Hamburg

Zahlt Christi Degen 33.000 Euro selbst?

Handelskammer findet Kompromiss im Streit um Abfindungsregelung. Hauptgeschäftsführerin muss Schaden abwenden

Hamburg.  Der große Bruch ist ausgeblieben. Als am Donnerstag das Plenum der Handelskammer zu seiner Oktober-Sitzung zusammentrat, bemühte sich das Präsidium um Einigkeit. Nach vier Stunden Krisengespräch hinter verschlossenen Türen beendete die Hauptgeschäftsführerin Christi Degen den Streit über die ihr zur Last gelegte Abfindungszahlung an die ehemalige Leiterin des Geschäftsbereichs International, Corinna Nienstedt. Kammer-Präses Tobias Bergmann eröffnete die Plenarsitzung mit den Worten: „Wir haben im Falle der Abfindung eine Lösung gefunden.“ Dann gab er den Ball an Degen weiter – und die Hauptgeschäftsführerin sagte: „Ich werde dafür sorgen, dass der Kammer kein Schaden entsteht.“

Damit bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder die Hauptgeschäftsführerin holt sich das Geld, es geht um eine Prämienzahlung von 33.000 Euro, von Nienstedt trotz des vereinbarten Aufhebungsvertrags zurück. Oder sie muss die Summe woanders auftreiben – möglicherweise selbst dafür aufkommen.

Damit beendet Degen einen neuen Konflikt, der sich in den vergangenen Tagen innerhalb des siebenköpfigen Präsidiums entwickelt hatte. Zwar waren sich alle einig, dass die Hauptgeschäftsführerin die Prämie an Nienstedt ohne Rücksprache mit dem Präsidium nicht hätte genehmigen dürfen. Schließlich geht es um die Verwendung von Mitgliedsbeiträgen. Ein Teil des Führungsgremiums nutzte den Vorfall aber sogar, um die Arbeit Degens insgesamt infrage zu stellen. Wäre sie gestürzt, hätte das zu einem Auseinanderbrechen des Präsidiums führen können.

Dabei hatte dieses Führungsgremium seine Arbeit einmal mit viel Schwung angefangen. Als die Wahlgruppe „Die Kammer sind WIR!“ im Februar des vergangenen Jahres bei den Plenumswahlen einen Erdrutschsieg verzeichnete, ging ein Jubelschrei durch die Reihen der Kammerrebellen. Namhafte Vertreter großer Betriebe, die lange in Hamburgs bedeutendster Wirtschaftsorganisation mitgewirkt hatten, flogen aus dem Plenum. Ungeübte, neue Unternehmer kleinerer Betriebe zogen ein. Am Ende stellten die Kammerrebellen 55 der 58 Sitze des ehrenamtlichen Plenums und begannen das Haus am Adolphsplatz nach ihren Vorstellungen umzubauen.

Unbeirrt von der massiven Kritik von außen starteten die neuen Ehrenamtsvertreter in großer Geschlossenheit einen konsequenten Sparkurs. Sie tauschten Hauptgeschäftsführer Hans-Jörg Schmidt-Trenz gegen eine Nachfolgerin mit geringerem Gehalt aus und brachten eine Beitragsreform auf den Weg, durch welche die Einnahmen aus den Mitgliederzahlungen von 60 auf 40 Millionen Euro jährlich gesenkt wurden. Bis 2020 will Präses Bergmann sogar runter auf 30 Millionen Euro.

Doch seit einigen Monaten gibt es Probleme – und diesmal kommt das Störfeuer nicht von außen. Vielmehr gibt es Streit innerhalb der Wir-Gruppe. Einem Teil der ehrenamtlichen Mitglieder gehen die geplanten Reformen nicht weit genug, anderen zu schnell. Hinzu kommen personelle Querelen, sodass der Begriff „Kammerrebellen“ eine neue Bedeutung bekommt. Manche sprechen von einem Kräftemessen zwischen zwei Alphatieren im Präsidium: Auf der einen Seite Bergmann, auf der anderen Seite sein Vizepräses Torsten Teichert. Doch wenn es zum Schwur kam, legten die beiden in der Vergangenheit ihre Aus­einandersetzungen immer bei.

