Berlin

Wie man gute Tierhaltung erkennt

Berlin. Ob Schweine, Hühner oder Rinder – Tiere leben am liebsten im Freien. Doch diese Vorliebe erfüllen ihnen nur wenige Bauern, die mit ihnen Geld verdienen wollen. Dennoch werden Nutztiere je nach Hof mal besser gehalten, mal schlechter. Doch wie kann ein Verbraucher erkennen, wie das Tier, dessen Fleisch er verzehrt, aufgewachsen ist? Man sieht es dem Fleisch nicht auf den ersten Blick an, sondern ist auf Kennzeichnungen angewiesen.

Die neue Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will noch in diesem Jahr ein staatliches Label für Fleisch aus besserer Tierhaltung ins Leben rufen. Seit Jahren fordert der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, der das Ministerium berät, mehr Platz, weniger Medikamente und häufigeren Freigang für Eier-, Fleisch- und Milchlieferanten.

Lidl geht nun in die Offensive. Der Discounter führt nächste Woche im Alleingang einen vierstufigen Haltungskompass ein, mit dem Fleisch aus Deutschland gekennzeichnet wird. Die Stufe 1, „Stallhaltung“, entspricht dem gesetzlichem Mindeststandard; Stufe 2, „Stallhaltung Plus“, gewährt den Tieren etwas mehr Platz und Stroh zur Beschäftigung. Bei Stufe 3, „Außenklima“, haben Tiere zudem Zugang ins Freie, Genfutter ist tabu. Stufe 4 entspricht in der Variante „Bio“ der EU-Ökoverordnung. Lidl will damit seine Kunden unterstützen, eine bewusste Kaufentscheidung für eine tierwohlgerechte Haltung zu treffen, sagt Einkaufschef Jan Bock. Lob bekommt die Lidl-Initiative vom Präsidenten des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder. Er ist überzeugt, dass diese nun „Vorbild“ für andere Unternehmen sein müsse.

Die Lebensmittelexpertin des Dachverbandes der Verbraucherzentralen, Sophie Herr, kritisiert dagegen Details. So gehe in Stufe 4 konventionell und bio „völlig durcheinander“.

Für Verbraucher ist es nicht leicht, den Überblick über die Siegel zu behalten. Wir erläutern, welche Haltungsformen dahinterstecken:

EU-Bio-Siegel

Schweine auf Bio-Betrieben können immer ins Freie, ihre Boxen im Stall sind im Vergleich zu herkömmlichen viel großzügiger. Sie sind zudem mit Stroh bedeckt. Die Schweine dürfen auch ihren Ringelschwanz behalten. Und die Sau bekommt vor der Geburt ein Extraabteil. Ihr Futter ist gentechnisch unverändert.

Urteil: „Ökohöfe kommen dem natürlichen Leben von Tieren am weitesten entgegen“, sagt Tierforscherin Christel Simantke.

Einzelne Verbände wie Demeter, Naturland oder Bioland stellen sogar noch höhere Anforderungen. So ist die gehaltene Tierzahl bei ihnen geringer, ebenso der Weg zum Schlachthof. Das Fleisch ist aber oft erheblich teurer als Fleisch mit EU-Bio-Siegel, das es auch bei Discountern gibt.

Neuland

Die Marke setzt auf artgerechte Tierhaltung, darf aber nicht mit bio verwechselt werden. Es gelten strenge Haltungskriterien. Die Tiere haben Auslauf, die Ställe Stroh. In einem Stall dürfen maximal 950 Schweine stehen. Der Einsatz von Antibiotika ist reglementiert, das Abschneiden von Schwänzen verboten. Das Futter muss nicht „öko“ sein, aber gentechnikfrei und einheimisch.

Urteil: „Neuland-Fleisch bietet derzeit den höchsten konventionellen Standard“, sagt Stephanie Töwe, Agrarexpertin bei der Umweltorganisation Greenpeace. Fleisch von Neuland gibt es nur in ausgewählten Fleischereien.

Für mehr Tierschutz

Das Siegel des Deutschen Tierschutzbundes gibt es in der Einstiegsstufe mit einem Stern und in der Premiumstufe mit zwei Sternen. Wer das Premium-Label haben will, darf nicht mehr als 2000 Schweine in einem Stall oder auch nur 350 Kühe in seinem Betrieb halten. Für zwei Sterne müssen Schweine ihre Ringelschwänze behalten und wie Kühe und Masthühner freien Auslauf haben. Bei Premium ist auch Genfutter tabu.

Urteil: „Die Einstiegsstufe ist für Verbraucher, die Fleisch und Eier mit mehr Tierschutz kaufen wollen, die aber nicht deutlich mehr bezahlen wollen“, sagen Verbraucherschützer. Das Premium-Label entspreche einem „hohen Tierschutzniveau“.


DLG

Beim Siegel der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft geht um Geschmack, Aussehen und Geruch, nicht um Tierschutz.