Handelskammer Hamburg

Das Duell um den Posten des Kammerpräses

Die altehrwürdige Handelskammer am Adolphsplatz. Hier kommt das Plenum zusammen, um den Nachfolger für den zurückgetretenen Präses Tobias Bergmann zu wählen.

Die altehrwürdige Handelskammer am Adolphsplatz. Hier kommt das Plenum zusammen, um den Nachfolger für den zurückgetretenen Präses Tobias Bergmann zu wählen.

Foto: Roland Magunia / HA

Das Plenum am Adolphsplatz wählt den wichtigsten Vertreter der Hamburger Wirtschaft. Die Porträts zweier besonderer Charaktere.

Torsten Teichert: Ex-Manager mit linken Ansichten

Torsten Teichert (61) ist wegen der Querelen in der Kammer bereits im Oktober aus der Wahlgruppe „Die Kammer sind Wir!“ ausgetreten. Zudem hat er noch im Dezember deutlich gesagt: „Ich strebe kein Amt an.“ Und nun bewirbt er sich doch für das Amt des Präses und das als Anführer des harten Kerns eben jener Wahlgruppe. „Der Mann ist immer für eine Überraschung gut“, sagt ein ehemaliger Weggefährte, der namentlich nicht genannt werden will. Sollte Teichert am Donnerstag zum Präses gewählt werden, so will er nur die aktuelle Wahlperiode in dem Amt verweilen, sagt er nun. „Ich werde 2020 nicht wieder für das Präsidium kandidieren.“

Wenn Teichert die Wahl tatsächlich gewinnt, wird die Hauptgeschäftsführerin der Handelskammer, Christi Degen, womöglich um ihren Job bangen müssen. Denn Teichert ist mit ihr mehrfach aneinandergeraten, er wirft ihr zu viele Fehler in der Amtsführung vor. Aus dem Kreis seiner Unterstützer kommt zudem der Vorwurf, Degen gehe verschwenderisch mit den Pflichtbeiträgen der Mitgliedsunternehmen um. Erklärungen und Argumente ihrerseits werden angezweifelt.

Handelsverband rügt politische Äußerungen

Geboren 1957 in Neumünster hat Teichert Literaturwissenschaft, Anglistik, Linguistik und Soziologie an den Universitäten in Kiel, Brown (Providence, USA) und Hamburg studiert. 1986 promovierte er mit einer Arbeit über den Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte. Von 1986 bis 1988 war Teichert persönlicher Referent des damaligen Hamburger Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi (SPD). Von 1989 bis 1995 leitete er als Geschäftsführer Hamburgs kulturelle Filmförderung und das Hamburger Filmbüro. Danach arbeitete er als Projektentwickler im Immobilienbereich. Von 2000 bis Ende 2017 war er Vorstandsvorsitzender der Hamburger Investmentgesellschaft Lloyd Fonds AG. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und drei Enkelkinder.

Teichert gilt als humorvoll und eloquent. Es heißt über ihn, er könne bei einem guten Glas Rotwein eine ganze Abendgesellschaft zwei Stunden lang mit einem Abriss über Fichtes Leben unterhalten. In der Sache ist er aber nicht selten hart. Als Vorsitzender des Innenausschusses und Finanzexperte hat Teichert den bisherigen Umbau der Handelskammer wesentlich mit zu verantworten. Teichert ist auch streitfreudig, bis hin zur Konfrontation – was neben Degen auch der frühere Kammerpräses Tobias Bergmann zu spüren bekommen hat – ein Grund, weshalb er am Ende entnervt das Handtuch warf. Bei großen Teilen der Wir-Gruppe ist Teichert weiterhin unumstritten.

Anders sieht es in der etablierten Wirtschaft aus, deren Repräsentanten Teichert nicht selten misstrauisch beäugen. Das ist unter anderem auf sein Engagement in der linken Sammlungsbewegung Aufstehen von Sahra Wagenknecht zurückzuführen, in deren Bundesarbeitskreis er mitmacht. So vertritt er Ansichten, die vielen Managern zu radikal erscheinen, wie etwa der Vorstoß, dass die Kammern mehr als bisher auch die Belange der Arbeitnehmer berücksichtigen sollen.

