Batteriefertigung

Batterie-Firma Varta liefert Energie fürs Internet der Dinge

Varta-Chef Herbert Schein steht in der Produktionshalle für Knopfzellen.

Varta-Chef Herbert Schein steht in der Produktionshalle für Knopfzellen.

Foto: Alex Kraus

Die Varta AG stellt Mikrobatterien in Deutschland her. Dass die Firma weltweit führend ist, hat mit einer besonderen Strategie zu tun.

Ellwangen.  Von rechts fällt Sonnenlicht in die Halle, irgendwo da draußen mäandert träge das Flüsschen Jagst am Varta-Gelände vorbei. Hier drinnen klacken die Maschinen, kleine Metallbecher rucken gleich gerichtet durch eine Fertigungsstraße. Alle paar Sekunden wird Zinkpulver eingefüllt, eine Flüssigkeit zugesetzt, werden kleine Deckel aufgedrückt und Löcher gebohrt. Die Anlage gibt fertige Knopfzellen frei. Bis zu eine Million täglich. Und in der Halle stehen vier dieser Fertigungslinien. Doch es reicht nicht. Der Markt verlangt mehr.

Eine sehr komfortable Situation für einen Firmenchef. Herbert Schein ist eher zurückhaltend, doch an diesem Morgen merkt man ihm an, dass für den Batteriehersteller Varta ein großer Sprung nach vorn bevorsteht. Und dass dies auch sein Verdienst ist.

Die vier Anlagen hier produzieren rund um die Uhr sogenannte Zink-Luft-Batterien für Hörgeräte. Varta ist marktführend. 2002 hat Schein angefangen, den Bereich aufzubauen, seit 2007 ist er Chef des ganzen Unternehmens. Jetzt bringt er Varta an die Börse. Am 25. Oktober soll es so weit sein, dann erscheint das Papier nach knapp sieben Jahren Abwesenheit wieder auf dem Kurszettel der Frankfurter Börse.

Profitieren von der alternden Gesellschaft

Denn Varta braucht Geld, um die Produktion auszubauen. Allein für die Hörgeräte-Batterien soll eine weitere Fertigungslinie aufgebaut werden. Das Marktpotenzial ist aus Scheins Sicht da. „Bei Hörgeräten profitieren wir von der alternden Gesellschaft“, sagt er. „Außerdem hat bisher nicht jeder, der ein Hörgerät braucht, auch eines.“

Neben den Knopfzellen stellt Varta auch noch wiederaufladbare Mikrobatterien her, etwa solche, die in Fernbedienungen eingebaut werden, wobei dies aus Sicht Scheins eine sehr einfache Anwendung ist. Varta arbeitet an anderem, größerem: der Energieversorgung des Internets der Dinge. Viele Experten sehen darin eine neue Revolution in der Wirtschaft: Gebrauchsgegenstände werden über das Internet vernetzt, bekommen Sensoren und Motoren, um sie steuern zu können. Das alles braucht Strom.

Im Reinraum brummen die Wickelmaschinen

Und dann ist da die moderne Telekommunikation: „Das Smartphone generiert jedes Jahr neue Anwendungen, die Geräte steuern“, sagt Schein. „Und diese Geräte brauchen Hochleistungsbatterien.“ Sehr kompakte, sehr kleine, sehr energiedichte Lithium-Ionen-Batterien sind das, in die viel Forschung fließt. In diesen Mikrobatterien und in der selbst entwickelten Produktionstechnik liegt die Zukunft von Varta.

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Für ihre Produktion geht es quer über die Straße in einen anderen Gebäudeteil auf dem Werksgelände. Fotoverbot. Schein öffnet eine Tür. Ein kleiner Raum, Schutzmantel anziehen, Schuhüberzieher. Dann nach nebenan: Hier im Reinraum brummen die Maschinen, große Spulen drehen sich an Wänden hinter Glas, Bänder laufen an einem Punkt zusammen. Am Ende steckt eine kleine Spule in einem Stahlbecher von knapp einem Zentimeter Durchmesser. Und die Maschine wirft Mengen davon aus.

Das Internet der Dinge steht noch am Anfang

Durch eine Schleuse geht es in den Nebenraum, Schutzjacke wechseln. Die Luftfeuchtigkeit liegt unter fünf Prozent. Hier werden die Batterien mit Elektrolyt gefüllt, jener Flüssigkeit, ohne die in der Batterie kein Strom fließen würde. Dann setzt die Maschine die Deckel auf die kleinen silbernen Dosen. Fast fertig. Denn damit die Knopfzelle auch Strom speichert und wieder abgibt, muss sie aktiviert werden: Laden, entladen und wieder laden, was bis zu zehn Stunden dauern kann.

