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Zetsche sieht bei Daimler „ein sehr solides Fundament“

Dieter Zetsche am Mittwoch in Stuttgart.

Dieter Zetsche am Mittwoch in Stuttgart.

Foto: MICHAEL DALDER / REUTERS

Der scheidende Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche über die Folgen und Chancen eines Siegeszugs der Elektromobilität in Deutschland.

Bochum.  Dieter Zetsche zählt zu den erfolgreichsten deutschen Automanagern. Seit 13 Jahren steht er an der Spitze des Stuttgarter Konzerns Daimler. Im Mai wird er sein Amt abgeben.

Herr Zetsche, warum entscheiden sich nach wie vor vergleichsweise wenige Kunden in Deutschland für ein Elektroauto?

Dieter Zetsche: Das Angebot nimmt rapide zu – Tendenz steigend. Aber richtig ist auch: Wir haben zwei Hauptthemen, die im Moment einer schnelleren Verbreitung von Elektroautos entgegenstehen: Das eine ist die Infrastruktur, das andere sind die Kosten und Preise. Diese Themen werden uns sicherlich noch länger begleiten, obwohl die Kosten nach unten gehen und sich dem Niveau von Verbrennungsmotoren annähern. Die Frage ist: Wie viele Menschen werden willens und in der Lage sein, mehr Geld für Mobilität auszugeben?

Nicht nur für Autokäufer entstehen durch die Elektromobilität höhere Kosten, sondern auch für Daimler – durch die Entwicklung von Technologien und den Bau neuer Fertigungsanlagen. Wann zahlen sich die Investitionen für Daimler aus?

Zetsche: Um eine Größenordnung zu nennen: Wir haben bei Mercedes in den vergangenen vier Jahren unsere Investitionen in Forschung und Entwicklung – inklusive Sachaufwendungen – von acht Milliarden auf rund 14 Milliarden Euro jährlich erhöht. Das sind schon immense Summen und zeigt: Wir denken nicht nur an unser aktuelles Produktportfolio, sondern entwickeln uns weiter und kümmern uns konsequent um Zukunftsthemen wie autonomes Fahren und die Elektromobilität.

Muss sich die Gesellschaft darauf einstellen, dass der Wandel der Autoindustrie zu mehr Elektromobilität und damit auch einer geringeren Umweltbelastung Zeit braucht?

Zetsche: Wir haben die schwierige Aufgabenstellung, für eine Balance zu sorgen. Natürlich führt an einem ehrgeizigen Klimaschutz kein Weg vorbei. Auf der anderen Seite dürfen wir aber nicht aus den Augen verlieren, dass es auch um Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit und bezahlbare Mobilität geht. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass diese Balance im Moment etwas gestört ist.

Meinen Sie, Deutschlands Autoindustrie wird in Sachen Klimaschutz derzeit zu viel abverlangt?

Zetsche: Wichtig ist doch, dass wir den besten und effizientesten Weg für den Klimaschutz finden. Dabei sollten wir stärker berücksichtigen, wo wir mit dem geringsten Aufwand den höchsten Nutzen erzielen können. Klimaschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und sollte nicht allein auf die Autoindustrie bezogen werden.

Kostet die Elektromobilität Arbeitsplätze?

Zetsche: Auf den Antriebsstrang bezogen ist für die Elektromobilität im Vergleich zum Verbrennungsmotor weniger Arbeit erforderlich. Aus diesem Grund muss sich aber keiner unserer Mitarbeiter um seine Beschäftigung Sorgen machen.

Wie groß ist der Ehrgeiz von Daimler auf dem Feld der Elektromobilität?

Zetsche: Wir haben den Smart schon seit 2013 im Markt und waren damit in Deutschland längere Zeit Marktführer im Bereich Elektrofahrzeuge. Jetzt bringen wir mit dem EQC in diesem Jahr den ersten vollelektrischen Mercedes mit einer wirklich großen Reichweite auf den Markt. Das ist ein wichtiger Schritt für uns. Ich bin davon überzeugt: Die Transformation vom Verbrennerfahrzeug über Hybride bis zum vollelektrischen Auto ist ein ganz bestimmender Faktor für den Erfolg von Daimler.

Beim Carsharing kooperieren Sie mit BMW, beim autonomen Fahren mit Bosch, mit Tesla führen Sie Gespräche über elek­trifizierte Lieferwagen wie den Sprinter. Werden Kooperationen in der Autoindustrie zunehmend wichtiger?

Zetsche: Beim Thema Carsharing waren wir ohnehin stark, doch durch die Zusammenarbeit mit BMW erhöhen wir unsere Schlagkraft noch einmal deutlich. Hier sehen wir vergleichsweise schnell wirtschaftliches Potenzial. Beim Thema autonomes Fahren geht es darum, dass wir gemeinsam mit Bosch eine komplexe Aufgabenstellung mit hohen Investitionen gemeinsam angehen möchten. Ich kann mir auch noch andere Konsortien in Zukunft vorstellen.

Braucht Deutschland eigene Batteriefabriken?

Zetsche: Wir kennen dieses Thema sehr gut, da wir schon vor Jahren eine eigene Zellfertigung aufgebaut haben …

… gemeinsam mit dem Chemiekonzern Evonik …

Zetsche: … und wir haben die besten Zellen gebaut, die zum damaligen Zeitpunkt verfügbar waren. Dennoch war das Projekt wirtschaftlich nicht tragfähig. Ich bin überzeugt, dass die Lieferanten, die derzeit die wettbewerbsfähigsten Angebote machen, auch in Europa und Deutschland Investitionen tätigen werden. Ich habe Zweifel, dass ein neu zu bildendes Konsortium mithalten kann. Wir stehen als Kunden ganz vorne, wenn das gelingt. Aber ich sehe im Moment nicht, wie das erreicht werden kann.

Herr Zetsche, im Mai hören Sie nach 13 Jahren an der Konzernspitze auf. Hinterlassen Sie Ihrem Nachfolger Ola Källenius ein gut bestelltes Feld?

Zetsche: Wir haben ein sehr solides Fundament. Es gibt noch viel zu tun. Auch die Herausforderungen geopolitischer Art sind groß. Aber wir haben qualifizierte Mitarbeiter und ein großartiges Managementteam. Insofern bin ich sehr zuversichtlich.