Hamburg

Razzia in der Berenberg-Bank – Ermittlungen gegen Co-Chef

| Lesedauer: 6 Minuten
Volker Mester und André Zand-Vakili
Hendrik Riehmer, Mitinhaber der Berenberg-Bank in Hamburg.

Hendrik Riehmer, Mitinhaber der Berenberg-Bank in Hamburg.

Foto: Michael Arning/Bertold Fabricius/Montage: HA

Kripo- und BaFin-Ermittler durchsuchen auch Villen in Nienstedten und Wohldorf-Ohlstedt. 20 Millionen Euro auf Konten arrestiert.

Hamburg. Die Razzia fand an den feinsten Adressen Hamburgs statt: Zeitgleich stürmten Beamte des Landeskriminalamts auf großzügige Grundstücke in Nienstedten und in Wohldorf-Ohlstedt. Ihr Ziel: Die Villa von Hendrik Riehmer, Co-Chef des Bankhauses Berenberg, sowie das Haus des Hamburger Immobilienunternehmers Daniel C.

Mit dabei waren Beamte der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Der Vorwurf gegen Riehmer, eine Person aus seinem privaten Umfeld und den Immobilienentwickler lautet nach Abendblatt-Informationen auf Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz.

Zwei der Beteiligten sollen aufgrund von Insiderinformationen bei dem Verkauf von Aktien der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd durch den Reisekonzern TUI im Sommer 2017 große Wertsteigerungen mit Hapag-Lloyd-Aktien erzielt haben.

Durchsucht wurden auch Geschäftsräume von Berenberg, wobei sich die Ermittlungen nicht gegen die Bank, sondern gegen ihren Top-Manager richten, sowie Büros des Immobilienkaufmanns in der Innenstadt.

Verdacht auf Insiderhandel

„Die Behörden untersuchen eine Transaktion unter dem Gesichtspunkt des Verdachts auf Insiderhandel“, teilte ein Sprecher des Bankhauses auf Anfrage mit. „Wir kooperieren vollumfänglich mit den Behörden und gehen fest davon aus, dass sich dieser Verdacht nicht bestätigen wird.“

Riehmer wolle sich nicht dazu äußern. Auch Daniel C., ein früherer Berenberg-Mitarbeiter, will nach Angaben seines Unternehmens „keinerlei Stellungnahme abgeben“.

Bereits Anfang 2017, so der Verdacht von Ermittlern der Abteilung Wirtschaftskriminalität im Landeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft, soll Riehmer die ihm nahestehende Person sowie den Immobilienunternehmer von dem bevorstehenden Aktiengeschäft, bei dem die TUI ihren gesamten Bestand an Hapag-Lloyd-Papieren zu einem garantierten Mindestpreis verkaufen würde, unterrichtet haben. Die Informationen stammten aus erster Hand, denn die Berenberg-Bank war als Dienstleister in den Aktienverkauf eingebunden.

Fast 20 Millionen Euro arrestiert

Aufgrund der Information über die Pläne sollen die beiden Personen Aktien von Hapag-Lloyd erworben haben, heißt es. Als am 11. Juli 2017 die Absicht der TUI veröffentlicht wurde, zog der Börsenkurs der Papiere um fast zehn Prozent an.

Die Anteilsscheine der Person aus Riehmers privatem Umfeld sollen dabei um fast 200.000 Euro an Wert gewonnen haben, die aus dem Besitz von C. um mehr als drei Millionen Euro.

Polizisten und BaFin-Mitarbeiter stellten bei den Durchsuchungen nicht nur Unterlagen und Datenträger sicher. Finanzermittler aus der Abteilung gegen Organisierte Kriminalität erwirkten im Rahmen der Vermögensabschöpfung auch sogenannte Arrestbeschlüsse: Fast 20 Millionen Euro sollen von den Konten des Immobilienunternehmens sichergestellt worden sein, mehr als eine Million Euro auf den Konten der Person aus Riehmers Umfeld.

