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Warum H&M angeblich tonnenweise Kleidung verbrennt

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Do, 12.10.2017, 13.19 Uhr

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Laut einem dänischen TV-Sender verbrennt H&M mehrere Tonnen Kleidung im Jahr. Die Begründungen des Modekonzern sind wenig plausibel.

Stockholm..  Der schwedische Modekonzern H&M hat in den letzten Jahren viel auf Nachhaltigkeit gesetzt. Aufsehen erregte etwa die nun seit mehreren Jahren laufende weltweite Kampagne, die Kunden darum bittet, ihre alten Kleider der Umwelt zuliebe doch bitte in einer H&M-Filiale abzugeben. Doch nun sorgt eine Praxis für Aufsehen, die diesem Image widerspricht.

Bisher hatten Kunden Rabatt-Gutscheine für alte Kleider erhalten, um sich neue Kleidung zu kaufen. "Bringen Sie uns Ihre aussortierte Kleidung, ganz gleich von welcher Marke oder in welchem Zustand sie ist. Wir sorgen dafür, dass etwas Neues daraus entsteht", verspricht der Konzern etwa seinen deutschsprachigen Kunden. "Werfen sie Mode nicht in den Müll", heißt es da.

In Dänemark wird neue Kleidung verbrannt

Gleichzeitig transportiert der Konzern seit Jahren tonnenweise neue Kleider mit Preisschildern in die Verbrennungsanlage eines Wärmekraftwerkes in der dänischen Stadt Roskilde, enthüllt nun der dänische Fernsehsender TV2. Der Sender hat Lkw-Lieferungen heimlich gefilmt und Ex-Mitarbeiter der Verbrennungsanlage interviewt.

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Laut internen Lieferdokumenten, die dem Sender vorliegen, lässt H&M in Roskilde schon seit 2013 jedes Jahr durchschnittlich 12 Tonnen nagelneue Kleider verbrennen. Inwieweit diese Praxis auch in anderen Ländern des weltweit agierenden Konzerns gelten könnte, wird von dem Sender nicht behandelt.

H&M: Lassen nur unbrauchbare Kleider verbrennen

Bei H&M in Dänemark wollte man auf eine erste Anfrage des Senders nicht einmal zugeben, dass Kleider überhaupt verbrannt werden: "Wenn eine Ware sich schlecht verkauft, schicken wir sie an eine andere Verkaufsstelle. Wir sehen zu, dass die produzierten Waren in unseren Geschäften verkauft werden. Wir erleben nicht, dass wir Schwund haben", beteuerte da Mia Mögelgaard, H&M Nachhaltigkeitschefin in Dänemark.

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Erst nachdem TV2 H&M später mit Dokumenten zur tonnenweisen Verbrennung neuer Kleider in Roskilde konfrontiert, ändert der Konzern seine Kommunikation. Beschädigte und damit nicht verkaufbare Ware würde ausgesondert, räumte H&M dann ein. Es würden mehrere unabhängige Qualitätstests durchgeführt. Nur wenn Testresultate aufzeigen, dass ein Kleidungsstück Wasserschäden aufweist und etwa von Schimmel befallen ist oder Chemikaliengrenzwerte, wie etwa beim Blei, übersteigt, würden Kleider aus dem Verkehr gezogen, hieß es dann aus dem Konzernhauptquartier in Schweden.

TV-Sender widerlegt Darstellung von H&M

Doch TV 2 hat einige der zur Verbrennung nach Roskilde verschickten Kleider testen lassen. Da gab es keinen problematischen Bleigehalt. Der Wert entsprach nur einem Zehntel des dänischen Grenzwertes. Auch wurden keinerlei Wasserschäden und auch kein Bakterienbefall festgestellt.

"Wir gehen oft weiter als das Gesetz vorschreibt, weil unsere Kunden sich sicher mit unseren Produkten fühlen sollen", kommentierte H&M-Sprecherin Anna Eriksson die niedrigen Bleiwerte bei der Ausschussware. Doch TV2 kontert wieder: "Einen viel höheren Bleigehalt haben wir im Reisverschluss einer anderen H&M Jeans festgestellt. Die haben wir aber in einer Filiale in Kopenhagen gekauft. Der Bleiwert entsprach da einem Siebtel des Grenzwertes", so der Sender.

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Auch andere Firmen verbrennen angeblich Kleidung

"Das hier passt überhaupt nicht zusammen mit dem H&M-Nachhaltigkeitsprofil. Das ist grundlegende Heuchelei", kritisiert Esben Rahbek, Professor für Markenentwicklung an der Copenhagen Business School gegenüber dem Sender.

Allerdings ist H&M nicht der einzige Konzern, der große Kleidermengen im dänischen Roskilde verbrennen lässt. Das Unternehmen Bestseller, dem im Dänemark die Marken Vero Moda und Jack&Jones gehören, verbrannte im letzten Jahr 49 Tonnen Kleider, laut TV2. Auch hier werden vor allem Wasserschäden angeführt. Wie H&M skandiert auch Bestseller gleichzeitig mit Wiederverwertungssprüchen wie "Kleider sind nicht Abfall".

Verbrennung von Kleidern lässt sich kaum erklären

Dass Kleiderkonzerne so viele Kleider wegen angeblicher Wasserschäden verbrennen, sei nicht plausibel, kritisiert Christina Dean, Gründerin der Textilumweltorganisation Redress. "Wenn die nicht extrem wasserundichte Lager mit mehreren leckenden Stellen haben, kann ich einfach nicht verstehen, wie so viele Kleidungsstücke so nass werden können. Ich gehe mal davon aus, dass die ordentliche Lager haben. Das ist merkwürdig", sagt sie gegenüber TV2.

Gerade die Vernichtung von neu hergestellten Kleidern in der Massenmodebranche gilt als große Belastung für die Umwelt. Denn für ihre zumeist in Niedriglohnländern wie Bangladesch stattfindende Herstellung wird die Umwelt stark belastet. Es werden große Mengen an Rohstoffen, Wasser und Energie verbraucht und Chemikalien angewendet.

Der Sender TV2 kritisiert, dass die Modehäuser nicht einfach zugeben, dass sie Ware verbrennen, weil sie nicht verkauft werden. Gerade Billigkleiderkonzerne produzieren in der Regel viel mehr als sie verkaufen. "Es geht um Überproduktion. Die ist besonders schlimm in der Modebranche. Denn die unterliegt kurzweiligen Trends. Wenn etwas nicht mehr in Mode ist, ist es für den Verkauf tot", erklärt Else Skjold, Dozentin für nachhaltiges Design an der Kolding Designschule. Dieser Trend beschleunige sich zudem in beunruhigendem Takt. Vor nicht all zu langer Zeit hatten Modeunternehmen noch vier Kollektionen im Jahr. Heute hätten beispielsweise H&M fast jede Woche neue Waren in den Regalen, unterstreicht Skjold. Dass da viel weggeschmissen werde, sei logisch.

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