Hamburg

Airbus-Problemflieger gefährden 3600 Jobs

Vor allem der Militärtransporter A400M macht Sorgen – aber nicht in Hamburg

Hamburg.  Noch vor zweieinhalb Wochen konnte Airbus-Chef Tom Enders der Öffentlichkeit und den Aktionären des Flugzeugbauers gute Zahlen präsentieren: Im Jahr 2017 wurden 718 Jets ausgeliefert und damit so viele wie noch nie, in diesem Jahr sollen es sogar 800 sein. Der Betriebsgewinn ist auf mehr als vier Milliarden Euro gestiegen und Enders stellte sogar für das Dauer-Sorgenkind des Unternehmens, den Militärtransporter A400M, ein Ende der hohen Verluste in Aussicht.

Allerdings gehört zu der mit den Kundenländern angestrebten Einigung über die künftigen Vertragsbedingungen auch eine zeitliche Streckung des Auslieferungsplans. Damit gibt es bei Airbus jetzt zwei Flugzeugprogramme, deren Produktionsraten demnächst deutlich sinken: Neben dem A400M gilt das auch für den doppelstöckigen Passagierjet A380, denn die Nachfrage nach dem Mega-Flieger liegt erheblich hinter den Erwartungen zurück.

Für die Beschäftigten hat das nun offenbar empfindliche Konsequenzen. Dem französischen Wirtschaftsmagazin „Challenges“ zufolge will Airbus 3600 Arbeitsplätze streichen oder verlegen, wie das Abendblatt in einem Teil der Wochenendauflage berichtete. Im Fokus stünden dabei die Standorte in Bremen, Augsburg, im spanischen Sevilla sowie im britischen Filton. Die Werke in Hamburg und Stade könnten ebenfalls betroffen sein, hieß es in dem Magazin.

„Die Geschäftsleitung will am Mittwoch mit dem Europäischen Betriebsrat von Airbus sprechen, wobei es um die Flugzeugprogramme A400M und A380 gehen soll“, sagte Heiko Messerschmidt, Sprecher des Bezirks Küste der IG Metall, dem Abendblatt. Das Unternehmen äußerte sich auf Anfrage nicht zu Details. Nach dem Treffen mit dem Betriebsrat werde man die Öffentlichkeit informieren. „Und wir sind immer bemüht, die besten Lösungen für unsere Beschäftigten zu finden“, hieß es vom Konzern weiter. Man habe Erfahrung damit, diese Themen zu handhaben.

Eines ist klar: „Airbus fehlt es nicht an Arbeit“, so Messerschmidt, „in mehreren Bereichen wird die Produktion derzeit hochgefahren.“ Auf der anderen Seite gibt es unzweifelhaft Probleme beim A380, in dessen Fertigung der Standort Hamburg eng eingebunden ist; große Teile des Rumpfs werden hier hergestellt, alle Maschinen dieses Typs erhalten im Werk auf Finkenwerder ihre Kabinenausrüstung und werden hier ­lackiert. Hinzu kommt die Auslieferung von Jets für Kunden aus Europa oder aus dem Mittleren Osten.

Das zeitweise drohende Ende des A380-Programms konnte zwar im Januar durch eine Bestellung der Fluggesellschaft Emirates aus Dubai abgewendet werden. Doch die Produktionsrate sinkt drastisch – von 15 Fliegern im vorigen Jahr auf voraussichtlich zwölf in diesem und nur noch acht im nächsten und in den folgenden Jahren.

Schon jetzt aber sind in Hamburg lediglich noch weniger als 1000 der 12.700 fest angestellten Airbus-Mitarbeiter in diesem Programm tätig. Auf die Stammbelegschaft hatte die Nachfrageschwäche des A380 kaum Auswirkungen, denn viel wichtiger für das Werk an der Elbe ist die Produktion von Kurz- und Mittelstreckenjets der A320-Familie. Sie hat sich zu einem Verkaufsschlager entwickelt – und ungefähr jedes zweite Flugzeug dieser Reihe, das Airbus verkauft, wird in Hamburg endmontiert. Während der Konzern im vergangenen Jahr monatlich im Schnitt knapp 47 Jets der A320-Familie auslieferte, ist für Mitte 2019 schon eine Rate von 60 Flugzeugen geplant.