Es begann mit Kritik an der Führungskultur Bergmanns, die immer weiter anschwoll. Vor einigen Monaten sah er sich deshalb genötigt, die Vertrauensfrage zu stellen. Diese gewann er, wenn auch mit einem knappen Ergebnis. Schon damals gehörte Teichert zu Bergmanns Kritikern. Jetzt entzündet der Streit sich also an Hauptgeschäftsführerin Degen. Sie hatte den Job im Dezember des vergangenen Jahres angetreten, nachdem sich Plenum und Präsidium vom langjährigen Hauptgeschäftsführer Schmidt-Trenz getrennt hatten. Schmidt-Trenz war für die Wir-Gruppe ein Feindbild. Deshalb war man sich über die Trennung einig.

Umso schwieriger gestaltete sich dann aber die Nachfolgesuche. Degen kam erst nach internen Auseinandersetzungen im Kammerpräsidium zum Zug – und hat seitdem als Chefin des Hauptamtes der Handelskammer einen schweren Stand. Sie muss zum einen die Verschlankung der Kammer durchsetzen und das Personal dem geringeren Budget aus Mitgliedsbeiträgen anpassen. Zum anderen muss sie bei der Organisationsstruktur des Kammer-Hauptamts den Vorgaben des Ehrenamts folgen. Das bedeutet die Schließung zahlreicher Geschäftsbereiche sowie Jobabbau. Jede vierte Stelle wird bis 2021 gestrichen. Dabei müssen auch lang gediente Führungskräfte gehen: Neben der genannten Leiterin des Geschäftsbereichs International, Corinna Nienstedt, sind das der Bereichsleiter für Marketing und Kommunikation, Christoph Herting, und die Chefin des Bereichs Finanzen, Dienstleistungen und Cluster sowie Geschäftsführerin des Finanzplatzes Hamburg, Gabriele Rose. Gegangen sind auch der Leiter der Abteilung für migrantische Unternehmen, Toufic El Masri, und der bisherige Personalchef Werner Pahl. Zuvor waren der Leiter der Stabsstelle Presse, Jörn Arfs, und der stellvertretende Hauptgeschäftsführer, Ulrich Brehmer, ausgeschieden. Der stellvertretende Vorsitzende des Personalrats, Stephan Klatt-Wenderodt, spricht vom Risiko eines Braindrains, also der Abwanderung kluger Köpfe, und der Unruhe unter seinen Kollegen: „Es wird bislang nicht deutlich, wohin sich die Handelskammer Hamburg inhaltlich entwickeln soll. Das verunsichert die Mitarbeiter.“

In diesem Punkt hat das Plenum reagiert. Es beschloss am Donnerstag, den Restrukturierungsprozess erst einmal zu stoppen, bis endgültig klar ist, mit welchem Budget er fortgesetzt wird. In diesem Fall hat sich Teichert durchgesetzt, aus dessen Feder der Antrag maßgeblich stammt: „Mein Verdacht ist, dass wir den Prozess verlangsamen müssen“, sagte er in der Sitzung. „Es ist schwierig, eine Restrukturierung vorzunehmen, wenn nicht klar ist, welche Rahmenbedingungen herrschen.“ Zunächst soll Degen einen detaillierten Bericht über die Inhalte der Restrukturierung, der Personalentwicklung und der mittelfristigen Finanzplanung bis 2023 vorlegen.

Das Plenum beschloss zudem, für das Jahr 2014 rückwirkend die Mitgliedsbeiträge zu senken. Den Unternehmen wird insgesamt
20 Millionen Euro erstattet.