Hamburg

Warum ein Kugelschreiber bei Elbwood 1450 Euro kostet

Frank Pressentin präsentiert in seiner Manufaktur Elbwood die hochwertigen Schreibgeräte

Frank Pressentin präsentiert in seiner Manufaktur Elbwood die hochwertigen Schreibgeräte

Foto: Michael Rauhe

Frank Pressentin fertigt in der HafenCity Einzelstücke aus edlen Hölzern und Metall. Er setzt auf Touristen und asiatischen Markt.

Hamburg.  Es ist ein ziemlich großer Schrank für einen so kleinen Laden. Noch dazu mit sehr vielen Schubladen. Ein bisschen wie die moderne Inter­pretation eines Kontorschranks. Frank Pressentin zieht eine Lade auf und nimmt einen Kasten heraus. Na ja, Kasten klingt zu profan. Es ist eine Musterpalette, ähnlich wie sie Juweliere benutzen, wenn sie Schmuckstücke präsentieren. Bei Pressentin sind es Rohlinge aus feinsten Hölzern, schwere Metallstücke und Schreibfedern aus massivem Goldbasiskomponenten für seine Füllfederhalter und Kugelschreiber, komplett gefertigt in Handarbeit.

„Im Prinzip arbeite ich wie ein Maßschneider, übertragen auf Schreibgeräte“, sagt der 41-Jährige. Im Oktober hat er sein Geschäft Elbwood in der HafenCity eröffnet. „Hanseatic Penmaker“ nennt sich der Hamburger Branchenneuling. Er hat ein Baukastensystem entwickelt, aus dem sich seine Kunden je nach Geschmack und Bedürfnissen ihr individuelles Einzelstück machen lassen können. Zur Auswahl stehen 20 verschiedene Edelhölzer wie Ebenholz, Mahagoni oder Eiche, zudem 40 Farbvarianten des Werkstoffs Ebonit, einer Art hartem Linoleum. Bei den Metallen sind Messing, Schiffsschraubenbronze, Kupfer aber auch Silber, Gelb- und Roségold im Programm. Dazu gibt es ein Lederetui von einem Partnerbetrieb aus Ahrensburg.

Vor vier Jahren besuchte er Drechselkurs

Der gebürtige Mecklenburger hat in seinem Leben schon vieles gemacht. Er hat zwei Jahrzehnte als Discjockey und Konzertveranstalter gearbeitet und als gelernter Erzieher schwierige Kinder und Jugendliche betreut. 2008 machte er sich in Hamburg zusammen mit einem Partner mit dem Unternehmen Familienhelden selbstständig, das Familien im Auftrag des Jugendamts in schwierigen Situationen unterstützt. Auch zwei Immobilienverwaltungsgesellschaft für Jugendwohnungen laufen auf seinen Namen. Parallel gründete er, selbst begeisterter Fotograf, einen Verlag für Kalender und Fotobände. „Ich bin ein Unternehmer“, sagt Pressentin und meint es im Wortsinn. „Wenn mich etwas packt, lege ich los.“

So war es auch mit seinem jüngsten Projekt: Elbwood. Seine Leidenschaft für das Arbeiten mit Holz und Metall entdeckte er vor sechs Jahren. „Ich habe damals angefangen, nach historischen Plänen ein traditionelles Dory-Boot zu bauen“, erzählt der Autodidakt. Der Bootstyp wurde in Deutschland im 19. Jahrhunderts unter anderem als Beiboot von Großseglern auf der Elbe eingesetzt oder auch als Beiboot von Walfängern. Bei der Recherche beschäftigte Pressentin sich auch mit den Geschichten von Seeleuten, ihren Einträgen in Logbüchern. „So entstand die Idee, aus den Materialien noch etwas anderes zu machen“, sagt er. Vor vier Jahren besuchte er seinen ersten Drechselkurs für Schreib­geräte. „Sich an dem Besten zu orientieren heißt nicht zwangsläufig, immer nur auf die bekannten Namen in der Branche zu schauen. Manchmal genügt ein Stück Teak in der Hand und ein Blick auf die Elbe“, sagt er.

Das Holz schlagt er teilweise selbst

In seiner Werkstatt in Tonndorf stehen inzwischen Band- und Kreissäge, Hobel und Drehbänke. Neben seinem Job als Geschäftsführer von Familienhelden hat er sich mit Werkstoffen beschäftigt, sich in Fertigungstechniken eingefuchst und die Grundmodelle K1 für seinen Drehkugelschreiber und F1 für Federhalter entwickelt. 400 Arbeitsschritte sind nötig, um ein Schreibgerät fertigzustellen. Bei Pressentins Einzelstücken und Miniserien sind alle Teile – außer der Kugelschreiberminen und Schreibfedern – von ihm selbst an mechanischen Maschinen gefertigt. „Ich wollte unabhängig von der Industrie sein“, sagt er. Sogar das Holz schlägt und lagert er teilweise auf dem elterlichen Bauernhof bei Parchim. Die Lieferzeit liegt bei sechs bis acht Wochen.

Ein Kulli für 1450 Euro

Das hat seinen Preis. Einen Kugelschreiber gibt es ab 1450 Euro, die Preise für einen Federhalter beginnen bei 1750 Euro. „Ich mache ein Nischenprodukt für Liebhaber“, sagt der Stifte­macher. In sein neues Vorhaben hat er einen sechsstelligen Betrag investiert, finanziert über ein Förderdarlehen. „In den nächsten zehn bis 20 Jahren will ich Elbwood zu einer Marke entwickeln.“ Er setzt dabei auf Touristen und künftig vor allem auf den asiatischen Markt. „Dort ist die Affinität zur Handschrift noch größer.“ Zudem hat er eine mobile Vertriebstasche von seinem Kooperationspartner, der Ledermanufaktur Siegmund & Fritz, entwickeln lassen, mit der er seine edlen Stifte etwa bei Juwelieren anbieten kann. Schon jetzt gibt es andere Anbieter auf dem Markt der handgefertigten Schreibgeräte. Stefan Fink etwa, der im Atelierhaus an der Koppel 66 in St. Georg arbeitet, oder die Wedeler Manufaktur Scribtus.

Pressentin sieht das gelassen. „Mehr als 100 Schreibgeräte kann ich pro Jahr nicht machen.“ Er lebe für seine Produkte, nicht davon. Er weiß nicht einmal, ob er das überhaupt will. Die ersten Elbwood-Schreibgeräte sind inzwischen im Gebrauch. Die Kunden kommen über die Internetseite elbwood.de, manche sehen die exklusiven Einzelstücke auch im Schaufenster seiner Writers Lounge am Kaiserkai. Ein Hamburg-Besucher war Ende des Jahres so interessiert, dass sein Hotel den Hanseatic Penmaker am späten Freitagabend noch per Mail bat, am Wochenende in den Laden zu kommen. Dort hat Frank Pressentin seine Schubladen aufgezogen, seine Werkstücke präsentiert – und einen Kugelschreiber verkauft.