Doppelabsturz

Boeing-Desaster: Heftige Kritik an US-Flugaufsichtsbehörde

Die Boeing 737 MAX 8 ist nach zwei Unfällen in der Kritik.

Die Boeing 737 MAX 8 ist nach zwei Unfällen in der Kritik.

Foto: JOSHUA ROBERTS / Reuters

Piloten sollen vor Schwachstellen bei der Boeing 737 MAX gewarnt haben. Ethiopian Airlines lässt Flugschreiber untersuchen.

Washington. Die Aufklärung der zweiten Flugkatastrophe binnen weniger Monate mit einer Boeing-Passagiermaschine vom Typ 737 MAX 8 durch die US-Regierung wirft zunehmend Fragen auf. Im Mittelpunkt steht die staatliche Flugaufsichtsbehörde FAA. Und deren Nähe zum Hersteller Boeing, die auch Präsident Donald Trump nachgesagt wird. Laut US-Medien hatten Piloten nach der ersten Katastrophe in Indonesien im Oktober 2018 mit 189 Toten (Lion Air) in Branchenforen erhebliche Schwachstellen bei der Handhabung des MCAS-Systems geltend gemacht.

Dabei handelt es sich vereinfacht gesagt um ein Korrektur-Tool, das in der Startphase automatisch die Nase des Flugzeugs senkt oder hebt, um einen Strömungsabriss zu verhindern. Insbesondere die Bedienungsanleitungen dafür seien „kriminell unzureichend“, heißt es an einer Stelle. Vertreter von Boeing und FAA konnten sich aber dem Vernehmen nach bis Ende vergangenen Jahres nicht über den Umfang der Nachrüstung einigen – auch bedingt durch den von Trump kurz vor Weihnachten inszenierten Regierungsstillstand.

Zweifel an der FAA

Bei dem Shutdown wurde etlichen Regierungsbehörden massiv Personal entzogen. Kongressabgeordnete wollen nun der Frage nachgehen, ob der Absturz in Äthiopien hätte verhindert werden können, wenn die entsprechenden Softwareänderungen eher vorgenommen worden wären. Die Demokraten Larsen und DeFazio graben noch tiefer: Warum wurden die erst 2017 eingeführten Modelle 737 MAX 8 und 9 in den USA zertifiziert, ohne dass eine zusätzliche, intensive Pilotenschulung vorgeschrieben wurde?

Zweifel an der FAA gibt es auch an anderer Stelle: Ethiopian Airlines, die Muttergesellschaft des Unglücksfliegers, vertraut offenbar nicht der Sachkunde der FAA und der US-Transportsicherheitsbehörde NTSA. Flugschreiber und Cockpit-Stimmenrekorder der bei Addis Abeba abgestürzten Maschine werden nun in Frankreich untersucht – nicht in Amerika. Wie schnell die Luftunfall-Agentur BEA die gespeicherten Daten auswerten kann, ist bisher unklar. „Darüber entscheidet der Grad der Zerstörung“, sagte ein Flugexperte in Washington, „im schlimmsten Fall kann es Wochen dauern.“

Späte Entscheidung Trumps

Sonderbar ist auch die späte Entscheidung Trumps, die 75 Maschinen dieses Typs, die bei US-Fluggesellschaften wie Southwest, American und United im Einsatz sind, ebenfalls mit einem unbefristeten Start-und-Lande-Verbot zu belegen. Noch am Dienstag hatten FAA, die zuständige Verkehrsministerin
Elaine Chao und Boeing-Chef Dennis Muilenburg unisono verkündet, die besagten Flugzeuge seien trotz der beiden Katastrophen, die rund 350 Todesopfer forderten, sicher. Währenddessen hatten mehr als 40 Länder und Airlines bereits vorbeugend die Reißleine gezogen.

Sperrungen nach Boeing-Absturz

Der Sinneswandel bei Trump kam, nachdem die kanadische Regierung ihrerseits einen 737-MAX-Stopp verhängt hatte. Mit der für Aufsehen sorgenden Begründung, dass eine US-Firma spezielle Satellitendaten ausgewertet hatte, die „gewisse Ähnlichkeiten“ beim Flugverhalten der typgleichen Unglücksmaschinen in Indonesien und Äthiopien aufwiesen. Boeing arbeitet an einem Software-Update. FAA-Chef Dan Elwell deutet an, dass die Nachrüstung der rund 400 Maschinen „Monate dauern“ kann. Bis dahin soll nach jetzigem Stand ein Flugverbot in Kraft bleiben.