Lebensmittelherstellung

Immer mehr Hamburgerinnen verkaufen den Thermomix

Gabriele Steiding ist seit 2009 Thermomix-Repräsentantin und verkauft das Gerät bei Kochpartys.

Gabriele Steiding ist seit 2009 Thermomix-Repräsentantin und verkauft das Gerät bei Kochpartys.

Foto: Michael Rauhe / HA

Schon mehr als eine Million der Küchengeräte sollen in deutschen Haushalten stehen. Doch der Boom könnte vorbei sein.

Hamburg. Gabriele Steiding hat angerichtet: Knoblauch, Zwiebeln, Tomaten, Glasschalen mit verschiedenen Gewürzen, Tomatenmark, Öl und jeweils ein Topf mit Basilikum und Petersilie stehen in dem Bramfelder Küchenstudio auf dem Tisch. Die Zutaten für eine Tomatensuppe. Das Rezept gibt der Thermomix vor. Steiding nimmt eine Zwiebel, halbiert sie und gibt sie in das Küchengerät, in dem schon eine geschälte Knoblauchzehe liegt. Danach drückt sie auf dem Display auf „Weiter“. 30 Milliliter Öl verlangt die Küchenmaschine als Nächstes. Drin. Auf Knopfdruck wird’s laut. Naja, zumindest ein wenig lauter. Der Thermomix häckselt die Zutaten und schwitzt sie an. Drei Minuten dauert dieser Schritt – Pfanne und Herd sind dafür nicht notwendig.

Der Thermomix gilt als Tausendsassa in der Küche. Zwölf Funktionen vereint die Maschine laut Hersteller Vorwerk: von Mixen und Mahlen über Rühren und Kneten bis zum Kochen und Dampfgaren. „Für meine Begriffe gehört der Thermomix in jeden Haushalt“, sagt Steiding, die seit 2009 Repräsentantin für das Gerät ist. Und offenbar sehen das auch immer mehr Hamburgerinnen so – zumindest gewinnt sie zunehmend Mitstreiterinnen für ihre Passion.

Etwa zweimal in der Woche packt Steiding die Maschine ein und veranstaltet bei einem Gastgeber – meist sind es Frauen, die ein paar Freundinnen dazu einladen – ein Eventkochen. Vier oder fünf Gänge werden aufgetischt. „Jeder soll den Thermomix einmal bedienen können“, lautet ihre Devise bei diesem Schaukochen. Denn wer den Thermomix haben will, kann ihn nicht im Geschäft erwerben. Nicht mal im Vorwerk-Flagshipstore am Jungfernstieg könne man das Gerät gleich kaufen, heißt es von Vorwerk.

Maschinen gibt es nur im Direktvertrieb

Die Maschinen gibt es nur im Direktvertrieb. Und die Zahl der Direktvertriebler – die anderswo Vertreter, bei Vorwerk aber Repräsentanten genannt werden – wächst kräftig. Vor vier Jahren gab es knapp 2000 angestellte Berater, 2017 waren es fast 3500. Dazu kommen weltweit rund 45.000 selbstständige Berater – gut 10.000 mehr als vor vier Jahren. In der Bundesrepublik sind es insgesamt rund 11.000 Beraterinnen.

Steiding ist eine von ihnen und erinnert sich gut an ihre Anfänge. Als sie vor knapp zehn Jahren Repräsentantin wurde, gab es im Bezirk Hamburg-Nord drei Teams, die häufig aus bis zu 20 Personen bestehen. Heute sind es zehn Teams – und dabei wurde der Bezirk zwischendurch geteilt. Nun reicht er von den Stadtteilen an Alster und Flughafen bis Poppenbüttel und Rahlstedt. Nach Abendblatt-Informationen gab es damals eine Handvoll aktive Thermomix-Verkäuferinnen – heute sind es rund 120. Die Vorwerk-Pressestelle dementiert das zumindest nicht, kann nähere Angaben zu Hamburg aber nicht liefern. „Regionale Zahlen dieser Art veröffentlichen wir nicht“, sagt Sprecherin Anika Wichert.

