Wirtschaft

Diesel-Diskussion: Hamburger Autohändler schlagen Alarm

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Volker Mester
Dieselfahrzeuge bei der Kiesow-Autoverwertung in Norderstedt. Aufgrund hoher Umtauschprämien der Autohersteller bringen auch Besitzer jüngerer und voll funktionstüchtiger Dieselfahrzeuge ihre Autos zum Schrottplatz.

Dieselfahrzeuge bei der Kiesow-Autoverwertung in Norderstedt. Aufgrund hoher Umtauschprämien der Autohersteller bringen auch Besitzer jüngerer und voll funktionstüchtiger Dieselfahrzeuge ihre Autos zum Schrottplatz.

Foto: picture alliance/Axel Heimken/dpa

Die Dauerdiskussion um Grenzwerte und Dieselfahrverbote zeigt sich jetzt auch in den Verkaufszahlen der Fahrzeuge.

Hamburg. Abgas-Manipulationen, Stickoxid-Grenzwerte und Fahrverbote – der Diesel-Antrieb gibt Anlass zu immer neuen, in der Regel negativen Schlagzeilen. Die Folgen für den Absatz dieser Autos sind drastisch: Im Vergleich zu 2015 sind die Neuzulassungen von Diesel-Fahrzeugen 2018 nach Angaben des Statistikamts Nord um fast 27.000 auf nur noch knapp 50.000 Stück gesunken. Der Diesel-Anteil an den gesamten Verkäufen fiel allein im vergangenen Jahr von gut 49 Prozent auf weniger als 36 Prozent.

Prominente Hamburger Autohändler schlagen angesichts dieser drastischen Rückgänge und der abnehmenden Restwerte von Leasing-Rückläufern nun Alarm und wenden sich an die Politik. „Sehr geehrte Frau Dr. Merkel, die Bundesrepublik Deutschland ist ein Industriestandort!“ – so beginnt ein offener Brief, den Philip Pfohe, Geschäftsführer der Hugo Pfohe Gruppe, an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geschrieben hat. Mit mehr als 800.000 Beschäftigten allein bei Herstellern und Zulieferern sowie einigen Hunderttausend weiteren Mitarbeitern bei den Händlern habe die Automobilbranche „eine sehr hohe Bedeutung für Wohlstand und Beschäftigung in Deutschland“, heißt es in dem Brief, der dem Abendblatt vorliegt.

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Es wurden bisher 2183 Stimmen abgegeben.

Pfohe verweist auf umstrittenen Brief der Lungenärzte

Weiter schreibt Pfohe an die Kanzlerin: „Ich wende mich heute an Sie mit der Bitte, die Zukunft Deutschlands aufgrund eines irrtümlich festgelegten Grenzwertes nicht zu gefährden.“ Gegenüber dem Abendblatt verweist Pfohe auf ein von mehr als 100 deutschen Lungenfachärzten unterzeichnetes Positionspapier, das die Gesundheitsgefahr durch Stickstoffdioxid anzweifelt und eine Überprüfung der entsprechenden Grenzwerte fordert. Zudem seien zahlreiche Luftmessstationen in Deutschland falsch positioniert, sagt Pfohe. Man habe sie näher an die Straßen gestellt als in den EU-Vorgaben festgelegt.

Zwar gehe es der Hugo Pfohe Gruppe mit 750 Beschäftigten „wirtschaftlich weiter sehr gut“, sagt der Geschäftsführer, zumal Ford – die Hauptmarke im Angebot des Unternehmens – anders als zum Beispiel Volkswagen die Daten zum Schadstoffausstoß der Autos nicht manipuliert habe. Aber „dramatisch fallende“ Restwerte von Diesel-Fahrzeugen aufgrund der auch in Hamburg eingeführten Fahrverbote gefährdeten Arbeitsplätze bei Automobilhändlern. Hinzu komme die Fehlsteuerung im Hinblick auf den Klimawandel: „Im Vergleich zu Diesel-Fahrzeugen stoßen Benziner 15 bis 20 Prozent mehr CO2 aus.“

Dello-Chef spricht von "Demontage" einer Schlüsselindustrie

Kurt Kröger, geschäftsführender Gesellschafter der traditionsreichen Hamburger Autohandelsgruppe Dello (Hauptmarke Opel) mit 1600 Beschäftigten, appelliert ebenfalls an Politiker, „damit es endlich ein Ende haben kann mit unsinnigen Diesel-Fahrverboten“. Krögers Brief ging an die Hamburger Landesverbände der SPD, der CDU, der FDP und der Grünen.

Es müsse Schluss sein mit der „Demontage einer der wichtigsten Schlüsselindustrien in Deutschland einschließlich der Handelslandschaften“, schreibt der Unternehmer. Den Brief, der dem Abendblatt vorliegt, ergänzte Kröger durch eine Stellungnahme von Matthias Klingner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Verkehrs- und Infrastruktursysteme, zu einer Sitzung des Bundestags-Verkehrsausschusses. „Nicht ein Mensch stirbt in Deutschland an Schadstoffemissionen, die aus den Dieselmotoren deutscher Pkw stammen“, heißt es in dem Klingner-Papier. Moderne Dieselfahrzeuge nach der Euro-6-Norm gehörten zu den „saubersten Verkehrsmitteln im urbanen Verkehr“.

Umweltbundesamt sieht Diesel als Gesundheitsgefahr

Neuen Messungen zufolge wurde der Stickstoffdioxid-Grenzwert der EU von 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft an mehreren Messstationen in Hamburg aber im Jahr 2018 weiterhin überschritten, wie das Umweltbundesamt am Donnerstag in Berlin mitteilte. An der Messstation mit den höchsten Messwerten – an der Habichtstraße in Barmbek-Nord – habe sich die Belastung im Jahresmittel lediglich um drei auf 55 Mikrogramm verringert. In der Max-Brauer-Allee blieb der Messwert mit 46 Mikrogramm/Kubikmeter unverändert, in der Stresemannstraße ging er von 48 auf 45 Mikrogramm zurück. In diesen beiden Straßen gelten Durchfahrtbeschränkungen für ältere Dieselfahrzeuge.

Insgesamt nahm die Belastung in Deutschland leicht ab. Die Umweltbundesamts-Präsidentin Maria Krautzberger sagte, der seit 2010 verbindliche Grenzwert werde jedoch immer noch in vielen Städten überschritten, das gefährde die Gesundheit dort lebender Menschen. Hauptquelle sei der Straßenverkehr, vor allem Diesel-Pkw mit zu hohen Emissionen. „Mit den derzeitigen Maßnahmen dauert es einfach zu lange, bis wir überall saubere Luft haben“, so Krautzberger. Die Deutsche Umwelthilfe hatte Fahrverbote vor Gericht erzwungen. Ihr Geschäftsführer Jürgen Resch sagte ebenfalls, die bisherigen Maßnahmen reichten offensichtlich nicht aus.

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