Sporthandel

Neue Sportschuhe aus dem Kuhstall

Seit zehn Jahren fertigen die Hamburger Geschäftsleute Ulf und Lars Lunge in Mecklenburg. Nun bauen sie die Produktion aus

Düssin. Christina Prade klebt einen Schaumstoffstreifen an ein Stück Mikrofaserstoff. Sie krempelt den Stoff um und näht mit der Maschine das Futter am Schaft fest. Dann schneidet sie das überstehende Futter mit einer Schere ab. „Zuletzt kommt noch die Lasche rein – und dann ist der Schaft fertig“, sagt Prade. Etwa fünf Minuten braucht sie für ein Stück. Die Näherin sitzt im mecklenburgischen Düssin im ersten Stock eines früheren Kuhstalls – mit landwirtschaftlicher Produktion hat sie allerdings nichts zu tun.

Im Jahr 2005 kauften die Brüder Ulf und Lars Lunge das 6600 Quadratmeter große Gebäude. Die Geschäftsführer der Lunge Laufläden mit drei Filialen in der Hansestadt sanierten es aufwendig und bauten ihre Herstellung von Sportschuhen auf. Mit 400 Paaren fing es 2007 an, eigentlicher Produktionsstart war aber erst ein Jahr später. „Seit 2008“ steht auf den glänzenden Siegeln der Schuhkartons. Nun bauen die Unternehmer ihre Fertigung aus. Neue Maschinen wurden und werden angeschafft, das Personal wurde in den vergangenen Jahren auf 30 Mitarbeiter fast verdoppelt. „Dieses Jahr wollen wir mindestens 20.000 Paar Schuhe verkaufen“, sagt Ulf Lunge. Nächstes Jahr sollen es 30.000 sein und in fünf Jahren 100.000.

Eigentlich hatten sie den sechsstelligen Bereich schon für 2020 angepeilt. Immer wieder warfen allerdings technische Probleme die Produktion zurück. Ulf Lunge ist optimistisch, diese nun weitestgehend gelöst zu haben. Der 57-Jährige steht im Erdgeschoss des Ex-Kuhstalls und zeigt auf eine Maschine, die mit einem Wasserstrahl Sohlen zuschneidet – und immer wieder ausfiel. Teilweise habe es Tage gedauert, bis man den Fehler gefunden habe. „Inzwischen sind wir schlauer“, sagt der Hamburger, der 1983 den Titel des besten Marathonläufers der Stadt gewann. Trotzdem soll das Gerät weg. Zukünftig sollen mehr Sohlen gefräst werden. Auch bei diesen Maschinen gibt es Pro­bleme. Die (Industrie-)Staubsauger verstopfen zu häufig. Neue sind geordert, sodass der Ausfall der Fräsen reduziert wird – und der Hochlauf der Produktion gelingen soll.

Dabei müssen sich die Mitarbeiter mit einer größer werdenden Zahl von Modellen auseinandersetzen. Bisher gibt es nur Lauf- und Bequemschuhe. Vier neue Einsatzbereiche sollen hinzukommen. In diesem Herbst soll es erstmals Stiefel aus der Manufaktur Lunge geben. Der Preis soll bei 170 Euro liegen. „Viele Leute möchten um den Knöchel ein Stück mehr Sicherheit haben“, sagt Ulf Lunge, das Sprachrohr der Firma. Geeignet sei der Stiefel sowohl fürs Laufen als auch für Fitnessstudios. Mit jeder neuen Modellreihe wolle man sich eine neue Zielgruppe erschließen.

Eine große Gruppe potenzieller Kunden erwartet er für seine Schuhe mit extrabreiten Leisten. Geeignet seien sie zum Beispiel für Diabetiker, die sehr druckempfindliche Füße haben. „In Saudi-Arabien gibt es 30 Prozent Diabetiker, die brauchen spezielle Schuhe. In dem Markt sehen wir eine Riesenchance“, sagt Ulf Lunge. Made in Germany sei in Arabien sehr gefragt. Und mit Preisen um die 250 Euro seien die Schuhe spottbillig, entsprechende Spezialanfertigungen kosteten mindestens das Dreifache. Man arbeite bereits mit einem Orthopädietechniker in Kuwait zusammen, mehr als 1000 Schuhe seien in dem Emirat bereits verkauft worden. Auch Großbritannien, Japan und die USA zählen zu den Absatzmärkten der Schuhe made in Düssin.

