Hotels und Gaststätten

Wie das Hotel Atlantic neues Personal lockt

5000 Mitarbeiter fehlen branchenweit. Niedrige Löhne sind ein Problem. Luxusherberge an der Alster geht nun ungewöhnliche Wege

Hamburg.  Die Auswahl ist groß. Wer auf dem Jobportal Hotelcareer nach offenen Stellen in Hamburgs Restaurants und Hotels sucht, bekommt rund 1400 Treffer. Viele namhafte Häuser suchen Mitarbeiter: Restaurants wie das Tschebull, Vlet und Hofbräu, renommierte Übernachtungsbetriebe wie das Park Hyatt, Holiday Inn und East, das neue Luxushotel The Fontenay von HSV-Großaktionär Klaus-Michael Kühne sowie eine Institution in der Hansestadt, das Hotel Atlantic Kempinski, welches seit 1909 an der Außenalster residiert. „Wir suchen immer gute Leute“, sagt Personalchefin Sophia Funk. Ein gutes Dutzend Stellenangebote hat sie auf dem Internetportal geschaltet. Einer der Schwerpunktbereiche ist das neue Restaurant Grill & Health. Es soll 60 Gästen Platz bieten und Ende des ersten Quartals 2019 eröffnen. Dafür muss Funk ein neues Team aufbauen: „Generell ist es schwierig, Personal zu finden.“

Beim Branchenverband Dehoga kennt man die Nöte der Unternehmen. „Wir schätzen, dass in Hamburg um die 5000 Mitarbeiter in den Betrieben fehlen“, sagt die Hamburger Landesgeschäftsführerin Ulrike von Albedyll, die mit ihrem Verband 1800 Unternehmen aus Gastronomie und Hotellerie vertritt. Einige Restaurants hätten wegen des Fachkräftemangels die Öffnungszeiten geändert, böten keinen Mittagstisch mehr an und schlössen erst abends die Türen auf. Gesucht würden Servicemitarbeiter, Rezeptionisten und vor allem Mitarbeiter für die Küche. „Bei Köchen gibt es ein richtiges Problem“, sagt von Albedyll. Die Ausbildungszahlen sinken, viele wechselten wegen der Arbeitszeiten mit Früh-, Spät- und Wochenenddiensten die Branche.

Bei der Hamburger Arbeitsagentur waren im August gut 1000 offene Stellen in der Branche gemeldet – allerdings suchten viele Betriebe auf eigene Faust, ohne die Agentur einzuschalten. Allein für Köche gab es 322 Jobangebote. 281 Koch-Lehrlinge wurden gesucht – bei nur 102 Schulabgängern, die sich als Interessent für den Beruf bezeichneten. „Diese Zahlen zeigen ganz klar: Es ist ein Bewerbermarkt. Die Jugendlichen, die Koch lernen wollen, haben beste Chancen, ihren Ausbildungsberuf zu realisieren“, sagt Arbeitsagentur-Sprecher Knut Böhrnsen: „In der Branche ist die Lücke zwischen Bewerbern und Ausbildungsstellen besonders groß.“

Das hängt auch mit dem starken Wachstum zusammen. Die Beschäftigung steigt von Jahr zu Jahr. Ende 2014 gab es in der Hansestadt 33.369 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte in Gastronomie und Hotellerie. Ende vergangenen Jahres waren es 39.280 – ein Plus von fast 18 Prozent. Um die steigende Zahl von Touristen zu beherbergen, sind für dieses und nächstes Jahr weitere Hoteleröffnungen geplant. Die Arbeitskräftenachfrage in dem Bereich werde daher auf hohem Niveau bleiben. Großes Potenzial sieht die Agentur in der Umwandlung von existierenden Beschäftigungsverhältnissen. So zählte sie im Dezember unter den 13.000 Minijobbern in der Branche 7342 Fachkräfte. „Diese Arbeitsverhältnisse könnten auf Teil- oder Vollzeit ausgebaut werden“, sagt Böhrnsen. So könnte dem Fachkräftemangel entgegengewirkt werden.

Bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) versteht man das Klagen der Unternehmen über den Personalmangel ohnehin nur bedingt. „Das ist ein hausgemachtes Problem“, sagte Silke Kettner, NGG-Geschäftsführerin für die Region Hamburg-Elmshorn. Die Arbeitszeiten seien nicht planbar. Die Beschäftigten schöben einen Haufen unbezahlter Überstunden vor sich her. Und: „In Hamburg gibt es eines der niedrigsten Tarifniveaus“, sagt Kettner. Während ausgelernte Fachkräfte in der Hansestadt bei 1725 Euro einstiegen, läge diese Grenze in Berlin bei 2005 und in Bayern bei 2148 Euro. Übertariflich würde nur eine Minderheit der Arbeitgeber zahlen. Von Albedyll kontert und sagt, dass überwiegend übertariflich bezahlt werde.

Das gelte für mehrere Berufe wie zum Beispiel Köche auch im Atlantic, so Personalchefin Funk. Das Traditionshaus mit insgesamt rund 200 Beschäftigten will zudem – wie viele andere Hotels auch – mit einer Reihe von Zusatzleistungen punkten. Das Atlantic bezuschusse beispielsweise für die Mitarbeiter das HVV-Ticket, biete Vergünstigungen in anderen Hotels der Kempinski-Kette, übernehme die Reinigung von Uniformen, Kauf von Sicherheitsschuhen und Pflege der Küchenmesser.

Das Atlantic verfügt über 25 Wohnungen für Personal

Besonders für Auswärtige gibt es ein interessantes Bonbon. Direkt am Hotel findet man 25 Personalwohnungen. Die 20 bis 25 Quadratmeter großen Zimmer können für 250 Euro im Monat gemietet werden. „Das ist ein enormer Vorteil, wenn Leute von außen kommen. So können sie die Stadtteile erst einmal erkunden. Der Wohnungsmarkt in Hamburg ist schließlich eine Herausforderung“, sagt Funk.

Bei den Arbeitszeiten – dem zweiten heißen Eisen in der Branche – habe man mit den Beschäftigten immer Lösungen gefunden, um die unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen. Es sei auch mal schön, unter der Woche frei zu haben und dann am Wochenende zu arbeiten, sagt Funk: „Die Leidenschaft für den Beruf ist wichtig. Die Mitarbeiter müssen gern Gastgeber sein.“

Gute Erfahrungen habe sie mit mittlerweile sechs Flüchtlingen gemacht, die fest eingestellt wurden. Einmal die Woche würden sie nun für einen Deutschkurs abgestellt, um sich noch besser in Hotelwelt und Gesellschaft zu integrieren. Auch die Dehoga sieht in Asylbewerbern Potenzial. Am 26. Oktober wird sie in der Handelskammer wieder ein Speeddating organisieren, bei dem 15 bis 20 Flüchtlinge auf Betriebe treffen. Eine ähnliche Aktion sei im November für Langzeitarbeitslose geplant.

Um Bewerber für das Atlantic zu gewinnen, drückt die Personalchefin auf das Tempo. Von der Bewerbung bis zum ersten Kontakt vergingen in der Regel maximal zwei Tage. Übrigens ist die Suche des Atlantic keinesfalls auf Köche, Hotelfachleute, Servicekräfte und Rezeptionisten beschränkt. Ausgeschrieben sind auf dem Jobportal Hotelcareer auch Stellen für Lageristen und Maler/Lackierer. „Die Technik wird von unseren eigenen Mitarbeitern abgedeckt“, sagt Funk: „Da brauchen wir Spezialisten wie Maler. Auf den Zimmern ist immer mal eine Wand zu streichen.“