Luftfahrt

Bei Airbus-Triebwerken gilt zweithöchste Gefahrenstufe

Der A320neo steht am Tag des Erstflugs am 25. September 2014 auf dem Flughafen in Toulouse Airbus

Foto: RAMADIER Sylvain / Airbus S.A.S. 2014Airbus S.A.S. 2014

Der A320neo steht am Tag des Erstflugs am 25. September 2014 auf dem Flughafen in Toulouse Airbus

Airbus kämpft mit Problemen an A320neo-Motoren. Europäische Flugsicherheitsbehörde fordert Verbesserungen.

Hamburg.  Airbus hat erneut massive Probleme mit seinem Verkaufshit A320neo, der rund zur Hälfte in Hamburg endmontiert wird. Die europäische Flugsicherheitsbehörde EASA hat für Dutzende Kurz- und Mittelstreckenjets eine dringliche Lufttüchtigkeitsanweisung herausgegeben. Das ist nach dem sofortigen Grounding die höchste Gefahrenstufe.

Maschinen mit kürzlich ausgelieferten Triebwerken von Pratt & Whitney müssen nun nach spätestens drei weiteren Flügen am Boden bleiben, wenn beide Motoren aus mehreren beanstandeten Serien stammen. In die Luft dürfen sie erst nach einem Triebwerkswechsel wieder gehen.

Vier Zwischenfälle in einem Monat

"Das ist ein sehr gravierender Vorgang", sagte der Hamburger Luftfahrt­experte Heinrich Großbongardt dem Abendblatt. Es habe binnen eines Monats mindestens vier Zwischenfälle gegeben. Zweimal musste der Start abgebrochen werden, zweimal wurde ein Triebwerk im Flug stillgelegt. Bei den Antrieben von Pratt & Whitney hätte es "Ereignisse mit der hinteren Nabe des Hochdruckverdichters gegeben", teilte Airbus mit. Vereinfacht gesagt können dabei Vibrationen im Triebwerk entstehen, erklärte Großbongardt. Die Lager werden stark belastet, im Extremfall können sich Teile lösen und das Triebwerk mechanisch beschädigen.

Betroffen von der EASA-Anweisung sind etwa 40 Flugzeuge, die mit modifizierten Pratt&Whitney-Motoren ausgestattet sind. "Das dürfte ein paar Wochen dauern", sagte Großbongardt. Per­spektivisch müsste nun ein neues Teil gebaut werden. Kurzfristig könnte das Teil im Idealfall schnell ausgebaut und durch ein früher verwendetes Teil ersetzt werden.

Keine Triebwerke mehr von Pratt & Whitney

Eventuell müssen die Komponenten auch erst (wieder) gebaut werden. Die Flugzeuge müssen mindestens ein Triebwerk haben, das ohne das zu Ausfällen neigende Teil auskommt. So will die EASA verhindern, dass in der Luft beide Triebwerke ausfallen. Für lange Überwasserflüge, bei denen der Ausweichflughafen mehr als drei Stunden entfernt ist, müssen beide Motoren ohne dieses Teil auskommen.

Offen ist, ob dem Flugzeugbauer nun wieder Verzögerungen bei den Auslieferungen drohen. Ein Airbus-Sprecher sagte, die Zeitpläne für die Auslieferungen werden mit den Kunden Fall für Fall besprochen. Noch stünden Maschinen zur Auslieferung bereit, an denen Pratt &Whitney-Motoren älterer, nicht beanstandeter Seriennummern hängen – oder des zweiten neo-Herstellers CFM. Diese würden ausgeliefert. Zuletzt standen etwa 30 A320 in Hamburg und Toulouse und warteten auf die Auslieferung. Auf Finkenwerder dürfte der Parkraum bald wieder eng werden, sagt hingegen Großbongardt voraus: "Airbus wird jetzt keine Triebwerke von Pratt & Whitney mehr annehmen und Motoren zurückgeben, die sie haben." Jede Woche werden rund ein Dutzend Flieger an Airlines übergeben, drei bis vier dürften Aggregate des US-Herstellers haben.

A320neo-Auslieferung mehrfach verzögert

Die A320-Familie ist der Bestseller von Airbus. Gut 6000 Jets stehen in den Auftragsbüchern. 93 Prozent wurden in der neo-Variante bestellt, bei denen die Triebwerke rund 15 Prozent Sprit sparen sollen. Die Erstauslieferung des A320neo 2016 hatte sich wegen Problemen bei Pratt & Whitney mehrfach verschoben.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.