Hohe rechtliche Hürden

Das Vorgehen der Ermittler stellt keine Vorverurteilung dar, ist aber mit hohen rechtlichen Hürden verbunden: Ein Richter darf die Maßnahmen nur gestatten, wenn er einen hinreichenden Tatverdacht sieht. Allerdings verdichtet sich der Anfangsverdacht längst nicht in jedem Fall. So stellte die Hamburger Staatsanwaltschaft im Dezember 2012 ein Ermittlungsverfahren gegen den früheren Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) nach fast einem Jahr ein. Er hatte den Verdacht der Vorteilsnahme beim Kauf einer Immobilie stets als „völlig abwegig“ zurückgewiesen.

Hendrik Riehmer war nach einer Banklehre bei der Haspa im Juli 1990 zu Berenberg gekommen. Seit Januar 2009 ist er persönlich haftender Gesellschafter. Zusammen mit Bankchef Hans-Walter Peters gehören ihm 26,1 Prozent der Stimmrechtsanteile. In der Unternehmensleitung verantwortet Riehmer den Bereich Investmentbanking, der an den Standorten London und zuletzt auch New York in den vergangenen Jahren stark ausgebaut wurde – während die Deutsche Bank und die Commerzbank in der gleichen Zeit ihre entsprechenden Auslandsaktivitäten immer weiter zurückfuhren.

Stellen im Investmentbanking abgebaut

In diesem Geschäft geht es vor allem darum, Aktienpakete im Auftrag von Kunden entweder an der Börse oder direkt bei Investoren unterzubringen. Solche Transaktionen gelten als potenziell riskant, in guten Aktienjahren können sie aber sehr hohe Erträge bringen.

Das „Manager Magazin“ nannte Riehmer, der viel Zeit an den Berenberg-Standorten in London und New York verbringt, „Deutschlands härtesten Banker“. In einer Geschichte mit dem Titel „The Wolf of Jungfern­stieg“ aus dem August 2017 hieß es, er sei mit einem Jahresverdienst von bis zu rund 20 Millionen Euro wohl auch der bestbezahlte Banker Deutschlands.

Seit Riehmer „Gesellschafter mit Vollgaslizenz“ sei, hätten die Börsenkurse in der Tendenz fast durchgängig zugelegt, was perfekt für sein Geschäftsmodell gewesen sei, schrieb das Magazin damals. Tatsächlich berichtete Berenberg bei der Bilanzvorlage für das Jahr 2017 über eine Rekordzahl von 51 Börsengängen und Kapitalerhöhungen mit einem Gesamtvolumen von 8,6 Milliarden Euro, die von der Bank begleitet wurden.

Mit 28 Transaktionen im deutschsprachigen Raum habe sie sich in dieser Region erneut an die Spitze gesetzt. Explizit genannt wurden unter anderem die Börsengänge des Batterieherstellers Varta und des Lieferdienstes Delivery Hero, aber auch die Umplatzierung von Hapag-Lloyd-Aktien aus dem Bestand des TUI-Konzerns.

2018 ging es an Börsen weltweit abwärts

Doch 2018 ging es an den Börsen weltweit abwärts. Nicht zuletzt wegen der „turbulenten Marktsituation zum Jahresende“, so Berenberg, brach der Nettogewinn von 90 Millionen Euro auf 23 Millionen Euro ein. Die Bank hat ihre Beschäftigtenzahl im vorigen Jahr in Hamburg um rund 70 auf gut 970 Personen gesteigert, in London sind inzwischen knapp 400 Menschen für Berenberg tätig.

Im November wurde aber bekannt, dass etwa 100 IT-Kräfte in der Hansestadt sowie 50 Mitarbeiter im Investmentbanking gehen müssen. Allein diese „Restrukturierung“ koste einen Betrag im „deutlich zweistelligen Millionenbereich“, hieß es.

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