Stadtreinigung

Diese Hamburger machen alles andere als einen Drecksjob

Sie arbeiten bei der Stadtreinigung Hamburg und wundern sich nicht über das gute Image ihres Arbeitgebers in der Öffentlichkeit: Sophie Schelle, Horst Radek, Carmen Aue und Mehdi Ebadi

Sie arbeiten bei der Stadtreinigung Hamburg und wundern sich nicht über das gute Image ihres Arbeitgebers in der Öffentlichkeit: Sophie Schelle, Horst Radek, Carmen Aue und Mehdi Ebadi

Foto: Michael Rauhe

Für die Hamburger ist die Stadtreinigung das beliebteste Unternehmen der Stadt. Und was sagen die Beschäftigten über ihre Arbeit?

Hamburg.  Irgendwann früher, daran kann sich Horst Radek noch erinnern, gab es manchmal diese abfälligen Sprüche. Die man Kindern oder Jugendlichen an den Kopf geknallt hat, die in der Schule nicht richtig mitgemacht haben, faul waren. So etwas wie: „Aus Dir wird höchstens mal ein Straßenfeger.“ Oder: „Du landest bestimmt mal bei der Müllabfuhr“.

Horst Radek lacht, wenn er davon erzählt. Ist ewig her, dass er so einen Spruch gehört hat. Bestimmt 15 oder 20 Jahre. Heute redet niemand mehr so. Heute ist die Arbeit bei der Stadtreinigung angesehen. Sehr sogar. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage unter Hamburgern ist die Stadtreinigung das beliebteste Unternehmen in der Stadt (das Abendblatt berichtete).

Horst Radek ist seit 30 Jahren bei der Stadtreinigung

Ein bisschen stolz macht Horst Radek (54) das schon, wenn er so was hört. Schließlich arbeitet er schon seit 30 Jahren hier. Früher bei der ZBM, der Zen­tralen Betriebsstätte Müllabfuhr, heute als Kolonnentrainer bei der Sperrmüllabfuhr. „Ist ein guter Job“, sagt er. „Gut und vor allem sicher.“ Nicht so wie „draußen“, sagt er und meint: draußen, in der freien Wirtschaft, wo die „Arbeitsbedingungen immer härter werden“. Wo Unternehmen pleitegehen, langjährige Mitarbeiter ihren Job verlieren. Horst Radek schüttelt den Kopf.

Er hat Freunde, denen das passiert ist. Die plötzlich arbeitslos geworden sind – und mit Mitte 50 nichts Neues mehr finden. „Ganz schöner Mist ist das“, sagt er und winkt mit seinen wettergegerbten Händen ab. Er ist froh, dass ihm das nicht passieren kann. Dass sein Job sicher ist. „Hier kannste bis zur Rente bleiben – wo gibt es das denn sonst heute noch?“

Stadtreinigung bietet attraktive Altersteilzeitmodelle

Für ihn ist das keine Frage. Sondern Fakt. Schließlich bietet die Stadtreinigung gute Altersteilzeitmodelle an. „Das ist eine große Erleichterung, vor allem für die, die körperlich schwer arbeiten müssen“, sagt er und deutet mit dem Kopf auf seine Kollegin. Carmen Aue, 60 Jahre alt. 23 Jahre war sie bei der Gehwegreinigung, hat im Herbst Laub gefegt und im Winter Schnee geschoben. Hat ihr immer Spaß gemacht, draußen an der frischen Luft zu arbeiten, egal wie das Wetter war. Aber jetzt geht es langsam nicht mehr.

„Die Knochen“, sagt sie und zuckt mit den Schultern. So ist es eben. Montag ist Schluss, dann geht sie in Altersteilzeit. 23 Jahre, nachdem man ihr bei einem Vorstellungsgespräch in einem anderen Unternehmen gesagt hatte, dass sie viel zu alt für die Arbeitswelt wäre. In Rente gehen sollte! Mit 37 damals! Sie weiß noch genau, wie sich das angefühlt hat. Abgeschrieben zu werden, nach den Kindern nicht mehr in ihren alten Job als Buchbinderin zurückzukönnen, nichts Neues zu finden. Bis sie sich bei der Stadtreinigung beworben hat. Der Chef hat sie damals nur gefragt, wann sie anfangen kann. „Morgen“, hat sie gesagt. Und es nie bereut.

Mehdi Ebadi bekam nach der Flucht einen Ausbildungsplatz

Geschichten wie die von Carmen Aue gibt es viele. Geschichten von Flüchtlingen, wie die von Mehdi Ebadi (20), der 2015 aus dem Iran kam und jetzt bei der Stadtreinigung einen Ausbildungsplatz zum Mechatroniker bekommen hat. Von jungen Müttern, die hier eine Ausbildung in Teilzeit machen können. Für Rainer Hahn sind das nicht irgendwelche Geschichten. Sondern gute Gründe, warum die Stadtreinigung so beliebt ist.

