Hamburg

Segelschiff bringt Kaffee wie vor 200 Jahren nach Hamburg

Gemeinnütziger Verein El Rojito lässt sich zwei Tonnen Arabica-Bohnen von der „Avontuur“ aus Nicaragua anliefern – emissionsfrei

Hamburg. Irgendwo vor den Azoren hat ein Sturm das Top des Vormastes abgebrochen. An der Backbord-Reling der „Avontuur“ ist das Bruchstück als Symbol einer ungewöhnlichen Seereise zu bewundern. Inzwischen liegt der Gaffelschoner fest vertäut am Bremer Kai beim Hamburger Hafenmuseum. Der Laderaum ist voll mit Kostbarkeiten: Kaffee aus dem Hochland
Nicaraguas und aus Mexiko, Kakao aus der Karibik sowie Rum von den Azoren. Und nun macht sich eine Heerschar von Helfern daran, die Ladung zu löschen.

Mit dabei ist Hamburgs Umwelt­senator Jens Kerstan (Grüne). Seine Anwesenheit soll zeigen, dass die Ankunft der „Avontuur“ etwas Besonderes ist, eine PR-Aktion – man könnte auch sagen eine Demonstration für emissionsfreien Handel, für Frachtbeförderung ohne Abgase wie schon vor 200 Jahren.

Wie fast alles wird Kaffee heutzutage auf riesigen Containerschiffen befördert. „Das ist schnell, billig und effizient. Aber wir bringen unsere Ladung sauber nach Hamburg“, sagt der Skipper des Frachtenseglers und zugleich Gründer des klimafreundlichen Schiffstransportunternehmens Timbercoast, Cornelius Bockermann. Der gebürtige Bremer, der mehrere Jahrzehnte lang ein eigenes Schlepp- und Bergungsunternehmen in Afrika geführt hatte und zuletzt in Australien lebte, ist nicht aus der Zeit gefallen und schon gar kein Öko-Spinner. „Es gibt Kunden, die ihre Ware aus Umweltschutzgründen auf diese Weise transportiert haben wollen“, sagt er. Dabei schaut er sorgsam zu, wie die Kaffeesäcke mit einem Ladebaum und Muskelkraft aus dem Schiffsbauch auf die Pier gehoben werden.

Dort stehen eben jene Kunden. Es sind vor allem Non-Profit-Organisationen wie der Hamburger Verein El Rojito, der sich für fair gehandelten Kaffee aus biologischem Anbau einsetzt. Zwei Tonnen Arabica-Kaffee hat die „Avon­tuur“ für El Rojito an Bord. Verkauft werden soll er im eigenen Café in Ottensen, aber auch im Einzelhandel, etwa bei Edeka. Und damit die emissionsfreie Logistikkette nicht abbricht, wird der Kaffee vom Kai mit Lastenrädern in die Lager und zur Röstung gebracht.

Zwei Monate hat El Rojito auf den Kaffee warten müssen. Solange hat der Törn der „Avontuur“ nach Hamburg gedauert. Containerschiffe benötigen für die Überfahrt mit den verschiedenen Haltepunkten unterwegs nicht einmal die Hälfte der Zeit. „Aber darauf waren wir eingestellt“, sagt der Projektkoordinator des Vereins, Roman Witt. Mit 30 Euro pro Kilogramm sei der Kaffee aber auch mehr als vier Euro teurer als beim herkömmlichen Transport aus Südamerika per Container. Dafür sei der erste „herbeigesegelte Kaffee“ auch etwas Besonderes, so Witt. Das schlägt sich auch im Einzelhandelspreis nieder: 7,50 Euro pro 250 Gramm soll die neue Marke „Café Vela“ kosten. Wegen des Einsatzes für den emissionsfreien Transport wurde El Rojito von Kerstan als Umweltpartner ausgezeichnet. Aber auch andere Organisationen wie die Leipziger Genossenschaft Café Chavalo oder die Freiburger Organisation Teikei Coffee haben ihre Ladung segeln lassen.

30 Jahre ist es her, dass zuletzt Stückgut am Bremer Kai von Hand gelöscht wurde. Damals gab es das Hafenmuseum noch nicht. „Aber jetzt wird hier der alte Hafenbetrieb noch einmal belebt“, sagt Leiter Carsten Jordan. Das will sich auch Karl Heinrich Altstaedt nicht entgehen lassen. Er kennt die alte Zeit, war in den 1950er-Jahren Tallymann, also Ladungskontrolleur. Jetzt sitzt der 79-Jährige neben einem Kaffeesack auf einer Seekiste, schaut dem bunten Treiben zu und gibt seinen Nachfolgern gute Ratschläge. „Die zwei Säcke sind beschädigt, die dürft ihr gar nicht annehmen“, sagt er zu den freiwilligen Packern. Und passt bei den Rum-Fässern auf. „Wenn da was rauskommt, haltet eure Thermoskannen drunter.“