Eppendorf

Mit 66 Jahren fängt das Start-up-Leben an

Brigitte Wirsig steht in ihrem Eppendorfer Reisebüro, das sie im Alter von 66 Jahren betreibt

Brigitte Wirsig steht in ihrem Eppendorfer Reisebüro, das sie im Alter von 66 Jahren betreibt

Foto: Marcelo Hernandez

Im Ruhestand gründete Brigitte Wirsig ihre eigene Firma und betreibt nun eine Reiseagentur – die Erfüllung eines Traums.

Hamburg.  Brigitte Wirsig könnte jetzt auch nichts tun. Einfach in den Tag hineinleben. Morgens ausschlafen, Bücher lesen, mit Freundinnen im Café sitzen. Eben das, was die meisten sich unter schönen Dingen vorstellen. Golf spielen. Oder Bridge. Und dabei die finanzielle Sicherheit nach einem langen Berufsleben genießen. Mit 66 Jahren ... Stattdessen ist Brigitte Wirsig jeden Tag spätestens um halb sechs wach und mit Gedanken schon im neuen Tag, sitzt spätestens ab 8.30 Uhr im Büro und arbeitet bis spät – aber hat zum ersten Mal in ihrem Leben keinen Chef.

„Ich wollte noch einmal alles anders machen“, sagt die Hamburgerin. 45 Jahre lang hat sie im renommierten Reisebüro Koch in der Nähe des Hauptbahnhofs gearbeitet, viele Jahre als Geschäftsführerin den Laden auch durch schwere Zeiten geführt. Im Oktober vergangenen Jahres ist Wirsig in den Ruhestand gegangen. Nur drei Monate später saß sie mit Geschäftspartnerin Marion von Schröder in ihrer eigenen Firma, der ift Reiseagentur.

Sie fühlte sich einfach noch nicht bereit für das Rentnerleben. „Wie andere Gründer haben wir einen Investor gesucht, Businesspläne aufgestellt und verworfen“, sagt die Reiseexpertin. Natürlich auch Tag und Nacht gearbeitet, die Ersparnisse zusammengekratzt – und dann losgelegt. Man könnte es Senioren-Start-up nennen – oder die Erfüllung eines Traums.

Komplettsanierung dauerte mehrere Monate

Jetzt sitzt die Mittsechzigerin mit dem flotten Kurzhaarschnitt im Besprechungsraum an einem großen Konferenztisch mit schicken Thonet-Stühlen. Das Reisebüro residiert im Erdgeschoss eines Jugendstilhauses unweit der Eppendorfer Landstraße. Hohe Decken, sanfte Pastelltöne, indirekte Beleuchtung, moderne Technik. „Hier war mehr als 40 Jahre lang ein Reisebüro, das wir übernommen haben“, sagt sie. Allerdings war es deutlich in die Jahre gekommen.

Mehrere Monate dauerte die Komplettsanierung – bei laufendem Geschäftsbetrieb. Seit Juni ist alles tipptopp. Im Flur hängt eine große Tafel von der Lufthansa aus den früheren 70er-Jahren, die die Weltzeit und Zeitzonen zeigt. „Die haben wir kaputt und total verdreckt hier gefunden“, sagt Wirsig. Jetzt strahlt sie wie alles in der Reiseagentur, die dem Verbund Derpart angeschlossen ist, wieder wie neu.

Die frischgebackene Chefin glaubt an die Zukunft der Reisebüro-Branche. Trotz der Konkurrenz im Internet buchen 60 Prozent der Deutschen ihre Reisen lieber offline, heißt es beim Deutschen Reiseverband. Die Zahl der Reisebüros ist zwar bundesweit gesunken, Umsätze und Kundenzahlen steigen jedoch. „Es gibt einen Trend, dass die Kunden zurückkommen.

Ihr Schwerpunkt sind individuelle Reisen

Sie merken, wie kompliziert das Buchen im Netz ist und zudem oftmals auch keineswegs billiger“, sagt Wirsig, die schon mit 16 Jahren ihren ersten Schülerjob im Reisebüro Koch hatte. Trotzdem ist die in Jenfeld aufgewachsene Hamburgerin eine Seiteneinsteigerin. Während des Germanistik-Studiums machte ihr damaliger Chef ihr ein so gutes Angebot, das sie nicht habe ablehnen können. Bei Koch stieg sie schnell in eine Führungsposition auf – und blieb, auch als das Unternehmen verkauft wurde.

Ihr Schwerpunkt sind individuelle Reisen, die sie akribisch vorbereitet und teilweise selbst begleitet. Spezialisierung ist entscheidend im fünfköpfigen Frauenteam, in dem die jüngste Mitarbeiterin 46 Jahre alt ist – und eine ehemalige Auszubildende von Wirsig. Firmenkunden- und Kreuzfahrtgeschäft sind wichtige Standbeine. „Wenn wir unsere Berufsjahre addieren, kommt eine gut dreistellige Zahl dabei heraus“, sagt Reiseexpertin Wirsig und lacht. Gerade sind sie auf der Suche nach einer weiteren Reisefachfrau.

Brigitte Wirsig hat einen Fünfjahresplan

Alle Kolleginnen haben Kunden mitgebracht. Darunter auch solche, die eine Afrika-Tour für eine fünfköpfige Familie für 100.000 Euro buchen oder eine Kreuzfahrt fast um die Welt für 130.000 Euro. Aber natürlich sind das Ausnahmen. „Der Durchschnittsreisepreis unserer Privatkunden ist hoch“, sagt Wirsig, auch wenn sie das Wort Luxus gern vermeidet. „Was wir bieten, sind gute Beratung und die Sicherheit, dass wir unser Handwerk verstehen.“

Sie habe jetzt erstmal einen Fünfjahresplan, sagt Wirsig, die auch im Tourismusausschuss der Handelskammer sitzt. Über die Höhe der finanziellen Verpflichtungen spricht sie nicht, aber klar ist: Das kleine, feine Start-up muss schnell Geld verdienen. Auch wenn sie selbst über ihre Rente abgesichert ist, ihre Geschäftspartnerin und die Mitarbeiterinnen müssen von dem Job leben.

Im geräumigen Büro der Neu-Unternehmerin hängt eine stilisierte Weltkarte, im Regal stehen ausgewählte Reiseführer. Denn klar ist: „Ich bin mein Leben lang gern gereist, und mein Beruf ist auch mein Hobby.“ Das soll so bleiben. Sehr fasziniert hat sie zuletzt eine Nordspanien-Rundreise. Und im Januar geht es nach Myanmar.