Zum Mythos Thermomix gehört offenbar auch eine gewisse Geheimniskrämerei. Wie hoch die Provision für die Repräsentanten ist? Das unterliege dem Geschäftsgeheimnis. Wie viele Thermomixe bisher verkauft worden seien? „Diese Zahl veröffentlichen wir nicht“, sagt Wichert. Der „Stern“ schrieb einmal von mehr als einer Million Geräte, die in deutschen Küchen stehen.

Umsatz von 1,12 Milliarden Euro

Immerhin einmal im Jahr lässt sich Vorwerk ein wenig in die Karten schauen. Jeweils im Mai wird der Geschäftsbericht vorgestellt. Daraus lässt sich entnehmen, dass der Thermomix vor dem legendären Staubsauger Kobold der größte Umsatzbringer des Wuppertaler Familienunternehmens ist und knapp 40 Prozent zu den Erlösen beisteuert. Alle 29 Sekunden wurde 2017 ein Thermomix verkauft. In mehr als 50 Staaten ist er erhältlich.

Im Vorjahr sorgte das für einen Umsatz von 1,12 Milliarden Euro – im Vergleich zu 2016 ein deutliches Minus von fast 13 Prozent. In Deutschland sank der Umsatz sogar um 22 Prozent auf 300 Millionen Euro. Ein Teil des Rückgangs hänge mit einem Sondereffekt zusammen, heißt es im Geschäftsbericht. Damals seien Kundenbestellungen aus dem Jahr 2015 aufgrund eingeschränkter Produktionskapazitäten erst 2016 ausgeliefert worden.

Allerdings lag der Umsatz 2017 auch geringfügig unter dem von 2015. Ein Jahr nach der Markteinführung der neuesten Generation TM5 im September 2014 war der Umsatz um fast 50 Prozent nach oben geschnellt. Die Lieferzeit lag teilweise bei acht Wochen, nun sind es sieben Werktage. Ist der Thermomix-Boom also vorbei?

Das Gerät kostet 1300 Euro

„Eine Flaute spüren wir nicht“, sagt Wichert und verweist auf die beiden außergewöhnlichen Rekordjahre und eine danach einsetzende Konsolidierung. Allerdings entdecken auch Discounter den Markt für sich. Ende Oktober bot Aldi eine „Küchenmaschine mit Kochfunktion und WLAN“ für 229 Euro an – damit kostete die Billiglösung nur etwa ein Fünftel des Vorwerk-Modells. Spüren die Wuppertaler die Konkurrenz durch das Billigangebot? „Wir spüren vor allen Dingen ein ungebrochenes Interesse am Thermomix“, sagt die Vorwerk-Sprecherin.

Das Premium-Paket bei Vorwerk kostet 1300 Euro, inklusive ist dabei der Cook-Key. Mit diesem kleinen Gerät werden per WLAN die Rezepte aus dem firmeneigenen Onlinerezepteportal Cookidoo aufs Display des Thermomix übertragen. Schritt für Schritt wird der Hobbykoch dann zum Gelingen der Speise geführt. Sechs Monate Cookidoo-Zugang sind inklusive, anschließend kostet der Zugriff auf 7000 Rezepte 36 Euro pro Jahr.

Diese beiden Features machten das Gerät besonders beliebt, sagt Wichert: „Denn diese Angebote machen den Thermomix einzigartig: indem wir unseren Kunden die gesamte Lösung auf die tägliche Küchenfrage: ,Was koche ich heute?‘ anbieten. Das wird geschätzt.“ Offen ließ sie, ob der Umsatz nach dem Einbruch 2017 in diesem Jahr wieder steige. Das Geheimnis werde im Mai 2019 gelüftet, bei der Präsentation der Geschäftszahlen.

Bei Familien mit Kindern beliebt

Im Küchenstudio in Bramfeld agiert Steiding weniger geheimnisvoll und lüftet den Deckel des Thermomix. Sie greift zu den Tomaten, halbiert sie, schneidet das Auge heraus und legt sie in den Topf zu den angeschwitzten Zwiebeln. Die eingebaute Waage stellt sich automatisch auf null. Nach fünf, sechs Tomaten sind die angestrebten 700 Gramm erreicht. Tomatenmark, Gewürze und Sahne folgen. Dann kommt noch ein halber Liter Wasser hinzu – abgemessen mit der Skalierung, die der Topf an der Seite hat. Topf wieder aufs Gerät, Deckel drauf – per Knopfdruck kocht die Tomatensuppe nun eine Viertelstunde. Steiding stellt Brett und Messer in die Spülmaschine – mehr Küchenutensilien hat sie für die Zubereitung nicht genutzt. Zeit, sich übers Geschäft zu unterhalten.

