Hamburg

Jetzt ermitteln auch Amerikaner gegen Airbus

Flugzeugbauer meldet „Ungenauigkeiten“ bei Anträgen auf die Genehmigung von Rüstungsexporten. Doch die Börse jubelt über die Zahlen

Hamburg.  Es ist noch keine vier Wochen her, dass Airbus-Konzernchef Tom Enders in einem internen Brief an die Mitarbeiter „turbulente und verwirrende Zeiten“ für das Unternehmen ankündigte. Die Korruptionsermittlungen in mehreren Ländern hätten womöglich „schwerwiegende Konsequenzen, einschließlich erheblicher Strafen“.

Verpackt im Neunmonatsbericht teilte der Flugzeugbauer nun ein weiteres brisantes Detail in diesem Zusammenhang mit: Über die bereits bekannten Ermittlungen in Großbritannien und in Frankreich hinaus sei Airbus auf „einige Ungenauigkeiten“ bei Anträgen gestoßen, die der Konzern gemäß den Vorschriften für den internationalen Waffenhandel (International Traffic in Arms Regulations, kurz Itar) beim US-Außenministerium eingereicht hatte. Ende 2016 habe das Unternehmen die US-Behörden darüber unterrichtet.

Finanzvorstand Harald Wilhelm, der am frühen Dienstagmorgen die Quartalszahlen in einer Telefonpressekonferenz erläuterte, fiel die unangenehme Aufgabe zu, sich den bohrenden Fragen der Journalisten nach den möglichen Konsequenzen zu stellen. Schließlich sind gerade die Amerikaner dafür bekannt, Korruption streng zu verfolgen. Wilhelm ließ jedoch lediglich durchblicken, dass die Unregelmäßigkeiten nur die Anträge auf Exportlizenzen und nicht die Rüstungsgeschäfte selbst betreffen. Offenbar wurden – genau wie in den Anträgen auf staatliche Exportkreditgarantien für Ziviljets in Europa – Vermittler und deren Provisionen nicht korrekt mit angegeben.

Trotz der Ermittlungen nun auch in den USA sei das dortige Geschäft nicht beeinträchtigt, sagte Wilhelm: „Wir stellen weiter solche Anträge auf Exportlizenzen und sie werden von den Behörden auch bearbeitet.“ Zwar ist Airbus ein europäisches Unternehmen. Viele seiner Rüstungsprodukte enthalten aber Komponenten, die von US-Zulieferern stammen.

Auch im jetzt vorgelegten Neunmonatsbericht ist davon die Rede, dass schon allein aus den Ermittlungen in Großbritannien und in Frankreich möglicherweise Geldstrafen oder andere Sanktionen resultieren können, die „erhebliche Auswirkungen“ auf das Geschäft von Airbus haben. Dennoch hat der Konzern keine Rückstellungen für etwaige Strafzahlungen gebildet. Es sei noch zu früh, die Wahrscheinlichkeit oder das Ausmaß potenzieller Folgen einzuschätzen, erklärte der Finanzchef dazu. Nicht einmal eine Prognose zur Dauer der Untersuchungen mochte er abgeben. Auf wiederholte Nachfragen von Journalisten sagte Wilhelm nur, das sei wohl „eher eine Frage von Jahren als von Monaten“.

Abgesehen von den Korruptions­ermittlungen läuft es bei Airbus auch im operativen Geschäft mit den Ziviljets nicht wirklich rund. Das bei früherer Gelegenheit von Wilhelm selbst genannte Ziel, in diesem Jahr mehr als 720 Maschinen (Vorjahr: 688) auszuliefern, werde man wohl leicht verfehlen, räumte er am Dienstag ein. Zwar werde das Unternehmen nach aktuellem Planungsstand voraussichtlich mehr als 700 Zivilflugzeuge an die Kunden übergeben können. Dies stehe aber unter dem Vorbehalt, dass die Triebwerkshersteller ihre Lieferzusagen einhalten.

Angesichts der bekannten Probleme des US-amerikanischen Motorenbauers Pratt & Whitney (P&W) mit dem innovativen Antrieb für die Kurz- und Mittelstreckenmaschinen des Typs A320neo werde Airbus im Jahr 2017 wohl „geringfügig“ weniger als die angepeilten 200 Jets dieser Modellreihe ausliefern, hieß es. Dafür ist allerdings eine regelrechte Aufholjagd erforderlich, denn bis Ende September waren es gerade einmal 90 Flugzeuge. Der Auslieferungsplan für dieses Jahr habe sich „ex­trem nach hinten verschoben“, sagte Tom Enders dazu.

Das Problem: Weil die ersten der von P&W gebauten Motoren für den A320neo weniger zuverlässig sind als erwartet, produziert der Triebwerkshersteller sie derzeit vorwiegend zur Nutzung als Ersatzteile für die bisherigen Kunden. Es gebe aber in technischer Hinsicht „erhebliche Fortschritte“, so Wilhelm. Verbesserte Komponenten würden derzeit getestet und könnten im ersten Quartal 2018 in den regulären Betrieb gehen.

Zu finanziellen Auswirkungen der Partnerschaft mit dem kanadischen Bombardier-Konzern machte der Airbus-Finanzvorstand keine Angaben. Er hält aber an dem Ziel fest, den bereinigten Betriebsgewinn (Ebit) in diesem Jahr im mittleren einstelligen Prozentbereich verbessern zu können. In den ersten neun Monaten kam der Konzernumsatz um ein Prozent auf 43 Milliarden Euro voran, der Nettogewinn nahm um zwei Prozent auf 1,85 Milliarden Euro zu.

An der Börse wurden die Zahlen sehr positiv aufgenommen: Trotz der Risiken aus den Korruptionsermittlungen kletterte der Aktienkurs im Pariser Handel bis zum späten Nachmittag um fast fünf Prozent.