Inzwischen hat sich der norddeutsche Groß- und Außenhandelsverband AGA bei Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos) über Teichert beschwert, der die Aufsicht über die Kammer führt. Der AGA wirft Teichert in einem Brief vor, gegen das Industrie- und Handelskammergesetz zu verstoßen. Dabei bezieht sich der Verband auf ein Abendblatt-Interview, in dem Teichert unter anderem eine Rentenerhöhung gefordert hatte. Sozial- und arbeitsrechtliche Interessen dürfen die Kammern aber eigentlich nicht vertreten. Der Vorgang hat besonderes Gewicht, weil gerade die Wir-Gruppe den Kammern eigentlich die politische Interessenvertretung untersagen will. Und was sagt er selbst dazu: „Sollte ich zum Präses gewählt werden, werde ich selbstverständlich alle politischen Aktivitäten während meiner Zeit als Präses ruhen lassen.“

Johann Killinger: Ein Mann, der sich im Hafen auskennt

Auf den Hafenunternehmer Johann Killinger (58) setzen viele Vertreter der etablierten Wirtschaft, dabei ist seit dem Wochenende klar, dass seine Chancen auf den Präses-Posten nicht sehr hoch sind. Die Mehrheit der Gruppe der Kammerrebellen, aus der Killinger im Gegensatz zu seinem Kontrahenten Teichert nie ausgetreten ist, hat bei einer Probeabstimmung am Sonntag mehrheitlich gegen ihn gestimmt. Obwohl Killinger einst von Teichert für die Wir-Gruppe angeworben wurde, verbindet beide heute vor allem eine gegenseitige Abneigung.

Da kann es nicht verwundern, dass Killinger vor allem aus dem Kreis der Teichert-Anhänger heftig angegriffen wird. So lautet der Vorwurf, Killinger habe den Erfolg der Kammerrebellen beim Umbau der Handelskammer hintertrieben. Er habe sich als Erster für einen Rücktritt des früheren Kammer-Präses Tobias Bergmann und die Entlassung von Hauptgeschäftsführerin Christi Degen ausgesprochen. Jetzt werfe er Teichert vor, für den Rückzug Bergmanns verantwortlich zu sein und halte an Degen fest. „Der Mann ist als Präses untragbar. Er hat vertrauliche Interna nach außen getragen und keine beständige Meinung“, sagt Georg Kuhlmann, ein Teichert-Anhänger.

Hafenunternehmen Buss modernisiert

Gerade in der etablierten Wirtschaft wird Killinger aber zugetraut, die Handelskammer zu befrieden und wieder inhaltlich voranzubringen. Schließlich hat er das 1920 gegründete Hafenunternehmen Buss erfolgreich modernisiert und ins 21. Jahrhundert geführt. Zahlreiche andere Hafenunternehmen aus der Zeit sind inzwischen von der Bildfläche verschwunden oder in anderen Betrieben aufgegangen.

Völlig unumstritten ist Killinger aber auch außerhalb der Kammer nicht. So wird ihm aus Teilen der Wirtschaft unhanseatisches Verhalten vorgeworfen. Killinger hatte für die vorzeitige Schließung seines Buss-Hansa-Termi­nals im Hafen von der Stadt rund 120 Millionen Euro als Entschädigung bekommen. Die von der Schließung betroffenen Mitarbeiter klagten aber wegen angeblich zu geringer Abfindungen.

Killinger machte aber deutlich, dass er die Schließung des Terminals gar nicht gewollt habe. Vielmehr habe die Stadt das Aus betrieben, weil sie die Flächen haben wollte. Zudem sei die Höhe der Abfindungen von einer Einigungsstelle festgelegt worden, nachdem die Hafenarbeiter, ein lukrativeres Angebot als zu niedrig abgelehnt hatten. Vor Gericht bekam Killinger recht – und dennoch werden die Vorwürfe immer wieder erhoben.

Killinger, der 1960 in Hamburg geboren wurde, ist promovierter Jurist. Seine berufliche Laufbahn hatte er bei der Unternehmensberatung Roland Berger begonnen, bevor er 1991 bei dem Unternehmen Buss einstieg, an dem seine Familie damals eine Minderheitsbeteiligung hielt. Er ist verheiratet, hat drei Söhne und ist seit 2002 Mehrheitsgesellschafter bei Buss. In dieser Funktion hat er die Hafenentwicklung insgesamt mitgeprägt. So war Killinger einer derjenigen Manager, die den Anstoß zur Gründung des Gemeinschaftsprojekts Dakosy, einer gemeinsamen IT-Plattform der Hafenunternehmen, gegeben haben.

Aktuellen Sparkurs fortsetzen

Killinger ist derjenige Kammerrebell, dem die etablierte Wirtschaft noch am ehesten zutraut, die Kammer wieder enger mit den namhaften Vertretern der Hamburger Unternehmen zusammenzubringen, die sich von ihr abgewandt haben. Dabei ist es gerade Killinger, der dem Programm zufolge, mit dem er zur Präses-Wahl antritt, das Reformvorhaben der Kammerrebellen am konsequentesten weiterführen will. So plant Killinger, den Sparkurs fortzusetzen. Auch der Strukturumbau, mit dem sich die Handelskammer verkleinern soll, wird von ihm nicht infrage gestellt. Schließlich geht es ihm darum, dass Vertrauen der Mitarbeiter in der Kammer zurückzugewinnen. Dazu gehört auch, dass er die Zusammenarbeit mit der Hauptgeschäftsführerin Christi Degen zunächst fortsetzen will. Wie Teichert ist Killinger Mitglied der SPD.