Paketdienst

Hermes plant Zuschlag für Haustür-Lieferung

Hermes-Chef Olaf Schabirosky auf einem Lastenfahrrad. Der Paketdienst will
es in Hamburg testen – unter anderem in der Innenstadt.

Hermes-Chef Olaf Schabirosky auf einem Lastenfahrrad. Der Paketdienst will es in Hamburg testen – unter anderem in der Innenstadt.

Foto: Michael Rauhe / HA

Olaf Schabirosky, Chef des Hamburger Paketdienstes, über steigende Zustellerlöhne und den Einsatz von Robotern.

Seit Mitte 2018 ist Olaf Schabirosky Deutschland-Chef des zur Hamburger Otto Gruppe gehörenden Paketdienstes Hermes. In der Zentrale in Ochsenzoll empfing der 50-Jährige das Abendblatt zu seinem ersten Zeitungsinterview in der neuen Funktion. Zum von Otto angekündigten Verkauf des Paketdienstes wollte Schabirosky sich nicht näher äußern. Lieber sprach er über seine Unternehmensstrategie.

Herr Schabirosky, wie häufig fährt bei Ihnen zu Hause ein Paketbote vor?

Olaf Schabirosky: Wenn man mit vier Kindern in einem Haushalt lebt, kommt das durchaus häufiger vor. Ich selbst bestelle auch im Internet. Wir sind regelmäßige Online-Shopper.

Achten Sie darauf, dass die Pakete von Hermes geliefert werden?

Schabirosky: Wenn das möglich ist, ganz bestimmt. Von welchem Dienst ein Paket zugestellt wird, ist ja aber meistens die Sache des Versenders, da hat man als Endkunde wenig Einfluss. Aber ja: Ich freue mich, wenn eine Sendung vom eigenen Unternehmen gebracht wird.

Und das klappt gut, oder ärgern Sie sich häufiger mal?

Schabirosky: Klar ärgere ich mich auch über schlechte Zustellungen. Aber im Grundsatz klappt das bei uns recht gut. Vielleicht ist besonders häufig jemand zu Hause, wir haben eine gute Nachbarschaft, die Pakete annimmt, und wir haben einen Safe Place vereinbart, einen sicheren Ort auf dem Grundstück, wo sie abgelegt werden können.

In Internetforen findet sich überdurchschnittlich oft Kritik an Hermes. Welche Ideen haben Sie, die Zufriedenheit der Empfänger zu verbessern?

Schabirosky: Wir haben intensiv in unsere Infrastruktur, vor allem in Logistikcenter investiert und rücken dadurch näher an die Auftraggeber und damit an die Endkunden heran. Auf der letzten Meile müssen wir sicher noch besser werden. Da gibt es aktuell viele Herausforderungen. Es ist unglaublich schwer, Zusteller zu finden. Allein in diesem Jahr haben wir darum 30 Millionen Euro investiert, hauptsächlich um auskömmliche Löhne zahlen zu können. Das wird sich in den kommenden drei Jahren in dieser Größenordnung fortsetzen. Aktuell haben wir einen Mindestlohn von 9,50 Euro ausgerufen und überprüfen, ob er gezahlt wird. In etwa vier Jahren kommen wir bei etwa 12 Euro an.

Angestellt sind die Fahrer aber bei Ihren Zustellpartnerfirmen ...

Schabirosky: Wir haben unter anderem eine Zustellerbefragung durchgeführt, ob das Geld tatsächlich ankommt, und wir gucken auch auf die Arbeitszeiten. Dort, wo es noch Missstände gibt, werden Maßnahmenpakete entwickelt, und wenn diese Missstände nicht beseitigt werden, müssen wir uns von diesen Partnern trennen. Das haben wir in diesem Jahr schon in zwölf Fällen getan. Und wir werden das auch im nächsten Jahr tun müssen.

Woran liegt es, dass Sie zu wenige Fahrer finden? Ist der Lohn zu gering?

Schabirosky: Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt. Das E-Commerce-Wachstum war in den letzten Jahren sehr groß. Und es gibt Mitbewerber, die in der Lage sind, höhere Löhne zu zahlen. Teilweise wird gezielt abgeworben. Im Laufe des Jahres haben wir dadurch etwa 1000 Fahrer verloren. Das Geld, das wir in höhere Löhne investieren, müssen wir aber erst einmal verdienen. Wir sind in diesem Jahr vorangeprescht und haben 4,5 Prozent Preiserhöhung bei den Auftraggebern durchgekämpft. Diesen Weg müssen wir in den nächsten Jahren weiter gehen. 2019 werden wir daher in einer ähnlichen Größenordnung anheben wie in diesem Jahr. Insgesamt wollen wir den Preis für ein Paket um 50 Cent erhöhen. Das geht aber nur in mehreren Schritten.

Trotz der Preiserhöhung sinkt aber die Profitabilität. Das war auch der Hintergrund für die vorzeitige Trennung von Ihrem Vorgänger.

Schabirosky: Das ist ein Marktgerücht, das ich nicht kommentiere. Die gesamte Branche steht unter massivem Profitabilitätsdruck und kämpft mit den Ergebnissen, obwohl das Paketaufkommen seit Jahren massiv wächst. Trotz der immensen Investitionen hält DHL, der größte Player im Markt, die Paketpreise seit zehn Jahren nahezu stabil. Gleichzeitig ist das Briefporto massiv gestiegen.

Sie unterstellen eine Quersubventionierung?

Schabirosky: Ich will da gar nichts unterstellen. Ich sage nur, was ich im Markt beobachte. Da mag jeder seine Schlüsse draus ziehen. Aber ich denke, man muss sich die Frage stellen: Ist hier irgendetwas im Wettbewerb verzerrt?

