Frankfurt/Main

Schelte für die Deutsche Börse

Frankfurt/Main. Nach dem Krisenjahr 2017 bahnt sich bei der Deutschen Börse ein weiterer Wechsel in einer Spitzenposition an. Nachdem Vorstandschef Carsten Kengeter seinen Posten bei dem Börsenbetreiber bereits geräumt hatte, kündigte nun der massiv unter Druck stehende Aufsichtsratschef, Joachim Faber, seinen vorzeitigen Abgang von der Spitze des Kontrollgremiums an.

Er werde zwar für weitere drei Jahre als Aufsichtsratschef kandidieren, sagte Faber auf der Hauptversammlung am Mittwoch in Frankfurt. "Ich möchte mir allerdings vorbehalten, einen Übergang im Vorsitz des Aufsichtsrats im Laufe der neuen Wahlperiode vorzubereiten." Ein Zeitpunkt dafür sei zwar noch nicht absehbar. Allerdings dränge er nicht darauf, die gesamte Wahlperiode hindurch den Aufsichtsrat zu leiten, erklärte der 68-Jährige.

Auf der Hauptversammlung machten Aktionärsvertreter ihrer Wut über die Insideraffäre bei der Deutschen Börse und Fabers Krisenmanagement Luft. "Das Handling des Skandals war äußerst dilettantisch", schimpfte etwa Klaus Nieding von der Aktionärsvereinigung DSW.

Was war geschehen? Im Frühjahr 2017 scheiterte der geplante Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange. Im Zuge der Fusionsbemühungen war Ex-Vorstandschef Kengeter in den Verdacht des Insiderhandels geraten. Im Dezember 2015 hatte er 60.000 Deutsche-Börse-Aktien im Wert von 4,5 Millionen Euro gekauft. Der Konzern packte rund 70.000 Aktien obendrauf. Nur zwei Monate später gab die Unternehmensführung den geplanten London-Deal bekannt. Ermittler werfen Kengeter vor, dass er bereits im Sommer 2015 Gespräche über eine Fusion geführt habe – lange bevor er die Aktien kaufte.

Dieser Verdacht auf Insiderhandel, schimpfte Aktionärsvertreter Nieding, sei "schlicht und einfach ein Skandal" – und der größte anzunehmende Unfall für das Unternehmen. Teuer obendrein: Allein für Anwälte bezahlte das Unternehmen im Zuge des Insiderverfahrens laut Aufsichtsratschef Faber 5,5 Millionen Euro. In Auftrag gegebene Gutachten hätten den Verdacht auf Insiderhandel nicht bestätigt. Die Ermittlungen gegen Kengeter dauern an.

Die Aktionäre verweigerten Kengeter auf der Hauptversammlung die Entlastung, er erhielt in Abwesenheit nur 26,02 Prozent der Stimmen. Dies hat zwar rechtlich keine Folgen, gilt aber als Misstrauensvotum. Faber bekam 85,55 Prozent und darf mit einem Abstimmungsergebnis von 95,22 Prozent wieder in den Aufsichtsrat einziehen. Trotz aller Kritik wurde ihm zugutegehalten, das Unternehmen in stürmischen Zeiten auf Kurs gehalten zu haben. Markus Kienle von der Schutzvereinigung der Kapitalanleger sagte, er sehe keinen Grund, "an Faber ein Exempel zu statuieren".

Die kritischen Einwürfe überschatteten den ersten Auftritt des neuen Börsenchefs, Theodor Weimer. Der hat sich seit seinem Amtsantritt zu Beginn des Jahres zur Aufgabe gesetzt, den Börsenbetreiber für die Zukunft fit zu machen. So will Weimer die Fixkosten um jährlich 100 Millionen Euro senken, auch durch einen Personalabbau bis ins Management. Der Umbau kostet den Konzern – etwa wegen Abfindungen – in diesem Geschäftsjahr rund 200 Millionen Euro.

Nach der gescheiterten Fusion mit London peilt Weimer keine großen Fusionsversuche an, zeigt sich für kleinere Zukäufe aber offen. Keine Option seien für die Deutsche Börse Transaktionen, bei denen die Frankfurter nicht die Mehrheit halten oder bei denen der Sitz des Unternehmens nicht mehr in Hessen liegen würde.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.