Für Schein stehen das Internet der Dinge und neue Anwendungen noch ganz am Anfang – also viel Zukunftspotenzial. So baut das Unternehmen Batterien für Sensoren im Tennisschläger. „Eine App wertet dann den Schlag des Spielers aus“, sagt Schein. Eine Anwendung kann auch das Babyfon der Zukunft sein: Ein Bändchen am Fuß des Babys misst Feuchtigkeit, Sauerstoffsättigung im Blut und ähnliche Daten, die App berechnet daraus, wann das Kind aufwachen könnte. Die Eltern können dann zum Beispiel einen Alarm 20 Minuten vorher setzen und in Ruhe rechtzeitig zum Aufwachen beim Kind sein.

„Kopfhörer sind das nächste große Ding“

Anders bei Kopfhörern, sogenannten Hearables. „Das ist das nächste große Ding“, sagt Schein. „In Kopfhörer wird mehr integriert als Noise Cancelling und MP3. Man kann im Ohr auch besser Daten erheben wie Pulsfrequenz und Ähnliches“, sagt Schein. „Sie können also einen Fitnesstracker einbauen. Alle neuen Entwicklungen sind gut für uns, weil sie Energie benötigen.“

Vartas Produkte sind gefragt: „Derzeit haben wir etwa 80 Projekte für Hearables weltweit.“ Der US-Technologiekonzern Google etwa hat gerade sein neues Smartphone Pixel 2 vorgestellt. In die Kopfhörer eingebaut ist eine Übersetzungsfunktion.

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Von der Maschine zur Batterie – Varta macht alles selbst

Volle Auftragsbücher bei Varta bleiben auch der Konkurrenz nicht verborgen. Sie könnte, wie in anderen Indus­trien üblich, die Batterien kaufen, zerlegen und dann nachbauen. Offenbar ist es aber doch nicht so einfach, unter anderem auch, weil Varta praktisch alles selbst macht. Sie entwickeln neue Technologien, den Produktionsprozess und auch die Maschinen, die einen Hinweis auf die Technologie geben könnten. So bleibt das Wissen im Unternehmen.

Gefertigt werden die Batterien auch ausschließlich im Werk im baden-württembergischen Ellwangen – hoch automatisiert. „Im Prinzip gehen vorn die Rohstoffe wie Bandstahl und Zinkpulver in die Fabrik rein, am Ende kommen die fertigen Produkte heraus“, sagt Varta-Chef Schein. Verpackt, versteht sich. „Dazwischen machen wir praktisch alles selbst.“ Batteriedeckel und -becher etwa, Dichtungen, Elektrolytflüssigkeit, auch die Trennelemente.

Die Aktie kostet 15 bis 17,50 Euro

Jetzt kommt erst einmal der Börsengang. Die Aktien kosten 15 bis 17,50 Euro und können noch bis 24. Oktober gezeichnet werden. Das Unternehmen ist damit bis zu 668 Millionen Euro wert. Einnehmen will Varta bis zu 233 Millionen Euro, 150 Millionen davon sollen vor allem in die neue Fertigung fließen. Etwa bei Lithium-Ionen-Batterien. „Hier wollen wir die Produktion ungefähr verdreifachen.“

Dass Varta oft vorn dabei war, zeigt ein Blick ins kleine Firmenmuseum. Hier stehen Akkus aus der 130-jährigen Geschichte. Das Unternehmen lieferte Stromspeicher für die Lampen der Bergarbeiter im Ruhrgebiet, beleuchtete Dampfzüge, ermöglichte Funk – und landete sogar auf dem Mond. In der Kamera, mit der Neil Armstrong auf dem Mond fotografierte, steckte eine Hochleistungsbatterie von Varta. Jetzt will Varta die nächste industrielle Revolution mitgestalten.

Wechselvolle Geschichte

Gegründet wurde der Vorläufer von Varta Ende Dezember 1897 in Hagen. Zehn Jahre später zog das Unternehmen nach Berlin um. Der Firmenname ist eine Abkürzung für „Vertrieb, Aufladung, Reparatur transportabler Akkumulatoren“. Anfang der 2000er-Jahre zerlegte die Industriellenfamilie Quandt das Unternehmen. Die Varta-Autobatterien gehören inzwischen zum US-Konzern Johnson Controls, die klassischen Haushaltsbatterien gehören zur US-Firma Spectrum Brands.

Die Varta AG selbst ist Teil der Schweizer Unternehmensgruppe Montana Tech des österreichischen Investors Michael Tojner, die auch nach dem Börsengang die Mehrheit an Varta behalten will. Varta setzte 2016 rund 214 Millionen Euro um und beschäftigt heute rund 2000 Mitarbeiter. Das Unternehmen hat fünf Produktionsstandorte in Deutschland, Rumänien und Asien.