Gibt es bei Hermes Pläne, die Preise für die Zustellung an der Haustür zu erhöhen?

Schabirosky: Wir müssen insgesamt die letzte Meile entlasten. Unter anderem bauen wir unser Paketshop-Netz stark aus, wir werden aber auch die Preise stärker differenzieren. Das heißt unter anderem auch, dass die Haustürzustellung teurer werden wird.

Wenn Empfänger das Paket nicht selber abholen, zahlen sie also künftig mehr?

Schabirosky: Das könnte so sein. Wie die Online-Händler das mit ihren Kunden vereinbaren, ist aber deren Sache.

Amazon, der nach Otto zweitgrößte Kunde von Hermes, hat in diesem Jahr eine eigene Zustellbasis in Hamburg eröffnet. Spüren Sie das bereits?

Schabirosky: Das merken wir natürlich. Und wir wissen, dass Amazon diesen Weg in Ballungsgebieten weiter gehen wird. Also werden wir dort künftig weniger stark gemeinsam wachsen. Das ist aber durchaus in unserem Interesse. Wir wollen uns nicht abhängig machen von einem großen Kunden.

Die Otto Group ist derzeit auf der Suche nach einem strategischen Partner für Hermes und bereit, sich von einer Mehrheit der Anteile zu trennen. Wie ist der Stand der Dinge?

Schabirosky: Das ist ein Prozess, der die Otto Group betrifft. Da sollten Sie die Kollegen bei Otto fragen.

Ist es nicht ein komisches Gefühl, Chef eines Unternehmens zu sein, das nicht mehr geliebt wird und verkauft werden soll?

Schabirosky: Das sehe ich nicht so.

Ihr Vorgänger hat vor einem Jahr angekündigt, die Zustellflotte in Hamburg bis Ende 2019 auf Elektroantrieb umzustellen. Gilt dieses Versprechen noch?

Schabirosky: Hermes eröffnet im April sein neues Logistikzentrum in Billbrook. Dort gibt es 50 Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Von dort werden wir im kompletten Innenstadtbereich CO2-frei zustellen. Das wird dann Schritt für Schritt ausgebaut. Die Fahrzeuge stammen aus unserer Kooperation mit Daimler, von dort bekommen wir in den nächsten Jahren insgesamt 1500 Elektrotransporter, 2019 werden es 300 sein.

Wie viele Fahrzeuge hat Hermes in Deutschland insgesamt?

Schabirosky: Etwa 10.000, im Weihnachtsgeschäft etwa 13.000. Der Knackpunkt bei der Elektromobilität ist die Ladeinfrastruktur. Im Moment müssen wir schauen, wo wir Elektromobilität technisch überhaupt machen können. Vom Depot Stellingen aus werden wir mit Beginn noch vor Weihnachten den Einsatz von Elek­trolastenfahrrädern testen. Für die City-Zustellung benötigen wir aber Standorte für Mikrodepots und Aufladestationen. Da ist auch die Politik gefordert. Wenn sie CO2-freie Zustellung in der Innenstadt will, benötigt die Logistik dafür Flächen. Da brauchen wir Unterstützung. Und wir brauchen noch mehr öffentliche Ladepunkte.

Setzen Sie ausschließlich auf Elektromobilität?

Schabirosky: Im Moment steht das ganz oben auf der Agenda. Ich will aber nicht ausschließen, dass andere emissionsfreie Antriebsarten wie Wasserstoff eine Rolle spielen werden. Letztlich hängt das davon ab, was uns die Fahrzeughersteller anbieten. Wir setzen aber nicht nur auf eine Karte und sagen: Die gesamte Flotte wird elektrifiziert.

Hermes hat in Hamburg bereits Zustellroboter getestet. Hat das eine Zukunft?

Schabirosky: Kurzfristig nicht, aber langfristig kann ich mir das schon vorstellen. Es müssten aber andere Fahrzeuge sein als die, die wir in Hamburg getestet haben. Autonome Fahrzeuge, die vielleicht zehn oder zwanzig Pakete gleichzeitig zu den Empfängern transportieren, das wäre für uns ein interessantes Konzept. Technologisch wäre das in zwei, drei Jahren wohl zu machen. Wenn Sie alle ungeklärten rechtlichen Aspekte betrachten, reden wir wahrscheinlich aber über zehn bis 15 Jahre. Zumindest in Deutschland, in anderen Ländern geht das vielleicht schneller.

Wie sehen Sie die Paketzustellung in der Stadt im Jahr 2025?

Schabirosky: Der Kunde wird viel mehr Auswahlmöglichkeiten erhalten. Es wird mehr Paketshops geben und mehr Locker-Systeme, aus denen die Empfänger Pakete abholen. Weniger Zustellung an die Haustür. Stärkerer Einsatz von Lastenfahrrädern, um die Innenstädte zu entlasten. Wenn wir bis 2030 schauen, glaube ich an den Einsatz von mehr autonomen Fahrzeugen. Sowohl Roboter als auch größere Zustellfahrzeuge. Das ist eine Lösung, die ich mir langfristig sehr gut vorstellen kann.

Zurück zum Standort Hamburg. Wie wird sich die Zahl der Beschäftigten absehbar entwickeln?

Schabirosky: In der Zentrale haben wir mehr als 1000 Mitarbeiter. Da ist keine Veränderung geplant. Wir wollen den Standort Hamburg halten. Durch das neue Logistikcenter in Billbrook werden wir die Präsenz noch verstärken. Dort werden Arbeitsplätze geschaffen und mehr als 200 Mitarbeiter tätig sein. Der Standort Hamburg wird also ausgebaut.