Hamburg

Reedern fehlt das Geld für Investitionen

Bei der Hamburger Schiffbau-Messe SMM präsentieren Hunderte Zulieferer ihre Produkte. Viel Hoffnung auf Aufträge haben sie nicht

Hamburg.  Sie sind nur ein Anbieter unter vielen. Wenn morgen die Weltleitmesse der Schiffbauindustrie SMM auf dem Hamburger Messegelände ihre Pforten öffnet, werden Ulrich Dose und Thorsten Marquardt mit ihrem Stand wieder dabei sein. Ihr Unternehmen, die Karl Dose GmbH aus Stellingen, ist ein Spezialist für Leuchten auf Schiffen wie Positionslichter oder Suchscheinwerfer. Gute Produkte – aber mit neuen Aufträgen, die sich bei der Messe ergeben, rechnen Dose und Marquardt dennoch nicht. „Wir Zulieferunternehmen haben viele technische Neuerungen zu bieten, müssen dafür aber erst einmal Abnehmer finden“, beschreibt Dose die Misere.

Sie ist das Hauptproblem bei dieser SMM: Es gibt 2289 Aussteller, allein 163 davon stammen wie die Karl Dose GmbH aus Hamburg, oder haben hier Tochterniederlassungen. Sie präsentieren bis Freitag Neuheiten, Ideen und Produkte, die der Schifffahrt weiterhelfen. Das reicht von 3-D-Druckern für die Herstellung eigener Werkzeuge an Bord, bis hin zu besonders umweltfreundlichen Systemen zur Reinigung der Ballastwassertanks. Doch wenn es an die Bestellung geht, wird ein Großteil der Kunden dankend ablehnen.

„Die Absicht, in neue Technologien zu investieren, ist bei den Reedern durchaus vorhanden, ihnen fehlt aber das Geld dazu“, sagt Claus Brandt, Schifffahrtsexperte bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (pwc). Nach der jahrelangen Schifffahrtskrise mit niedrigen Frachtraten, die zum Teil nicht einmal ausreichten, um den Betrieb der Schiffe zu finanzieren, sind die Kassen ausgezehrt. Während die Kreuzfahrtbranche boomt, fehlt der Handelsschifffahrt für Investitionen in neue Produkte das Geld. Und das trifft auch die Zulieferindustrie. „Wir leben seit zehn Jahren mit der Krise. Da ist es schon ein Leistungsmerkmal, wenn man in der Branche noch am Leben ist“, sagt Ulrich Dose. „Viele Unternehmen in der Branche haben aufgeben müssen.“

Da die Schifffahrtsunternehmen als Investoren ausfallen, überrascht es nicht, dass zahlungskräftige branchenfremde Firmen bei der SMM auftrumpfen können. Die Entwicklung des ersten selbstfahrenden Frachtschiffs ohne Kapitän wird ein norwegischer Düngemittelhersteller präsentieren. „Die technischen Innovationen werden von den Ausrüstungsfirmen vorangetrieben. Die Ideen zur Anwendung werden von außen eingebracht. Nur aus der Schifffahrtsindustrie selbst kommt wenig“, bilanziert Jan-Henrik Hübner, Schifffahrtsexperte des DNV GL, die Situation. Der Schiffs-TÜV und technische Dienstleister mit Sitz in Norwegen und einer großen Niederlassung in Hamburg ist Hauptsponsor der SMM. Der DNV GL ist allein mit Dutzenden Veranstaltungen und Neuerungen auf der Messe vertreten. Die finanziellen Engpässe vieler deutscher Reedereien kennt das Unternehmen auch – wenn es selbst als globaler Player nicht direkt leidet.

