Neue Unternehmensform

VTG – warum der Hamburger Waggonvermieter von der Börse geht

VTG-Chef Heiko Fischer

VTG-Chef Heiko Fischer

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Mehrheitseigner Morgan Stanley glaubt, ohne die Öffentlichkeit der Börse besser an langfristiges Kapital zu kommen.

Hamburg.  Die Hansestadt verliert ein börsennotiertes Unternehmen. Denn Europas größer Vermieter von Eisenbahnwaggons will sich auf Druck seines neuen Hauptaktionärs von der Börse zurückziehen. Die VTG AG mit allein rund 500 Beschäftigten in Hamburg gehört zum SDAX, der 70 mittelständische Unternehmen enthält, und wird ebenfalls im norddeutschen Börsenindex Has­pax gelistet. Der Vorstand der VTG hat am Montag mit Zustimmung des Aufsichtsrats beschlossen, die Aktie von der Börse zu nehmen. Bis zur Hauptversammlung 2021 soll die Rechtsform einer Aktiengesellschaft beibehalten werden. Welche Unternehmensform danach angestrebt wird, ist offen. „Für Hamburg als Unternehmenssitz gibt es bis 2029 eine Standortgarantie“, sagt VTG-Chef Heiko Fischer.

An der Börse ist das Unternehmen aktuell rund 1,4 Milliarden Euro wert. Unter diesem Aspekt ist der Rückzug von der Börse ungewöhnlich. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Steffen Kraus, Hauptversammlungssprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). „VTG ist eine der Perlen börsennotierter Hamburger Unternehmen und ist mit seinem Geschäftsmodell vor allem für institutionelle Anleger wie Pensionskassen interessant.“

Herz-Familie will ihren Anteil behalten

VTG gehört bereits zu 71 Prozent zur Warwick Holding, einem Infrastrukturfonds der US-Investmentbank Morgan Stanley. Der Anteilseigner verspricht sich von dem Rückzug von der Börse einen günstigeren Zugang zu frischem Kapital. Außerdem lassen sich Finanzinvestoren ungern von anderen Aktionären in ihrer Handlungsfreiheit einschränken. Der zweite Großaktionär, die Joachim-Herz-Stiftung der auch an Beiersdorf beteiligten Unternehmerfamilie, will seinen 15-Prozent-Anteil aber auch nach dem Börsenrückzug behalten.

Die VTG könne ohne den Druck der Anleger langfristige und strategische Entscheidungen treffen, sagte der Chefinvestor von Morgan Stanley Infrastructure Partners, Markus Hottenrott. „VTG hat damit auch Zugang zu verschiedenen Kapitalquellen zu attraktiven Konditionen.“ Als Erstes will Morgan Stanley hochverzinste Hybridpapiere der VTG über 250 Millionen Euro mit frischem Kapital ablösen. „Die volle Unterstützung unserer Hauptaktionärin erhalten wir nur im Zuge eines Rückzugs von der Börse“, sagt Fischer.

Abfindungsangebote an freie Aktionäre

Die noch 14 Prozent freien Aktionäre sollen als Abfindungsangebot 53 Euro je Aktie erhalten. Wer sich darauf nicht einlässt, hat dann ein Papier im Depot, für das keine Kurse mehr gestellt werden. „Es gibt keine Möglichkeit, sich gegen den Rückzug von der Börse zu wehren“, sagt Kraus. Seit 2014 haben Aktionäre nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) kein Recht mehr darauf, dass sie ihre Anteilsscheine an der Börse handeln können.