Neu in den Geschäften stehen seit Kurzem erstmals Lunge-Schuhe aus echtem Leder. Es gebe einen Trend, das Wandern aus dem Gelände in die Städte zu verlagern – da solle der Schuh eher schick als sportlich aussehen. Die Kunden würden diese Leder-Bequemschuhe sehr gut nachfragen. Zunächst waren nur 500 Paar geplant. Als sie das Produkt beim dritten Händler vorgestellt hatten, war das Kontingent weg.

Letztlich haben die Brüder aus Hamburg und Ahrensburg, die viermal in der Woche ins Mecklenburgische fahren, auch in ihrem Kernbereich nachgebessert. „Der ganze Laufschuhbereich ändert sich“, sagt Ulf Lunge. Vor fünf Jahren brachte Adidas den Boost heraus. Der Schuh soll dem Läufer besonders viel Energie zurückgeben. Die Sohle besteht aus rund 2500 Schaumstoffkügelchen, die Adidas vom Chemie-konzern BASF bezieht. Alle anderen namhaften Firmen zogen mit eigenen Modellen nach. Lunge brachte die Rebound-Reihe auf den Markt, die es sowohl für Lauf- als auch Bequemschuhe gibt. „Diese Modelle haben einen Rückfederwert von mehr als 50 Prozent – damit sind wir in einer Liga mit dem Boost“, sagt Ulf Lunge. Bei den anderen Modellen seien es 38 Prozent gewesen. In der Produktion arbeitet man mit rund 60 Zulieferern zusammen.

Künftig könnten Sandalen zum Sortiment gehören

Eine Ausweitung des Sortiments ist für die Zukunft wahrscheinlich. So werde überlegt, Sandalen auf den Markt zu bringen. Möglich sei zudem eine Kooperation mit Unternehmen. „Wir haben eine Anfrage von Zalando gehabt, die wollten mit uns Schuhe machen – aber so weit sind wir noch nicht.“ Zunächst wolle man die Serienfertigung stärken.

Im Erdgeschoss fertigt Nikolai Lamp ein Paar Schuhe. Der Schaft wird mit einem Heizstrahler erwärmt, die Sohle mit Licht. Dann führt der 29-Jährige die beiden auf 80 bis 100 Grad Celsius erwärmten Teile zusammen. „Man muss exakt an den Linienrand rücken, damit der Klebstoff nicht zu sehen ist“, sagt Lamp. Dann packt er den Schuh für 20 Sekunden in eine Vakuumpresse, die mit 3,5 Tonnen Druck aus zwei eins macht. „Verheiraten“ heißt der Arbeitsschritt. Zum Schluss beseitigt Lamp mit einer Art Radiergummi überschüssige Klebstoffreste. 100 bis 120 Paar Schuhe schafft er pro Tag, demnächst soll ihm ein zweiter Kollege helfen, damit die Produktion gesteigert werden kann. Hergestellt werden Schuhe der Größen 35 bis 50. Ulf Lunge: „Für Kinderschuhe sind wir zu teuer.“

Insgesamt sieben Millionen Euro stecken in dem alten Kuhstall, zwei Millionen Euro davon gab es an öffentlicher Förderung. Die Gewinnschwelle sei so langsam erreicht. „Die schwarze Null wird etwas schwärzer“, sagt Ulf Lunge. Auf die eigene Schuhproduktion setzten die Brüder, weil sie mit der Qualität der Ware anderer Hersteller nicht zufrieden gewesen seien. So scheuerte zum Beispiel Futter zu schnell durch. Entsprechend wolle man bei der Qualität keinerlei Abstriche machen, die Materialien seien schadstofffrei und vegan. Und die Sohlen der Laufschuhe hielten mit 1000 Kilometern mindestens doppelt so lange wie die anderer Hersteller, heißt es. Ob Sie den Gang ins Mecklenburgische und die eigene Manufaktur wiederholen würden? Ulf Lunge überlegt: „Ich glaube schon. Das ist schon reizvoll, wenn man seine Ideen umsetzen kann.“