„Unter den Einsteigern sind viele Familien mit Kindern“, sagt Steiding. Schließlich solle der Nachwuchs gesund essen, aber die Zeit fürs Kochen fehle häufig. Noch ausgeprägter ist das in Frankreich, wo frisch gebackene Mütter relativ schnell nach der Geburt wieder in den Beruf einsteigen. Dort erfanden Vorwerk-Ingenieure den Ur-Thermomix, der 1971 auf den Markt kam. 13 Jahre später kam der Küchentausendsassa in die Bundesrepublik.

In Steidings Küche gelangte er 2009. „Als ich davon hörte, machte es klick“, sagt die Mutter von Zwillingen, die zu Hause Mann und Sohn als Fleischesser und eine Tochter als Vegetarierin bekochen musste. „Ich wusste: Der Thermomix löst meine Küchenprobleme.“ Allen habe es sofort geschmeckt, der Alltag sei entspannter geworden. Mit ihrem Mann musste sie nur kurz über die teure Anschaffung sprechen, denn für sie sei sofort klar gewesen. „Ich verdiene mir den Thermomix.“ Als Repräsentantin.

In Dörfern gibt es mehr Käufer als in Großstädten

Bis Weihnachten bietet das Unternehmen eine neue Aktion an: Wer in das Team kommt und vier Geräte verkauft, erhält seinen Thermomix umsonst. Verkaufen dürfen die Repräsentanten theoretisch von Flensburg bis Füssen. Tatsächlich beschränken sich die Hausbesuche Steidings meist auf die Metropolregion. Und die Nachfrage danach sei stabil auf hohem Niveau. „Hamburg ist für uns eine sehr wichtige Vertriebsregion“, sagt Vorwerk-Sprecherin Wichert. Grundsätzlich stünden Süddeutsche dem Gerät offener gegenüber als Norddeutsche. Und in Dörfern gebe es mehr Käufer als in den Großstädten. Das liege wohl an der größeren Auswahl an Restaurants, die es in Städten gibt. Dort wird also häufiger Essen gegangen als selbst zu kochen. Zudem sei man auf dem Land dem Vertriebsweg Direktvermarktung aufgeschlossener. Aber dennoch ist für die Sprecherin klar: „In Hamburg gibt es noch viele Haushalte, in die ein Thermomix passen würde.“

Steiding stellte bei ihrer Verkaufstätigkeit kein unterschiedliches Kaufverhalten zwischen Bewohnern wohlhabenderer und eher armer Stadtteile fest. Immer mal wieder werde beim Kauf auf eine Finanzierung zurückgegriffen – bisweilen zum Zinssatz von null Prozent. Erworben werde der Thermomix querbeet durch die Bevölkerung: von der Rentnerin bis zur jungen Mutter, von der Studentin bis zum Notarzt, vom Ernährungswissenschaftler bis zum Marktverkäufer. Entsprechend vielfältig seien auch die Berufe der Repräsentantinnen. Steiding als Gruppenleiterin kümmert sich zudem noch um das Bestellen von Material und lädt ihr Team wöchentlich zum Informationsaustausch und Ausprobieren neuer Rezepte nach Bramfeld ein.

Vom Tresen meldet sich im dortigen Küchenstudio der Thermomix mit seinem eher unaufdringlichen Klingelton. Die Tomatensuppe ist fertig. Steiding richtet an. Suppe auf den weißen Teller, zwei Basilikumblätter als Deko abgezupft. Sieht gut aus – und ist lecker. Und der Arbeitsaufwand hielt sich tatsächlich in Grenzen. Auch nach dem Essen: Der Thermomix-Topf kommt zusammen mit Tellern und Löffel einfach in die Spülmaschine. Die Küche ist sozusagen in einem Abwasch sauber.