Hamburger Start-up

Dieses Gerät erkennt schlechte Luft im Büro

Dirk Wittler, Gründer der Firma iDevices, präsentiert sein Luftmessgerät. Die Daten werden über das WLAN in eine Smartphone-App übertragen

Dirk Wittler, Gründer der Firma iDevices, präsentiert sein Luftmessgerät. Die Daten werden über das WLAN in eine Smartphone-App übertragen

Foto: ANDREAS LAIBLE

Hamburger Start-up iDevices entwickelt günstige Technik für Büros und Wohnräume. Innovation ist bereits für knapp 90 Euro zu haben

Hamburg.  Das Plastikding in der Küche leuchtet rot. Nicht gut. Rot bedeutet dicke Luft. Das unscheinbare Gerät von der Größe einer Camembert-Schachtel kann nämlich die Qualität der Innenraumluft messen. Dirk Wittler nickt bedächtig. „Hier hat sich gerade jemand einen Kaffee gekocht“, sagt er. Bohnen mahlen, Kaffee aufbrühen, in die Tasse laufen lassen – jeder Schritt hinterlässt organische Komponenten in der Luft. Das erzeugt den spezifischen Duft von frischem Kaffee, hat aber auch eine Kehrseite. „Es schlägt sich sofort auf die Luftqualität nieder“, erklärt der Chef des Start-ups iDevices, welches das Messgerät entwickelt hat. Wittler öffnet die passende App auf seinem Smartphone und lässt sich die einzelnen Werte anzeigen. „Da hilft jetzt nur eins“, sagt er, „Fenster aufmachen.“

Wittler betreibt die Beratungsfirma Enerlisa. Mit einem Team von 15 Mitarbeitern entwickelt er Spezial-Lösungen für große Energieversorger und Telekommunikationsunternehmen, die sich mit der Digitalisierung im Bereich des Wohnens beschäftigen. Als der Technikhersteller Bosch vor zwei Jahren einen neuen Sensor auf den Markt brachte, der nicht nur Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck, sondern auch den Anteil flüchtiger Gase und von CO2 messen konnte, sah Wittler die Chance für ein neues Anwendungsgebiet. „Unser Gerät verhilft dazu, die Luft in Wohnungen und Büros zu verbessern und ist damit ein Betrag zur Gesundheitsförderung“, sagt der 58-jährige Gründer selbstbewusst.

Menschen haben eine schlechte Sensorik

86.000-mal am Tag atmet jeder Mensch, insgesamt 11.000 Liter Luft. Da spielt es schon eine Rolle, wie gut diese ist. „Aber Menschen haben eine schlechte Sensorik“, sagt Betriebswirt Wittler, der vorher bei IBM und dem Computerhändler Systematics gearbeitet hat. Er meint: Man merke oft gar nicht, wie mies die Luft in Räumen ist, oder gewöhne sich daran. „Besonders in Konferenzräumen wird das unterschätzt“, sagt der iDevices-Gründer, „aber auch in Wohn- und Schlafräumen.“ Die Folge: Konzentrationsschwierigkeiten und Müdigkeit. Sein Messgerät ermittelt aus der Konzentration bestimmter Inhaltsstoffe einen Index-Wert nach einem weltweit geltendem Standard, den Indoor Air Quality Index. Das Ergebnis wird in einem Farbschema ähnlich wie bei Verkehrsampeln angezeigt. Wenn der Sensor grün leuchtet ist die Luft gut, bei Gelb ist sie bedenklich, bei Rot schlecht. „Spätestens dann sollte man etwas ändern“, sagt Wittler, der im eigenen Haus vier Sensoren installiert hat.

In den Firmenräumen in einer ehemaligen Brotfabrik nahe der U-Bahn-Station Dehnhaide hat er sogar ein halbes Dutzend der Air-Quality-Sensoren verteilt. Zentraler Bestandteil in den weißen Kunststoffdosen ist die Platine. Die Farbanzeige wird über einen Lichtverteilring gesteuert. Um zu messen, muss das Gerät über ein USB-Kabel an einer Steckdose sein. „Wir haben etwa 1,5 Jahre an der Entwicklung gearbeitet und 300.000 Euro investiert“, sagt Wittler. Produziert wird in Remscheid und Salzgitter. „Wir wollten beweisen, dass solche Entwicklungen auch in Deutschland möglich sind.“ Die Analyse läuft über eine App, die kostenlos für Android und Apple heruntergeladen werden kann und in Smarthome-Systeme integrierbar ist. Die Installation läuft über WLAN, ähnlich wie etwa bei dem Amazon-Sprachassistenten Alexa.

Die Resonanz ist positiv

Seit einigen Monaten ist das Luftmessgerät auf dem Markt. Die Resonanz sei positiv, so Entwickler Wittler. Als erste Charge hat er eine fünfstellige Stückzahl produzieren lassen. Erhältlich ist das Gerät im iDevices-Online-Shop und bei Elektronik-Fachhändlern wie Conrad. Die Preisempfehlung des Herstellers liegt bei knapp 90 Euro. Für dieses Jahr strebt Wittler Verkaufszahlen in fünfstelliger Höhe an.

Schon 2017 war das Harburger Start-up Breeze Technologies mit ihren Luftqualitätsensoren gestartet, die in Büros, Werkshallen und im Außenbereich, etwa an Straßen, einsetzbar sind. Das Konzept dahinter ist komplexer, der Preis ab 990 Euro für ein Starter-Kit auch deutlich höher. Das Programm analysiert die Messwerte und spricht Handlungsempfehlungen aus, zum Beispiel den Einbau einer Mooswand, das Verwenden von Filtern in der Klimaanlage oder spezieller Asphaltsorten. Zu den Kunden gehören Stadtverwaltungen und große Firmen. Gründer Robert Heinecke und Sascha Kunze, die sich auch an dem Aufbau eines Bürger-Messnetzes beteiligen, wurden 2017 mit dem Hamburger Gründerpreis in der Kategorie Existenzgründer ausgezeichnet.

Debatte um Dieselfahrverbote

„Das Thema wird immer wichtiger“, lautet die Prognose von iDevices-Ent­wick­ler Wittler angesichts von Luftreinhalteplänen und Debatten um Dieselfahrverbote. Dabei hat der Hamburger auch den internationalen Markt im Blick. Weltweit sterben nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation jedes Jahr vier Millionen Menschen durch schlechte Luft. Vor allem in China sei der Bedarf hoch. Künftig will iDevices deshalb nicht nur die Luftqualität messen, sondern auch Geräte für die Verbesserung anbieten. Gemeinsam mit Kooperationspartnern soll es künftig Luftwäscher und -reiniger geben. In der Küche des Unternehmens ist das nicht nötig. Die Analyse-App zeigt einen leichten Anstieg der Luftqualität Richtung grün. „Das offene Fenster wirkt“, sagt Wittler. Bis der nächste Kaffee gekocht wird.