dass Laser-Aufschriften auf dem Gemüse zu finden sind, ist auch eine Reaktion auf Wünsche der Kunden. So gab es einen Petition an Rewe, die forderte: Keine Plastikverpackung für Bio-Produkte.

Mit einem Modellversuch will der Lebensmittelhändler den Plastikverzicht bei 107 Bio-Obstsorten und Gemüse testen. In 630 Rewe- und Nahkauf-Märkten in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und im Saarland soll ab April „weitestgehend“ auf Plastikverpackungen verzichtet werden. So könne man 55.000 Tonnen Plastik einsparen, heißt es. Das Unternehmen hat sich zudem verpflichtet, bis 2030 sämtliche Eigenmarkenverpackungen umweltfreundlicher zu gestalten. Gearbeitet wird auch an der Reduzierung von Folienstärken bei Frühstücks- und Müllbeuteln, Verpackungen von Küchentüchern und Toilettenpapier oder dem Einsatz von Recyclat bei Tragetaschen und Plastikflaschen für Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel. Insgesamt wurden 1122 Verpackungen umweltfreundlicher gestaltet.

Lidl (3200 Filialen)

Lidl will den Kunststoffeinsatz bis 2025 um mindestens 25 Prozent reduzieren und die Recyclingfähigkeit bei Verpackungen der Eigenmarken auf 100 Prozent steigern. Unter anderem hat der Discounter angekündigt, ab Sommer in seinen Filialen „Dein Vitaminnetz“ als Alternative zum Knotenbeutel einzuführen. Mit dem waschbaren Mehrwegnetz können Kunden loses Obst und Gemüse verpacken und transportieren. Das Netz fasst sieben Liter, trägt bis zu fünf Kilogramm und wiegt acht Gramm. Im Zweierpack kostet es 49 Cent.

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Lidl will damit den Verbrauch von sogenannten Knotenbeuteln reduzieren, der 2017 bei 39 Stück pro Kunde lag. Unverpackt angeboten werden konventionelle und Fairtrade-Bio-Bananen, sowie Paprika, Zucchini, Auberginen, Süßkartoffeln, Strauchtomaten, Mangos, Kiwis, Avocados, Äpfel und Birnen. Der Anteil der unverpackten Obst- und Gemüseartikel soll weiter ausgebaut werden. Nach Angaben einer Sprecherin wurde in den vergangenen Jahren durch Veränderungen der Verpackungen von Lidl-Eigenmarken der Plastikverbrauch deutlich gesenkt. So wurde jüngst die Foliendicke der Toastbrotverpackungen um 25 Prozent reduziert. Im Nuss- und Trockenfrucht-Sortiment werden bei den Verpackungen von zehn Sorten etwa 20 Prozent und damit 150 Tonnen.

(Hanna-Lotte Mikuteit)