Hamburg

Der neue starke Mann bei Airbus

Guillaume Faury leitet seit Februar die Flugzeugsparte – und gilt als Favorit für die Nachfolge von Vorstandschef Tom Enders

Hamburg. Dem Airbus-Konzern steht ein Kraftakt bevor: Auf der Ebene des Topmanagements wird es einen fast kompletten Neustart geben müssen. Nachdem der Vorstandsvorsitzende Tom Enders bereits im Dezember ankündigte, er werde im Frühjahr 2019 das Unternehmen verlassen, teilte am Montag der Finanzchef Harald Wilhelm mit, er gehe gemeinsam mit Enders.

Doch auch in weiteren Schlüsselpositionen gab es erst in diesem Jahr einen Wechsel: John Leahy, Verkaufsvorstand seit 1994, gab Ende Januar sein Amt an Eric Schulz ab, der vom Triebwerkshersteller Rolls-Royce kam. Und Guillaume Faury, vorher Chef der Hubschrauber-Sparte des Airbus-Konzerns, leitet seit Februar den bedeutendsten Unternehmensbereich, den Zivilflugzeugbau mit dem Werk auf Finkenwerder und 12.500 Beschäftigten allein hier.

Nach Auffassung von Branchenkennern und Firmen-Insidern hat er zudem beste Chancen, im nächsten Jahr ganz nach oben zu rücken: Faury gelte als derzeit aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Tom Enders, sagte ein Insider dem Abendblatt. Der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt teilt diese Einschätzung: „Faury sehe ich momentan als heißesten Kandidaten an. Aus heutiger Sicht läuft alles auf ihn zu.“ Er habe bei Eurocopter einen guten Job gemacht und sei nun mit der zivilen Flugzeugsparte für den wichtigsten Umsatz- und Gewinnbringer verantwortlich. Bei Airbus sieht Großbongardt keinen anderen internen Kandidaten, eine externe Lösung kann er sich nicht vorstellen.

Eine wichtige Voraussetzung für die Enders-Nachfolge bringt Faury jedenfalls mit: Er ist Franzose. Zwar ist die frühere Regelung, wonach die Spitzenämter des Unternehmens jeweils im Wechsel zwischen Deutschen und Franzosen aufgeteilt werden, seit 2013 offiziell abgeschafft. Faktisch aber dürfte man weiter nach diesem Schema verfahren – und das hieße, dass nach dem Deutschen Tom Enders ein Franzose den Top-Job bekommt.

Den „Gegenpol“, die Position des Verwaltungsratsvorsitzenden, besetzt zwar seit 2013 Denis Ranque, ebenfalls ein Franzose. Doch Berichten zufolge soll René Obermann, bis 2013 Chef der Deutschen Telekom und Airbus-Verwaltungsratsmitglied seit April 2018, der Nachfolger von Ranque werden. Darauf hätten sich die Regierungen von Frankreich und Deutschland, mit jeweils gut elf Prozent die größten Anteilseigner von Airbus, bereits geeinigt, hieß es. Mit einem Franzosen als Vorstandschef wäre somit die sorgfältig austarierte „Machtbalance“ wiederhergestellt. Anfang März merkte die damalige Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) hierzu an: „Wir hatten viele Jahre einen deutschen Chef.“ Wenn die Franzosen mit einem geeigneten Kandidaten kämen, „könnten wir mit Fug und Recht nichts dagegen sagen“.

Auch wenn Zypries nicht mehr Wirtschaftsministerin ist, dürfte dies die Haltung auch der neuen Bundesregierung sein – zumal eine Bemerkung von Bundeskanzlerin Angela Merkel in die gleiche Richtung deutet. „Auf jeden Fall wird jedes Land an einer wichtigen Position vertreten sein“, hatte Merkel im Dezember anlässlich der Rückzugsankündigung von Enders gesagt. In der Pressemitteilung fand der deutsche Noch-Chef von Airbus bereits lobende Worte. „Guillaume Faury steht stellvertretend für unsere neue Führungsgeneration“, sagte Enders. „Er verfügt über große Erfahrung in unserer Branche und eine internationale Denke.“

Es scheint also alles auf Faury als neuen starken Mann zuzulaufen – aber wer ist das überhaupt? Der 50-Jährige studierte an einer Elitehochschule in Paris Ingenieurwissenschaften. Beim Airbus-Helicopters-Vorgänger Eurocopter durchlief er seine ersten Stationen im Konzern. Der lizensierte Flugtestingenieur leitete unter anderem die Flugerprobung schwerer Hubschrauber. 2008 wechselte er zum Autobauer Peugeot und rückte dort später in den Vorstand auf, zuständig für Forschung und Entwicklung. 2013 kehrte Faury als Vorstandschef zu Eurocopter zurück.

Sogar von der Gewerkschaft gibt es Lob für Faury

Seit dieser Zeit kennt Michael Leppek, Geschäftsführer der IG Metall Augsburg, den Franzosen. „Faury ist sehr freundlich, zugewandt, verbindlich und hat den Blick fürs Wesentliche“, sagt der Gewerkschafter dem Abendblatt. „Mit seiner Art hat er es verstanden, Vermittler zwischen den Kulturen zu sein.“ Eine Eigenschaft, die im paneuropäischen Konzern mit seinen nationalen Befindlichkeiten extrem wichtig ist. Faury versuche, die Mitarbeiter mitzunehmen, Ansprachen in Donauwörth hielt er in sehr gutem Deutsch. Die Diskussionen mit Arbeitnehmervertretern verliefen stets auf Augenhöhe; Faury könne zuhören, vertrete aber auch deutlich seine Meinung, so Leppek. Wie viele Topmanager möge er keine Kritik. Er sei jedoch „sehr bemüht, Konflikte sachlich zu lösen“, sagt Frank Bergmann, Konzernbeauftragter für Airbus bei der IG Metall. Er arbeite teamorientiert, sei sehr analytisch und stelle das Unternehmen und den Erfolg in den Mittelpunkt. Offenbar so sehr, dass man über sein Privatleben nicht viel weiß. Airbus hält sich bedeckt. Faury wünsche hier Diskretion, heißt es. Dem Vernehmen nach ist Faury verheiratet und lebt mit der Familie in Paris.

Die Nachricht, dass außer Enders auch Finanzchef Wilhelm im Frühjahr 2019 das Unternehmen verlassen wird, kam einer Analystenstudie der Schweizer Großbank UBS zufolge zwar überraschend. Beunruhigung löste die Mitteilung allerdings nicht aus. In allen drei Analystenkommentaren, die am Montag erschienen, bestätigten die Experten ihre Kaufempfehlungen für die Airbus-Aktie. Operativ laufe es für den Konzern gut, so das einhellige Urteil.

Ein klares Signal gab es gestern von der Welthandelsorganisation. Die WTO hat von der EU subventionierte Entwicklungsbeihilfen für Airbus als illegal eingestuft. Die USA könnten damit Gegenmaßnahmen in Form von Zöllen auf EU-Produkte erheben. Es ist die jüngste Entscheidung in einem seit 14 Jahren tobenden Streit zwischen Airbus und Boeing – die Entscheidung gegen den US-Flugzeugbauer steht noch aus.

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