Prozess

Schleckers Kinder müssen ins Gefängnis

Der ehemalige Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Der ehemalige Drogeriekettenbesitzer Anton Schlecker wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Foto: Sina Schuldt / dpa

Firmengründer kommt mit Bewährungsstrafe davon. Von der Insolvenz des Unternehmens waren 25.000 Menschen betroffen.

Ehingen/Stuttgart.  Ein enttäuschtes Raunen ist im Zuschauerraum zu hören, als der Vorsitzende Richter Roderich Martis das Urteil verkündet: Der Gründer der Drogeriekette Schlecker, Anton Schlecker (73), wird zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre Gefängnis gefordert.

Schleckers Kinder Lars (46) und Meike (44) schickte das Gericht dagegen ins Gefängnis. Lars Schlecker erhält eine Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten, seine Schwester einen Monat weniger. Das Gericht legt ihnen unter anderem Insolvenzverschleppung, Untreue und Beihilfe zum Bankrott zur Last. Die Zuschauer im Stuttgarter Landgericht, darunter einige ehemalige Mitarbeiter Schleckers, reagieren mit Beifall. Damit endet fast sechs Jahre nach der Insolvenz der Drogeriekette Schlecker einer der wohl spektakulärsten Wirtschaftsprozesse in Deutschlands Nachkriegsgeschichte.

Schlecker war einst größte Drogerie-Kette Europas

Es begann alles 1975 in Ehingen, einer kleinen Stadt von 25.000 Einwohnern, gut 20 Kilometer südwestlich von Ulm. Dort wird der erste Schlecker eröffnet. Von hier aus werden die einmal 15.000 Schlecker-Märkte in 17 Ländern eröffnet, die das Unternehmen zu Europas größtem Drogerie-Konzern machen. Hier steht später die Konzernzentrale, ein imposanter Glasbau am Stadtrand von Ehingen, von wo aus sieben Milliarden Euro Gewinn jährlich verbucht werden. Bis zu 55.000 Mitarbeiter hat das Unternehmen in seinen besten Jahren.

Viele davon sind weiblich, sie werden als „Schlecker-Frauen“ bekannt. 25.000 von ihnen verlieren am Ende ihren Job, als im März 2012 die Insolvenz beantragt wird. Meike Schlecker sagt zuvor den berühmten Satz: „Es ist nichts mehr da.“ Seit diesem Montag ist diese Behauptung nun auch vom Gericht als Lüge entlarvt.

Am 20. Januar 2011 wusste Schlecker von Zahlungsunfähigkeit

Die Frage, die der Vorsitzende Richter Martis auch in seiner detailreichen Urteilsbegründung am Montag abschließend beantwortet, lautet: Ab wann wussten Anton Schlecker und seine Erben, dass ihr Unternehmen zahlungsunfähig ist? Der Richter kann ein genaues Datum benennen und spricht Anton Schlecker, der regungslos auf seinem Stuhl sitzt, direkt an: „Spätestens am 19. Dezember 2011 wussten Sie, dass es mit dem Unternehmen zu Ende geht, Sie kannten die Zahlen und Sie wussten, dass es zahlungsunfähig ist.“

Trotzdem soll er noch am 20. Januar 2012 behauptet haben, dass er das Unternehmen noch retten könne – während er gleichzeitig schon im Jahr 2009 damit begonnen habe, sein Vermögen an Familienmitglieder zu überschreiben oder über Beraterverträge an seine beiden Kinder Meike und Lars Schlecker weiterzureichen. Dass diese sie annehmen und erst durch den Insolvenzverwalter auf die Idee kommen, einen Teil zurückzuerstatten, deutet laut Staatsanwaltschaft auf jene „kriminelle Energie“ hin, die letztlich zu den Haftstrafen für sie führt.

Theoretisch wären bis zu zehn Jahre Haft möglich gewesen

Nach Angaben des Richters entsteht dem Unternehmen in jener Zeit ein Schaden von mindestens 10,1 Millionen Euro. Dafür seien Schlecker und seine Kinder persönlich verantwortlich, weil sie Geld vor dem Zugriff der Gläubiger verbergen wollen. Vor allem aber geht es in der Urteilsbegründung um die überhöhten Stundensätze an die Tochterfirma LDG, die den beiden Schlecker-Kindern gehörte.

