Kfz-Versicherungen

Wie sich Hamburgs Wenigfahrer günstig versichern

Preiswert verischert: Neue Onlineanbieter berechnen den Beitrag vor allem nach den zurückgelegten Kilometern.

Preiswert verischert: Neue Onlineanbieter berechnen den Beitrag vor allem nach den zurückgelegten Kilometern.

Foto: dpa

Neue Onlineanbieter berechnen den Beitrag vor allem nach den zurückgelegten Kilometern. Das Abendblatt hat die Tarife getestet.

Hamburg.  Bei ihren Namen denkt man nicht an eine Versicherung: Emil und Friday sind neue Kfz-Versicherer, bei denen sich die Jahresprämie vor allem nach der Zahl der gefahrenen Kilometer richtet. Viele Hamburger können jetzt durchaus noch zu einem neuen Anbieter wechseln, denn in der Beitragsrechnung für das neue Jahr steckt oft eine Beitragserhöhung, die man nicht auf den ersten Blick erkennt (siehe Infowinkel). Die neuen Anbieter sind für Autofahrer interessant, die nicht mehr als 7000 Kilometer im Jahr fahren, internetaffin sind und sich nicht durch Tarifvergleiche quälen wollen. Das Abendblatt hat die neuen Tarife im Vergleich zu klassischen Autoversicherungen getestet und beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie sicher sind die neuen Anbieter?

Hinter beiden Start-ups aus der Versicherungsbranche stehen große Versicherer. Niemand muss befürchten, im Schadenfall keine Leistungen zu bekommen. Friday ist ein Ableger der Hamburger Versicherung Basler und des Schweizer Mutterkonzerns Baloise. Hinter Emil steht die Gothaer.

Was spricht für die neuen Versicherungskonzepte?

Jahr für Jahr steigt in Deutschland die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge. Für dieses Jahr werden 46,5 Millionen Pkw auf den Straßen erwartet. Gleichzeitig nimmt aber die Fahrleistung pro Fahrzeug ab. Nach einer Forsa-Umfrage fahren 49 Prozent aller Fahrzeughalter weniger als 10.000 Kilometer im Jahr. „Im traditionellen Versicherungsmodell subventionieren die vielen Wenigfahrer das erhöhte Risiko der wenigen Vielfahrer“, sagt Bastian Knutzen, Gründer und Geschäftsführer von Emil. Allerdings berücksichtigen auch klassische Tarife in gewissem Umfang die jährliche Fahrleistung.

So zahlt der Fahrer eines VW Passat Variant bei 12.000 Kilometern knapp neun Prozent mehr, als wenn er nur 7000 Kilometer im Jahr zurücklegt. Versicherte neigen aber dazu, ihre jährliche Fahrleistung höher anzugeben als sie tatsächlich ausfällt. Das Interesse an neuen digitalen Versicherungsangeboten, die über das Internet abgeschlossen werden, ist groß. So sagen 61 Prozent der Kunden, dass deutsche Versicherer in Sachen Verfügbarkeit, Verständlichkeit, Geschwindigkeit und Transparenz nicht mit den großen Internetfirmen mithalten können, wie aus der Studie Digitale Versicherung 2018 hervorgeht. Das wollen jetzt digitale Versicherer wie Emil, Friday oder das Hamburger Start-up Haftpflicht-Helden ändern, das aber nicht das Auto, sondern den Hausrat versichert.

Wie funktionieren die neuen Tarife?

Die Tarife von Emil und Friday setzen sich aus einem Grundbeitrag und einem Beitrag je gefahrenen Kilometer zusammen. Je weniger man fährt, desto günstiger wird es. „Bei weniger als 6000 Kilometer wirkt sich der Vorteil unseres Tarifs besonders aus, weil so geringe Fahrleistungen bei den klassischen Tarifen kaum berücksichtigt werden“, sagt Friday-Sprecher Lukas Jaworski. Bei beiden Anbietern schätzt der Kunde seine Fahrleistung zu Vertragsbeginn. Die tatsächlich gefahrenen Kilometer werden monatlich (Emil) oder jährlich (Friday) abgerechnet. „Wir vertrauen darauf, dass der Versicherte uns die gefahrenen Kilometer am Jahresende korrekt mitteilt“, sagt Jaworski. Wer mehr fährt als geschätzt, muss dann bei Friday nachzahlen. Bei Emil entfällt das durch die monatliche Abrechnung.