Dabei soll es nicht bleiben: „Wir sprechen mit den Zulieferern über eine Erhöhung der Produktionsrate auf 70 Maschinen pro Monat“, hatte Tom Enders bei der Bilanzvorlage Mitte Februar gesagt. Die Fertigung der neuen A350-Langstreckenflieger, deren mittlere und hintere Rumpfabschnitte aus Hamburg kommen, befindet sich ebenfalls noch im Hochlauf.

Vor diesem Hintergrund hatte Airbus in Hamburg schon in den zurück­liegenden Jahren Mitarbeiter aus dem A380-Programm in andere, wachsende Bereiche umgesetzt. Das sollte angesichts der Produktionsausweitung der A320-Familie weiter möglich sein.

Von den Schwierigkeiten mit dem A400M hingegen ist Finkenwerder gar nicht betroffen, denn der Standort hat keine nennenswerten Produktions­anteile an dem Militärtransporter. Das sieht in Bremen ganz anders aus: Das Werk mit rund 3000 Beschäftigten baut große Teile des Rumpfs. In Stade entstehen Seitenleitwerke aus Kohlefaserwerkstoff sowie Flügelschalen, im britischen Filton werden die Tragflächen montiert.

In Augsburg ist ein Standort der Airbus-Tochter Premium Aerotec mit etwa 2000 Mitarbeitern am A400M-Programm beteiligt: Dort werden Rumpfteile für das Flugzeug hergestellt, das seit dem Entwicklungsstart im Jahr 2003 immer wieder durch gravierende Verzögerungen und milliardenschwere Mehrkosten für Schlagzeilen gesorgt hat. Enders machte jüngst eine „unrealistische Vertragsgestaltung sowie ein unzureichendes Budget“ für die Probleme verantwortlich. Zwar sind bis heute rund 60 Maschinen ausgeliefert worden, ihnen fehlen aber noch immer zahlreiche militärische Fähigkeiten, die ursprünglich zugesichert worden waren.

Im Februar einigte sich der Hauptauftragnehmer Airbus mit den Kundenstaaten – darunter Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien – auf eine „grundlegende Neuausrichtung“ des Programms. Dazu gehört eine Absenkung der Auslieferungszahl von 19 Maschinen im vorigen Jahr auf 15 in diesem und nur noch elf vom Jahr 2019 an. Damit könnte die Bundeswehr das letzte der 53 bestellten Flugzeuge voraussichtlich erst 2026 erhalten und nicht bereits 2020.

Was all dies für die Beschäftigten von Airbus tatsächlich heißt, wird sich in den nächsten Tagen erweisen. Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) sagte der „Augsburger Allgemeinen“, der im Raum stehende Abbau von konzernweit 3600 Stellen bei Airbus sei ein „Worst-Case-Szenario“, nicht das erklärte Ziel des Unternehmens. „Es handelt sich hier bisher nur um eine Schätzung, wie viele Mitarbeiter es europaweit rein theoretisch im schlimmsten Fall treffen könnte“, sagte die CSU-Politikerin. Nach Informationen der IG Metall könnten allein in Augsburg 300 Stellen in der Produktion des Militärtransporters A400M gefährdet sein.

Entlassungen drohen der Stammbelegschaft von Airbus in Deutschland ohnehin nicht. Denn noch immer gilt für sie der sogenannte „Zukunftstarifvertrag“, der schon im Jahr 2012 unterzeichnet wurde. Er bietet noch für eine Weile Jobsicherheit, wie IG-Metall-Sprecher Heiko Messerschmidt erklärt: „Damit sind betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2020 ausgeschlossen.“