Sie dienen allein dazu, die Insolvenzmasse zu verringern und das persönliche Leben nach der Pleite noch möglichst luxuriös führen zu können. Das hohe Strafmaß für die beiden Erben ist mit ihrer Verweigerung eines Geständnisses zu erklären und der hohen Summe, die beiseitegeschafft wurde.

Richter: „Kinder hätten es besser wissen müssen“

Während das Unternehmen sonst versuchte, überall zu sparen, an den Lieferanten, über Ladenvermieter bis hin zu den Mitarbeitern, wird an die LDG munter weiter gezahlt. „Die Kinder haben einen Wirtschaftsabschluss und hätten es besser wissen müssen“, stellt der Richter fest.

Seit März sitzt die Familie Schlecker auf der Anklagebank, und in diesen neun Monaten geschieht etwas Erstaunliches, das vielleicht auch zu dem relativ milden Urteil für Anton Schlecker führt. Theoretisch wären für seine Vergehen bis zu zehn Jahre Haft möglich gewesen. Aber über die Zeit wendet sich die Stimmung im Saal zu seinen Gunsten.

Gericht verhandelte Lebenswerk Schleckers

Das liegt nicht unbedingt an seinem mitunter arg niedergeschlagenen Auftreten oder den noch kurz vor dem Urteil gezahlten vier Millionen Euro an den Insolvenzverwalter durch Antons Frau Christa und den beiden Kindern. Es liegt eher daran, dass sowohl Prozessbeobachter als auch Gegner sehen, wie Montag für Montag im Landgericht das Lebenswerk dieses mittlerweile 73 Jahre alten Mannes öffentlich zerpflückt wird.

Ein Unternehmen, das er als „eingetragener Kaufmann“ angemeldet hat – gerade so wie einen Kleinstbetrieb, den er mit vollem Risiko sein Leben lang führt. Der Insolvenzverwalter nennt ihn öffentlich naiv und beratungsresistent, und sein in Ehingen bekannter Fleiß wird von der Geldgier, die hier im Gerichtssaal verhandelt wird, komplett überdeckt.

Ehingen profitierte vom Schlecker-Konzern

In Ehingen trifft der milder werdende Umgang des Gerichts mit dem Patriarchen auf Verständnis, schließlich hat der Ort lange profitiert von der Drogeriekette. Am Abend läuft Stefan Koch, ein echter Ehinger, mit seiner Familie durch die Innenstadt. Der 38-Jährige kann mühelos zeigen, wo die Metzgerei von Schleckers Vaters war, wo die erste Schlecker-Drogerie stand und: „Da hinten geht’s zu Schleckerland.“

Er meint die Ex-Firmenzentrale, in die jetzt eine Einkaufspassage eingezogen ist: Intersport und Modepark Röther. „Aber die meisten sagen immer noch Schleckerland.“ Genauso verhält es sich mit dem Sparkassen-Cup, dem großen internationalen Handball-Turnier in Ehingen, das für die Einwohner noch immer „Schleckercup“ heißt, weil es aus Antons Liebe zum Handball entsprang.

„Er hat ja auch Arbeitsplätze geschaffen“

In der Bar „Amadeus“, gleich in der Nähe der Schlecker-Metzgerei, sitzen die Menschen abends bei lokalem Bier und reden noch einmal über ihren berühmtesten Abwesenden. Eine Frau sagt: „Er hat ja auch Arbeitsplätze geschaffen.“ Und eine anderer stimmt ihr zu: „Er kann sich ruhig wieder einmal blicken lassen hier unten in der Stadt.“

Dass der öffentlichkeitsscheue Anton Schlecker momentan noch nicht bereit ist für so viel Aufmerksamkeit, wird am Montag deutlich, als mitten in der Urteilsverkündung sein Smartphone klingelt. Alle im voll besetzten Saal halten sich an das Handyverbot, außer: Anton Schlecker. Er versucht sekundenlang hektisch das Klingeln abzustellen, weiße Haare, roter Kopf. Als er es schafft, schüttelt er den Kopf und lässt die Schultern hängen, als wollte er sagen: „Und das mir.“