Mode

Anprobe 3.0 – Wie wir in Zukunft unsere Kleider einkaufen

Die krassesten Design-Fails von Modeketten

Panorama Video

Beschreibung anzeigen

Virtuelle 3-D-Abbilder sollen dem Onlinekunden die Auswahl erleichtern. Und im klassischen Laden könnten die Spiegel bald Tipps geben.

Berlin.  Ein Mann Mitte 30 lässt sich von seiner Freundin überzeugen, endlich mal ein paar neue Hosen anzuprobieren. Jetzt steht er in der Kabine und ist unsicher, ob alles richtig sitzt. Die Freundin könnte helfen, ist aber irgendwo im Laden unterwegs und geht nicht ans Handy.

Das heißt für den Kunden: Neue Sachen ausziehen, eigene Kleidung wieder anziehen und im Laden nach anderen Größen fahnden. In der smarten Umkleidekabine der Zukunft hätte der Kunde keinen Stress – dank Funkchips im Kleidungsstück.

Ein Avatar kauft im Netz ein

„Per RFID-Labels können wir erkennen, welche Produkte sich gerade in der Kabine befinden“, sagt Sven Haiges von SAP Hybris. „Mit einem Display im Umkleideraum kann der Kunde sich eine andere Größe direkt in den Umkleideraum ordern.“

Im New Yorker Laden der Designerin Rebecca Minkoff bekommen Kunden gar auf interaktiven Spiegeln Produkte angezeigt, die bei Interesse gebracht werden. Die Digitalisierung erreicht die Umkleidekabine, Anprobe 2.0 also.

Wenn es nach den Entwicklern bei Hewlett Packard Enterprise (HPE) geht, müssten Kunden künftig nicht einmal mehr die Wohnung verlassen. Da würde ein mit identischen Körpermaßen versehener Avatar im Netz einkaufen – der Kunde prüft daheim auf dem Laptop, ob die Hose gut sitzt – Anprobe 3.0.

So mistet man den Kleiderschrank richtig aus
So mistet man den Kleiderschrank richtig aus

Bis zu zehn Prozent Rücksendequote

HPE entwickelte eine Ganzkörper-3-D-Scan-Kabine, die binnen zehn Minuten genaue 3-D-Modelle von Menschen erstellt. Diesen Avatar kann der Kunde dann digital ankleiden. HPE glaubt, dass Onlinehändler mit diesem System Umsatz und Gewinn steigern können. Denn wer sich bereits in neuen Kleidern und Schuhen bewundert hat, schickt weniger der bestellten Waren zurück.

2016 setzten Onlinehändler allein in Deutschland rund 62 Milliarden Euro um. Der Digitalverband Bitkom schätzt die Rücksendequote auf bis zu zehn Prozent, was einen dreistelligen Millionenverlust für den Onlinehandel bedeutete. Zwar kann ein zurückgesandtes Produkt noch einen anderen Käufer finden, aber die Bearbeitung solcher Artikel kostet Zeit und Geld.

Die Kosten könnten in Zukunft durch virtuelle Umkleidekabinen und andere Innovationen wenigstens zum Teil reduziert werden – wenn der Verbraucher die Technik annimmt. Noch geht es den Kunden eher um Geld.

http://So_gewagt_war_Vanessa_Mais_Hochzeitskleid{esc#210919653}[video]

Kostenlose Retouren halten den Kunden

Einer Umfrage des Instituts für Handelsforschung in Köln zufolge würden 56,1 Prozent der Kunden nach Erhalt einer Bestellung in der Kategorie „Bekleidung und Schuhe“ am ehesten auf eine Rücksendung verzichten, wenn sie ein Rabatt auf den Kaufpreis bekommen.

55,5 Prozent finden es abschreckend, wenn sie Gebühren und Versandkosten selbst tragen müssten. Deshalb schafft etwa Zalando die kostenlose Retoure nicht ab – sie hilft, den Kunden zu halten.

Große Auswahl, günstige Preise, schnelle Lieferung

Die Einstellung der Verbraucher ist das eine, die Technik das andere. Auch sie bereitet oft noch Probleme. Zalando, Otto und H&M etwa hadern mit dreidimensionalen Bildern, mit denen sich Kunden die Kleidung am heimischen Bildschirm anschauen können.