Welche Unterschiede gibt es
zwischen beiden Anbietern?

Friday kommt ohne technische Einbauten im Auto des Kunden aus. Das ist ein Vorteil. Emil gibt den Autofahrern kostenlos einen Stecker, der unter dem Lenkrad angebracht wird. Die Buchse dient sonst zur Fehlerauslese in der Kfz-Werkstatt. Der Stecker übermittelt dann an den Versicherer die gefahrenen Kilometer, die monatlich abgerechnet werden. „Andere Daten werden von uns nicht verwendet“, versichert Knutzen. Auf einer App kann der Versicherte die laufenden Kosten für das Fahrzeug stets nachvollziehen. Bei Emil haben die gefahrenen Kilometer einen stärkeren Einfluss auf den Gesamtbeitrag als bei Friday.

Was zeigt der Vergleich mit klassischen Tarifen?

Das Abendblatt hat die neuen Tarife für drei unterschiedliche Fahrzeuge in Hamburg berechnet: ein Familienauto (VW Passat Variant), einen Kleinwagen (Skoda Fabia) sowie einen Elektro-Smart. Und es wurden diese mit dem günstigsten klassischen Tarif verglichen. Nur bei geringen jährlichen Fahrleistungen schneiden die Kilometer-Tarife von Emil und Friday zum Teil besser ab. Emil kann dabei häufiger punkten als Friday (siehe Grafik). Überraschend: Beim Elektro-Smart sind fast durchweg die klassischen Tarife günstiger. Da bei Friday die vorgegebenen Einstellungen von 5000 und 7000 Kilometer nicht möglich sind und stattdessen 4800 und 7200 Kilometer gewählt werden mussten, sind die Berechnungen einmal besser und einmal schlechter als die tatsächlichen Ergebnisse. Fazit: bis 7000 Kilometer kann es sich lohnen, auf die neuen Anbieter zu setzen. Denn bis zu dieser Distanz können sich die neuen Anbieter mit ihren Versicherungsprämien häufig unter den zehn preisgünstigsten Anbietern behaupten. Aber je höher die Fahrleistung, desto ungünstiger sind die neuen Tarife für den Kunden. Das gilt für den Anbieter Emil noch stärker als für Friday. Aber wenn die Versicherten weniger fahren, als sie zunächst schätzten, haben sie einen Vorteil gegenüber den klassischen Tarifen. Denn sie zahlen nur für die tatsächlich gefahrenen Kilometer. Außerdem geht die Beitragsberechnung wesentlich schneller als bei einem klassischen Tarif, da weniger Daten eingegeben werden müssen.

Wie leistungsstark sind die Tarife?

Abgeschlossen wurde ein Vertrag mit Haftpflicht und Teilkasko. Alle Tarife gelten auch bei grober Fahrlässigkeit, haben eine Mallorca-Police für Mietfahrzeuge im Ausland, Tierbissschäden sind versichert, aber ohne Folgeschäden. Bei den klassischen Tarifen sind dagegen auch Folgeschäden versichert. Versichert ist zudem der Zusammenstoß mit Tieren. Die Versicherungssummen sind mit maximal 100 Millionen Euro für Sachschäden und 15 Millionen Euro pro Person sehr komfortabel.

Was sagen die Verbraucherschützer?

„Wichtiger als die Form der Abrechnung sind die Leistungen bei einer Kfz-Versicherung“, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten. „Denn im Schadenfall nützt einem der günstigste Tarif nichts, wenn das eingetretene Risiko nicht versichert ist, etwa Tierbissschäden.“ Die genaue Erfassung der Länge der Fahrstrecken durch den Versicherer dürfte nicht im Interesse jedes Autofahrers sein, gibt die Verbraucherschützerin des Weiteren zu bedenken. „Wer wenig fährt, für den können die Tarife interessant sein“, sagt Kerstin Becker-Eiselen von der Verbraucherzentrale Hamburg. Gut findet sie, dass der Vertrag bei Emil monatlich gekündigt werden kann. „Doch die Datenübermittlung aus dem Fahrzeug wird nicht jedermanns Sache sein.“ Auch bei klassischen Tarifen lohne es zu überprüfen, ob man wirklich so viele Kilometer fährt wie angegeben, sagt Boss. Sonst sollte man seine bisherigen Angaben beim Versicherer korrigieren. Auch dann kann die Jahresrechnung eventuell günstiger ausfallen.