Das hat nicht nur die externe Umfrage des Forsa-Instituts ergeben, sondern auch interne Befragungen der Mitarbeiter. „Wir hören von den Mitarbeitern immer wieder, was für ein soziales Unternehmen die Stadtreinigung ist und wie zufrieden sie mit ihrem Job sind“, sagt Rainer Hahn. Er kennt die Innen- und Außensicht auf das Unternehmen. Hahn ist Personalratsvorsitzender der Stadtreinigung und Vorsitzender des Fachbereichs Ver- und Entsorgung der Gewerkschaft Ver.di. Seine Erfahrung: „Die Mitarbeiter schätzen es, dass ihr Job im öffentlichen Dienst eine Per­spektive hat und es im Unternehmen gute Aufstiegschancen gibt.“

Eigenverantwortliches Arbeiten ist möglich

Weitere Gründe für die Zufriedenheit, die er immer wieder zu hören bekommt, seien die Möglichkeit des eigenverantwortlichen Arbeitens sowie die große Akzeptanz in der Bevölkerung. „Das Image der Stadtreinigung hat sich grundlegend geändert. Die Vorurteile von früher gegenüber der Müllabfuhr und ihren Mitarbeitern gibt es schon lange nicht mehr“, sagt Hahn. Das Thema Umweltbewusstsein werde in der Öffentlichkeit zunehmend wichtiger, deshalb steige auch das Ansehen der Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind. „Die Leute mögen eine saubere Stadt – und wissen es wertzuschätzen, wenn es Menschen gibt, die für diese Sauberkeit sorgen.“

Das schlägt sich auch im Umfrage-Ergebnis nieder. Während sich das Image der meisten Hamburger Unternehmen im Vergleich zu 2014 verschlechtert hat, stieg die Stadtreinigung in der Beliebtheit sogar noch. Ein Grund dafür könnte unter anderem die massive Aufstockung der Mitarbeiterzahl sein. Allein zum Jahreswechsel 2017/2018 wurden 400 Stellen für die Pflege der Grünanlagen neu geschaffen und besetzt.

Als junge Mutter war ein Vollzeitjob unmöglich

Auch Sophie Schelle ist erst seit Kurzem bei der Stadtreinigung. Am 1. August hat sie hier eine Ausbildung für Büromanagement begonnen. In Teilzeit. „Als junge Mutti hatte ich keine andere Möglichkeit“, sagt die 23-Jährige. Die Wochenarbeitszeit von 30 Stunden ermöglicht es ihr, die 14 Monate alte Tochter morgens in die Kita zu bringen, sechs Stunden zu arbeiten, danach die Kleine wieder abzuholen und Zeit für sie zu haben. „Bei einer Ausbildung in Vollzeit wäre das nicht möglich“, weiß Sophie Schelle.

Nach ihrem Fachabitur hatte sie schon mal eine Ausbildung begonnen, war dann aber in der Probezeit schwanger geworden und konnte nach der Elternzeit nicht zurück in den alten Job. Es war ein Job in der freien Wirtschaft, wo sie 40, manchmal 45 Stunden pro Woche habe arbeiten müssen.

Gutes Image in der Öffentlichkeit

„Als Single ist das möglich, als Mutter eines Kleinkindes aber nicht“, sagt Sophie Schelle. Doch die Suche nach einem Ausbildungsplatz in Teilzeit war schwierig. Zu Hause zu bleiben war für die 23-Jährige jedoch keine Option. „Ich wollte wieder arbeiten, um ein Vorbild für mein Kind zu sein“, sagt sie entschieden. Dass sie sich schließlich für die Stadtreinigung entschieden hat – und gegen eine ebenfalls mögliche Ausbildung zur Arzthelferin – lag vor allem an der Größe des Betriebes.

„Die Ausbildung ist unglaublich vielschichtig. Hier durchlaufe ich viel mehr Stationen als in anderen Betrieben. Selbst in Teilzeit“, sagt Sophie Schelle. Obwohl sie nicht voll arbeitet, kann sie die Ausbildungszeit auf 2,5 Jahre verkürzen und bekommt das gleiche Gehalt wie die anderen Azubis. Sie ist stolz darauf, es geschafft zu haben. Und stolz auf ihren Arbeitgeber. Von den alten Vorurteilen, wie es sie früher gab, hat sie noch nie etwas gehört. „Zu mir hat noch nie jemand was Blödes über die Stadtreinigung gesagt. Warum auch!“

Mit ihrem guten Image in der Öffentlichkeit sind die Hamburger Stadtreiniger nicht allein. In Berlin fragt Forsa auch regelmäßig nach den beliebtesten Unternehmen. Die Aussagen sind eindeutig: Schon seit Jahren liegen die Berliner Stadtreinigungsbetriebe vorne.