Köln

„Ich bin von der Politik maßlos enttäuscht“

Köln.  Die Sonne strahlt. Doch der riesengroße, mit schicken Gartenmöbeln ausgestattete Balkon vor dem Büro von Anke Schäferkordt mit wunderbarem Blick auf den Rhein ist verwaist. Sie habe kaum Zeit, ihn zu nutzen, sagt die Chefin der Mediengruppe RTL Deutschland. Auch jetzt nicht: Sie muss dieser Zeitung ein Interview geben.

Frau Schäferkordt, die Zuschauer frei empfangbarer Privatsender sind in Verruf geraten. Der ehemalige Chef von ProSiebenSat.1, Thomas Ebeling, nannte sein Publikum „ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm“.

Anke Schäferkordt: Ganz abgesehen davon, dass diese Aussage falsch ist, kann ich sie grundsätzlich nicht billigen. Unsere Zuschauer ernst zu nehmen, ist der Kern unseres Geschäftes.

Aber gerade junge, einkommensstarke und gebildete Zielgruppen wenden sich von werbefinanzierte Sendern ab und schauen lieber Netflix und Amazon Video.

Fernsehen ist das einzige Massenmedium schlechthin. Und zwar in dem Sinne, dass es alle Bevölkerungsgruppen erreicht. Allein wir als Mediengruppe RTL Deutschland erreichen jeden Monat mehr als 65 Millionen Menschen. Zu behaupten, diese Menschen hätten alle ein Ernährungsproblem und seien arm, ist schon ziemlich abenteuerlich.

Die werbetreibende Industrie wird nervös. Der Media-Chef von Ferrero Deutschland, Uwe Storch, bescheinigte den Privatsendern: „Ihr verliert die Leute, massenhaft.“

„Massenhaft“ ist falsch. Richtig ist, dass sich der Markt fragmentiert hat. Die großen Sender verlieren an Reichweite, während neue Senderangebote deutliche Zuwächse verzeichnen. Wir haben das frühzeitig vorausgesehen und uns selber fragmentiert ...

... indem Sie neue, kleine Sender wie Nitro oder zuletzt Now US gegründet haben.

Wir haben es so geschafft, der Werbewirtschaft über die letzten Jahre ein nahezu stabiles Kontaktniveau anzubieten. Der Blick zurück bringt nichts. Im Wettbewerbsvergleich gibt es auch heute kein anderes Medium, das in kurzer Zeit so viele Menschen erreicht und emotional anspricht.

Dennoch hat die werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen in nur einem Jahr ihren täglichen TV-Konsum um elf Minuten reduziert.

Wir kommen von sehr, sehr hohen Reichweiten. Und im Vergleich mit anderen Medien spielt das Fernsehen immer noch in einer eigenen Liga. Selbst die unter 30-Jährigen haben in den ersten fünf Monaten dieses Jahres täglich im Schnitt über 100 Minuten traditionelles, lineares Fernsehen geschaut. Die Bedeutung des linearen Fernsehens wird in den nächsten Jahren hoch bleiben. Und in Summe wird der Konsum von Bewegtbildern weiter steigen. Wir gehen davon aus, dass traditionelle und digitale, non-lineare Angebote nebeneinander existieren werden. Im Übrigen bieten auch wir nicht nur lineares Fernsehen an.

Sie wollen Ihr digitales Angebot TV Now massiv ausbauen, um Netflix Paroli zu bieten. Sind Sie nicht etwas spät dran?

Nein, auf keinen Fall. Die Digitalisierung hat unseren Markt maßgeblich verändert. Es gibt heute viel mehr Empfangsmöglichkeiten. Streaming, das Portale wie Netflix anbieten, ist nur eine davon. Und es gibt viel mehr Wettbewerber als früher. Je jünger eine Zielgruppe ist, desto schneller nutzt sie die neuen Möglichkeiten, die sich ihr bieten. Deshalb sehen wir Verschiebungen im Nutzermarkt hin zu einer non-linearen Nutzung auf Abruf. Wir haben frühzeitig auf diese Verschiebung reagiert, indem wir unsere Inhalte bereits seit 2007 sowohl linear als auch non-linear anbieten. 2016 haben wir dann unsere non-linearen Angebote unter der Marke TV Now gebündelt und ein Bezahl-Angebot für 2,99 Euro im Monat hinzugefügt. Dieses Bezahlangebot beinhaltet Live-Streaming sowie umfangreiche Pre-TV-Möglichkeiten. Das heißt, Sie können viele Formate vor deren TV-Ausstrahlung sehen und komplette Serienstaffeln abrufen. In den ersten Monaten dieses Jahres haben wir die Zahl unserer zahlenden Abonnenten um mehr als 60 Prozent steigern können.

Wo wollen Sie mit TV Now in zehn Jahren stehen.

Wir wollen die Nummer eins der lokalen Angebote sein. Das ist ein anspruchsvolles Ziel. Wir haben gesehen, wie Maxdome ...

... die derzeitige Online-Video-Plattform von ProSiebenSat.1 ...

... von Netflix und Amazon abgehängt wurde.

Vielen Dank ...

Moment, ich habe noch ein Thema, das mir am Herzen liegt.

Bitte.

Wir haben über den Wettbewerb mit den neuen amerikanischen Playern gesprochen, der stark gestiegen ist. Auf der einen Seite stehen diese großen US-Plattformen, die global skalieren. Auf der anderen Seite stehen die mit jährlich knapp neun Milliarden Euro ausgestatten Öffentlich-Rechtlichen. Der gesamte deutsche TV-Werbemarkt umfasst etwa 4,5 Milliarden Euro. Und alle privaten deutschen Anbieter müssen sich zwischen diesen zwei starken Polen behaupten. Die Politik sollte Rahmenbedingungen schaffen, die es ermöglichen, dass auch in Zukunft eine Vielfalt privater audiovisueller Anbieter überleben kann.

Was sollte sie konkret tun?

Sie sollte endlich den Umfang des Gesamtangebots überprüfen und den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen so definieren, dass er auf seinen ursprünglichen Kern zurückgeführt wird.

Der da wäre?

Information, Kultur und Bildung sollten im Fokus stehen.

Und die Unterhaltung soll raus?

Nicht komplett. Aber wenn Sie sehen, dass derzeit Modelle diskutiert werden, die durch eine Indexierung den Anstalten Budgetsicherheit gibt und es ihnen weitgehend überlässt, was sie mit diesem Geld machen, haben wir ein Pro­blem. In den letzten 20 Jahren ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk immer mehr in Gebiete vorgedrungen, in denen die Privaten zu Hause sind.

Beispielsweise?

Quizshows oder bestimmte deutsche fiktionale Unterhaltung, insbesondere Krimis. Nennen Sie mir einen Abend, an dem es keinen öffentlich-rechtlichen Krimi gibt. Geradezu absurd ist, dass die Öffentlich-Rechtlichen auch für Plattformen wie Facebook oder Youtube produzieren dürfen. So werden die Internetriesen mit Beitragsgeldern gestärkt. Oder dass ARD und ZDF Lizenzproduktionen, die sie im europäischen Ausland einkaufen, 30 Tage kostenlos in ihre Mediatheken stellen dürfen. Das raubt uns die Möglichkeit, ein Geschäftsmodell mit Bezahlinhalten aufzubauen.

Werden Sie eine Initiative starten, um bei der Politik Gehör zu finden?

Ach, es gibt ja schon diverse Initiativen. Aber es gibt offenbar bislang keine Bereitschaft in der Politik, den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen angemessen neu zu definieren.

Sie sind von der Politik enttäuscht?

Maßlos.