Allerdings gebe es einen Punkt, bei dem die Reeder investieren müssen, sagt Hübner: „Die Weltschifffahrtsorganisation IMO hat verfügt, den maximal zulässigen globalen Schwefelgrenzwert für Schiffskraftstoffe im Jahr 2020 auf 0,5 Prozent zu senken.“ Dadurch sollen die gesundheits- und umweltgefährdenden Auswirkungen von Schiffen verringert werden. Die Reeder sind also gezwungen, ihre Schiffe umzurüsten oder künftig das mit weniger Verbrennungsrückständen verbundene Marinediesel zu tanken. Marinediesel ist aber rund 200 US-Dollar pro Tonne teurer als das Schweröl, mit dem die Schiffe derzeit fahren.

Möglich ist der Einbau von Abgasreinigungssystemen, sogenannten Scrubbern, die den erhöhten Schwefelanteil aus den Abgasen herauswaschen können. „Wir hören von griechischen Reedern, die Scrubber bestellen, oder von norwegischen. Von deutschen Reedern hören wir allerdings kaum etwas“, sagt DNV GL-Experte Hübner.

„Denen fehlen die finanziellen Mittel“, sagt pwc-Experte Brandt. Es gebe aber durchaus zahlreiche finanzkräftige Investoren, die nach neuen Anlagemöglichkeiten suchten. „Ich schlage deshalb die Einrichtung eines Marktplatzes vor, eines Forums, bei dem Vertreter der maritimen Branche mit potenziellen Investoren ins Gespräch kommen“, sagt er. Dazu müssten die Reeder jetzt aber beginnen, sogenannte Businesspläne für eine Beteiligung aufzustellen, fordert Brandt. „Wenn also ein Reeder Geld benötigt, um seine Flotte mit Scrubbern auszustatten, müsste er einem Investor einen Plan zur Rückzahlung des Kredits und zu den Zinsen vorlegen.“

Firmen konzentrieren sich auf Nischen

Eine andere Möglichkeit zur Einführung maritimer Innovationen ist die Erweiterung des Kundenkreises. Der Hamburger Mittelständler Becker Marine Systems, Weltmarktführer in der Herstellung effizienter Ruderanlagen, hat ein mobiles Gaskraftwerk erfunden, das mit Flüssiggas betrieben wird. Dieses sogenante PowerPac kann Schiffe während ihrer Liegezeit im Hafen mit Strom versorgen, sodass sie die schädlicheren Dieselmotoren abschalten können. Vorgestellt wurde diese Weltneuheit in der vergangenen Woche in Hamburg. Einziger Nachteil: In der Containerschifffahrt haben die Kunden derzeit kaum Geld, um ins PowerPac zu investieren.

Also wechselte Becker Marine Systems den Ansprechpartner, von den Reedern zu den Häfen. „In China müssen beispielsweise alle Häfen bis 2021 mit alternativer Stromversorgung versorgt sein. Es geht um 493 Hafenterminals“, sagt Geschäftsführer Dirk Lehmann. „Der Aufbau von Landstromanlagen würde Milliarden verschlingen. Die Versorgung mit PowerPacs kostet nur einen Bruchteil dessen. Deshalb führen wir derzeit Gespräche mit dem Hafen von Shanghai“, sagt Lehmann.

Dass es den maritimen Lampenhersteller Karl Dose nach 98 Jahren immer noch gibt, liegt daran, dass er sich auf eine Nische konzentriert hat. „Wir treiben beispielsweise die LED-Technik in der Schifffahrt voran“, sagt Dose. Bei Leuchtdioden hängt die Brenndauer davon ab, wie gut es gelingt, die starke Wärme abzuleiten, die beim Leuchten entsteht. Auf Schiffen, bei denen man zur Wärmeabsenkung nicht einfach mal ein Fenster aufreißen kann, ist das ein Problem. Dazu hat die Firma Dose mit ihren 65 Mitarbeitern Kühlungsvorrichtungen entwickelt.

„Wir würden uns natürlich freuen, wenn es auf der SMM zu neuen Orders käme, aber wir rechnen nicht unbedingt damit“, sagt Chef Ulrich Dose. „ Die SMM ist keine Auftragsmesse. Wir müssen hier aber auftreten. Denn letztlich geht es darum, als Unternehmen bekannt zu sein, wenn es in der Branche wieder aufwärts geht.“

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