Hamburg

Der Roboter, der den Bankberater ersetzt

Hamburger Innovationsagentur Future Candy unterstützt Firmen bei der Digitalisierung – und sie will Lust auf neue Technologien machen

Hamburg.  Der jüngste Mitarbeiter von Nick Sohnemann ist noch nicht einmal zwei Jahre alt. Auf der Teamliste der Hamburger Innovationsagentur Future Candy wird der 1,20 Meter große "Pepper" als Rezeptionist geführt. Dafür hat er allerdings recht unkonventionelle Umgangsformen: Mit einem kessen "Schlag ein, Digga!" fordert er zum "High-Five" auf.

"Wir sehen für humanoide Roboter wie Pepper mit ihrem ,Niedlichkeitsfaktor' sehr viele Einsatzmöglichkeiten im Kundenservice", sagt Sohnemann, Gründer und Chef von Future Candy. "An den Check-in-Schaltern in Flughäfen oder in Reisezentren der Bahn werden die Mitarbeiter voraussichtlich in den nächsten Jahren solche Kollegen bekommen."

Zwar muss der Anwender die Roboter jeweils mit speziellem Fachwissen "füttern". Aber mit einer Reihe von Grundfertigkeiten hat der Hersteller von Pepper, eine französische Tochter des japanischen Medienkonzerns SoftBank, sein Produkt bereits ausgestattet: Der putzige, dank 20 Elektromotoren recht bewegliche Humanoide kann nicht nur auf Schlüsselworte passend reagieren, er kann mittels seiner Kameraaugen und einer Mustererkennungssoftware auch das Geschlecht seines Gegenübers und dessen Emotionen einigermaßen treffsicher einschätzen.

"Pepper könnte zum Beispiel eingesetzt werden, um Bankkunden bei der Eröffnung eines neuen Kontos zu unterstützen", sagt Sohnemann. Gerade darum gehe es schließlich: "Wir helfen großen Firmen, Ideen für die digitale Zukunft zu entwickeln." Einer der Ansätze besteht darin, den Kunden entsprechende "Technologie zum Anfassen" und Ausprobieren zur Verfügung zu stellen. Im Rahmen der sogenannten Tech Flat für 1500 Euro pro Monat kann man unter anderem 3-D-Drucker, Datenbrillen für Virtuelle Realität (VR) oder Kameradrohnen ausleihen und bekommt Hilfestellung beim Experimentieren.

"Wir wollen Lust auf moderne Technologie und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten machen", sagt Sohnemann. So erklärt sich auch der Firmenname, der eher an eine Süßigkeit denken lässt. Future Candy erarbeitet zusammen mit den Kunden aber auch konkrete Anwendungen und Projekte, bei denen neue Technologien eine zen­trale Rolle spielen. Oftmals steht am Anfang die schnelle Erstellung eines "anfassbaren" Prototypen, den der Kunde direkt in der Unternehmensumgebung testen kann. So hat die Agentur für einen Automobilkonzern einen Weg gefunden, die geplanten Büro- und Arbeitswelten virtuell darzustellen: Mitarbeiter und Verantwortliche können nun die Flächen mit VR-Brillen schon vorab erleben und begehen.

Zu den Klienten von Future Candy gehören Daimler, Porsche, die Hamburger Volksbank, McKinsey, die Deutsche Bank, Vodafone, Otto und Tesa. Nach dem Studium des Medienmanagements in London und in Hamburg sowie beruflichen Stationen in der Werbebranche und bei einer Trendforschungsfirma hat Sohnemann zum Jahresende 2012 in Hammerbrook sein eigenes Unternehmen gegründet. "Seitdem sind wir immer sehr ordentlich gewachsen", sagt er. Zehn fest angestellte Beschäftigte, unterstützt von zwei Freiberuflern, erwirtschaften inzwischen Umsätze von deutlich mehr als einer Million Euro – und die Einstellung weiterer fünf Mitarbeiter ist bereits geplant.

Sohnemann überlegt zudem, in München oder in Frankfurt eine Tochterfirma zu gründen. Für eine Agentur aus dem Digitalsektor wie Future Candy sei Hamburg als Standort keineswegs selbstverständlich, räumt er ein: "Ich habe anfangs mit dem Gedanken gespielt, damit nach Berlin zu gehen." Denn international sei die Hauptstadt sehr viel bekannter als Hamburg und "schon so etwas wie eine Marke", was viele junge Talente anzieht.

Großunternehmen würden bei der Agentur gern einsteigen

Doch am Ende hat sich Sohnemann für Hamburg entschieden – nicht nur, weil der 40-Jährige "persönlich hier verankert" ist. "Die Wege sind kürzer, außerdem ist Hamburg wirtschaftlich deutlich stärker, und man findet leichter Menschen mit Arbeitserfahrung. Wir fühlen uns hier sehr wohl."

Schon mehrfach hat der Firmengründer Anfragen von Großunternehmen erhalten, die bei Future Candy einsteigen wollen. "Ich habe aber noch viel Fantasie, wie wir uns weiterentwickeln können, und ich möchte mir die Freiheit lassen, das selber umzusetzen." Dann könnte vielleicht eines Tages auch sein Wunschtraum in Erfüllung gehen: "Dass sich, wenn ich einmal alt bin, jemand erinnert: Da war doch mal diese Firma aus Hamburg, die mitgeholfen hat, Deutschland zu digitalisieren."

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