Schifffahrt

Der Fall Kortüm – geht der Ausverkauf der Reedereien weiter?

Ralf Nagel vertritt insgesamt rund 200
deutsche Reeder.

Ralf Nagel vertritt insgesamt rund 200 deutsche Reeder.

Foto: Klaus Bodig / HA

US-Investor V.Group erwirbt Mehrheit an Hamburger Schifffahrtsunternehmen. Verbandschef zur Zukunft der Branche

Hamburg.  Nachdem der Hamburger Reeder Bernd Kortüm den Verkauf eines Großteils seines Schifffahrtsgeschäfts an den US-Investor V.Group verkündet hat, diskutiert die maritime Branche wieder heftig darüber, welchen Wert der Standort Hamburg noch für sie hat. Im Interview mit dem Abendblatt sagt Ralf Nagel, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des Verbands Deutscher Reeder (VDR), warum Kortüms Schritt kein Beispiel für den Ausverkauf der deutschen Schifffahrt ist, warum sich die Branche wandeln muss und welche milliardenschweren Investitionen ihr derzeit bevorstehen.

Herr Nagel, man hat den Eindruck, dass der Ausverkauf deutscher Schifffahrtsbetriebe weitergeht. Wie ist die Lage derzeit?

Ralf Nagel: Man darf einen strukturellen Umbau nicht mit einem Ausverkauf verwechseln. Im Fall Kortüm wird eine große Reederei neu aufgestellt, alle wesentlichen Funktionen bleiben aber am Standort Hamburg erhalten.

Setzt sich der Konzentrationsprozess in der Branche dennoch fort?

Nagel: Im Moment sehen wir die Konzentration auf besondere Fähigkeiten am Standort. Spezialisierung ist typisch in dieser Marktphase. Es kommt nun vor allem darauf an, dass wir die Firmen und die Spezialisten auch in Deutschland und Hamburg halten.

Was meinen Sie mit Spezialisierung?

Nagel: Darunter verstehe ich beispielsweise die Konzentration auf die technische Betreuung der Schiffe für Dritte.

Wird diese Entwicklung gestoppt oder sehen Sie noch weitere Risiken?

Nagel: Schifffahrt ist an sich ein extrem zyklisches Geschäft. Dadurch gibt es immer wieder dynamische Gründungs- und Konsolidierungsphasen. Deutsche Reeder sind erfolgreiche Gründer und Konsolidierer. Jetzt erwarten wir zusätzlich einen starken Wandel durch die Digitalisierung der Transportkette. Welche Nischen dabei besser von Start-ups, Mittelständlern oder Großunternehmen abgedeckt werden können, ist offen. Erfolgreich wird sein, wer sich schnell anpassen kann und innovativ ist.

Die Charterraten haben sich im Containerbereich etwas stabilisiert. Wie geht es den deutschen Reedern finanziell?

Nagel: Es ist ein gutes Zeichen, wenn die Charterraten stabiler sind. Die Reedereien müssen jetzt milliardenschwere Investitionen für neue, noch striktere Umweltregularien aufwenden. Viel wird davon abhängen, ob die Verbraucher am Ende bereit sind, für den Umweltschutz höhere Transportpreise zu zahlen.

Was muss geschehen, damit die Branche auch künftig in Deutschland eine bedeutende Rolle spielt?

Nagel: Die Ausbildung an Land und auf See muss auf hohem Niveau weitergehen. Das gebündelte, hochwertige Know-how am Standort ist ein wesentlicher positiver Wettbewerbsfaktor. Und wie für die deutsche Wirtschaft insgesamt brauchen wir einen klaren Blick der Politik auf die Wettbewerbslage Deutschlands bei der Besteuerung. Man muss zu viel Steuern zahlen. Da sind andere innerhalb Europas bereits besser.

Wer denn?

Nagel: Nahezu alle! In der Schifffahrt beispielsweise Dänemark. Das dürfte auch einer der Gründe dafür sein, warum die Schiffe von Hamburg Süd inzwischen dort registriert sind.