Zudem sind die Kunden mit der neuen Technologie noch nicht vertraut. Umfragen zufolge haben das Preis-Leistungs-Verhältnis und die Bequemlichkeit beim Einkauf für die Kunden Priorität.

„Bei aller Dynamik im Onlinehandel sind wir überzeugt, dass sich bestimmte Dinge nie ändern: Der Kunde wird sich immer eine große Auswahl, günstige Preise sowie eine schnelle Lieferung wünschen“, sagt Ralf Kleber, Deutschlandchef von Amazon.

Hebel, um Kooperationspartner zu bevorzugen

Der weltweit größte Onlinehändler klopft Kleber zufolge alle neuen technischen Entwicklungen daraufhin ab, ob sie diese Wünsche der Kunden erfüllen. Im Zentrum der Bemühungen stehen derzeit die Audiogeräte Echo und Dot, die auf Zuruf Bestellungen ausführen, sofern die Kauffunktion in der zugehörigen Alexa App freigeschaltet ist.

Mit dieser Funktion besitzt Amazon einen Hebel, um Kooperationspartner zu bevorzugen. Wer etwa „Waschmittel“ ordert, dem preist Alexa bekannte – und teure – Marken an.

Nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren auch die Dash Buttons mit denen Kunden bevorzugte Produkte per Knopfdruck nachbestellen können. Waschmittel zum Beispiel. Auch an seinem Lieferservice bastelt das Unternehmen.

Seit einigen Monaten können Prime-Now-Kunden via Amazon direkt aus den Läden lokaler Händler innerhalb eines wählbaren Zwei-Stunden-Fensters bestellen – allerdings ohne Anprobe.

Zalando, Hipster und das Facebook-Prinzip

Seinem Ziel, das „Spotify der Modebranche“ (nach dem größten Musikstreamingdienst der Welt) zu werden, will Onlinehändler Zalando mit Apps näherkommen, die zunächst keine direkte Verbindung zu Zalando erkennen lassen.

Zu den Projekten zählt die App Fleek, die um junge Kunden buhlt. Die sollen modisch gekleideten Hipstern nach dem Facebook-Prinzip „folgen“ und sich von deren Stil inspirieren lassen – und Kleidung online kaufen.

Noch immer hat ein beträchtlicher Teil der Kundschaft etwas dagegen. Nach einer Untersuchung des Technikanbieters Coremedia weigert sich jeder zehnte Deutsche, im Internet Kleidung zu bestellen.

Der Showroom – Verkaufsraum der Zukunft

„Der große Vorteil des Verkaufsraums liegt doch darin, die Haptik zu spüren“, sagt Carsten Thoma von SAP Hybris. „Kunden möchten bestimmte Produkte ausprobieren oder erleben.“ Der stationäre Handel sei aber oft überfordert.

Etwa, wenn der Kunde eine Jacke in zwei verschiedenen Farben testen möchte, sie aber nur in einer Farbe vorrätig ist. Thoma zufolge ist der Verkaufsraum der Zukunft eher ein Showroom. „Die Autohändler machen es vor“, sagt Thoma. „Neue Modelle können in der Vollausstattung begutachtet werden, die individuelle Konfiguration erfolgt im Web.“

Kunden hätten sich daran gewöhnt, sich beim Einkaufen auf digitale Unterstützung zu verlassen, sagt Thoma. Böten Händler im Laden nicht Interaktionsmöglichkeiten an, verlören sie Kunden an Onlineanbieter.

Käufer durch Erlebnisse lange binden

Eine Chance für den stationären Handel liegt für Thoma im Erlebniseinkauf. Als Vorbild gelten Shoppingmalls von Dubai, in denen Familien sich zwischen den Einkäufen in der Skihalle oder am Strand entspannen können.

„Am Ende ist es ein Wettbewerb um Zeit“, sagt Thoma. Es gehe darum, Käufer durch Erlebnisse möglichst lange zu binden und ihnen ausreichend Gründe zu liefern, immer wieder zurückzukommen. Das gilt übrigens online wie offline.