Abgase

Diesel-Nachrüstung ist laut Gutachten technisch möglich

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Philipp Neumann
Diesel-Fahrverbote – Darum besteht Handlungsbedarf

Diesel-Fahrverbote – Darum besteht Handlungsbedarf

Diesel-Fahrverbote

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Eine Nachrüstung laut Gutachten der Regierung möglich. Verkehrsminister Scheuer will dennoch Studien abwarten.

Berlin.  Fertig war das Gutachten bereits vor mehr als drei Monaten. Das Datum, das auf der Titelseite steht, ist der 8. Januar 2018. Seitdem liegt der Text in der Schublade von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer. Der CSU-Politiker weiß nicht, was er damit machen soll, denn der Inhalt des Gutachtens, das von seinem eigenen Ministerium in Auftrag gegeben wurde, entspricht nicht seinen Vorstellungen.

Scheuer ist dagegen, die Abgasanlage von älteren Dieselautos so nachrüsten zu lassen, dass die Fahrzeuge deutlich weniger Stickoxid ausstoßen. Der Minister sagt, er habe „erhebliche rechtliche, technische und finanzielle Bedenken“. Er lehne es ab, „viel Geld in alte Wagen“ zu stecken. Besser sei es, innovative Antriebstechnik zu fördern.

Deutschen Umwelthilfe (DUH) bringt gemeines Dokument in Umlauf

Das Papier in Scheuers Schublade kommt aber zu einem völlig anderen Ergebnis. Es entkräftet die „technischen und finanziellen Bedenken“ des Ministers – und setzt ihn damit unter Druck. Genau das ist auch das Ziel der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die sich das bisher geheime Gutachten besorgt und es nun in Umlauf gebracht hat.

Die Organisation hatte den politischen Druck bereits zuvor erhöht: In Gerichtsverfahren setzte die DUH durch, dass Städte notfalls mit Fahrverboten dafür sorgen müssen, dass die geltenden Werte für das gesundheitsschädliche Stickoxid eingehalten werten. Bislang haben Städte, Bundesländer und die Bundesregierung noch keine Lösung gefunden, Fahrverbote zu verhindern.

Nachrüstung ist „eindeutig die beste und sicherste Lösung“

Die Veröffentlichung des gesamten Gutachtens, dessen Kernaussage bereits bekannt war, soll den Prozess beschleunigen. Das Ziel: Die Autohersteller sollen alte Dieselautos technisch umrüsten. Bisher stellen sie Updates für die Motor-Software zur Verfügung.

Der Autor des 14-seitigen Papiers ist Georg Wachtmeister, ein renommierter Experte der Technischen Universität München. Er kommt zu dem klaren Ergebnis: Eine technische Nachrüstung von Fahrzeugen mit der Abgasnorm Euro 5 sei nicht nur „mit verträglichem Aufwand möglich“. Sie sei sogar „eindeutig die beste und sicherste Lösung“.

Platz für einen zusätzlichen Tank mit Harnstoff

Der Einbau von sogenannten SCR-Katalysatoren in die Abgasanlage von Dieselautos gelte als „sehr effiziente Maßnahme“, um Stickoxide zu reduzieren. Und: Der Einbau komme inklusive Werkstattkosten auf etwa 3000 Euro. Wachtmeister nennt diese Kosten „durchaus umsetzbar“.

Den Autoherstellern bescheinigt er, den größten Teil der erforderlichen Komponenten bereits entwickelt zu haben. Auch sei in vielen Modellen deutscher Hersteller Platz für einen zusätzlichen Tank mit Harnstoff, ohne den die Abgasreinigung nicht funktionieren würde. Angebote von unabhängigen Spezialfirmen würden denselben Zweck erfüllen, seien aber die zweitbeste Lösung, weil sie die Fahrzeuge weniger gut kennen würden als die Hersteller.

Scheuer will keine Verunsicherung der Autofahrer

Das Bundesverkehrsministerium versucht nun, die Bedeutung dieses Gutachtens herunterzuspielen. Es sei nur „eine von mehreren Untersuchungen“, die in Auftrag gegeben worden seien. Insgesamt seien die Untersuchungen zur Hardware-Nachrüstung noch nicht abgeschlossen, heißt es. Wann alle Arbeitsgruppen die noch fehlenden Berichte vorlegen werden, ist allerdings unbekannt.

Darum haben Diesel-Autos zu Recht so ein schlechtes Image
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Seit seinem Amtsantritt hält Scheuer sich mit Äußerungen zur Dieselkrise sehr zurück. Der CSU-Politiker will keine weitere Verunsicherung der Autofahrer – jedenfalls nicht vor der bayerischen Landtagswahl im Herbst.

Autoindustrie soll Wertverfall der Dieselfahrzeuge stoppen

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD), deren Vorgängerin sich bereits mit Scheuers Vorgänger über das Dieselthema gestritten hat, hält dagegen die Hardware-Nachrüstung von älteren Dieselfahrzeugen für die „beste und sozialste Maßnahme“, wie sie dieser Redaktion sagt. Das Gutachten war auch ihr bisher nicht bekannt.

Jetzt fordert Schulze die Autohersteller auf, die Kosten für den Einbau der Katalysatoren zu übernehmen: „Klar ist, dass die Hersteller als Verursacher des Problems die Nachrüstungen bezahlen müssen.“ Die Autoindustrie solle die Chance nutzen, um den Wertverfall der Dieselfahrzeuge zu stoppen. Schulze plädierte auch dafür, zunächst nur Dieselfahrzeuge in den von Schadstoffen besonders belasteten Städten nachzurüsten. Dies sei „das einzig realistische Mittel, um die Luft in diesen Städten sauber zu bekommen und Fahrverbote zu vermeiden.“

Scheuer will die Hängepartie beenden

Schulzes Parteifreund Sören Bartol, der als Vizechef der SPD-Bundestagsfraktion für das Thema Verkehr zuständig ist, fordert Minister Scheuer zum Handeln auf: „Wer wirklich Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern will, darf bei der Frage, ob es technische Nachrüstungen geben soll, nicht auf Zeit spielen.“

Scheuers Zögern sei nicht nachvollziehbar. „Die Hängepartie muss jetzt ein Ende haben“, verlangt Bartol, „ansonsten werden die Dieselfahrer und potenzielle Dieselkäufer nur noch mehr verunsichert.“ Der Chef der Umwelthilfe, Jürgen Resch, sieht das ähnlich, nur wählt er andere Worte: „Die Bundesregierung muss sich endlich aus dem Würgegriff der Autobosse befreien.“

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