Hamburg

Der Angriff der Exoten

Hamburg. Die beiden Typen sind schon ziemlich schräg. Der eine kommt in kurzen Hosen zum Gespräch mit dieser Zeitung – okay, es ist ein heißer Sommertag. Er hat etwas mitgebracht, was einer kurzen Röhre ähnelt. Über dieses Ding wird noch zu sprechen sein. Der andere trägt T-Shirt, jede Menge Ringe an den Fingern und Tattoos auf der Haut. Der kurz behoste Florian Fritsche ist Head of Sports von Amazon, der tätowierte Michael Bracher firmiert als Head of Programming von Dazn.

Amazon und Dazn sind die Exoten unter den neuen Inhabern der Übertragungsrechte der Fußball-Bundesliga. Amazon gilt als Online-Kaufhaus, überträgt nun aber auch deutschen Spitzenfußball im Web-Radio. Das Projekt wird in der Konzernzentrale in Seattle aufmerksam beobachtet. Die Entscheidung, die insgesamt 680 Spiele der Bundesliga, der Zweiten Liga, der Relegation, des DFB-Pokals und des Super Cups live zu übertragen, fiel hier. Schließlich ist das deutsche Fußball-Web-Radio von Amazon das weltweit erste Live-Stream-Angebot des Unternehmens.

Eine ähnliche Pionierfunktion hat Dazn, das sich „Da-sohn“ ausspricht, für die britische Perform Group, die einst Wettbüros Bilder und Daten von allen möglichen Sportereignissen lieferte. Sie gehört zum Imperium des britisch-amerikanisch-russischen Geschäftsmanns Len Blavatnik, der über ein Vermögen von 19,6 Milliarden Dollar verfügt.

Bei Dazn gibt es schon mal Musik zum Spielbericht

Dazn ist ein Slangausdruck für „The Zone“, also für die Zone auf dem Spielfeld, in der es gefährlich wird, in der Tore fallen können. Den auf Sport spezialisierten Streaming-Dienst gibt es seit 2016. Seit dieser Saison zeigt er sonnabends ab 18 Uhr – also eine Dreiviertelstunde vor der „Sportschau“ – Zusammenfassungen von den Spielen der Fußball-Bundesliga für 9,99 Euro im Monat.

„Unsere Zusammenfassungen sind entertainiger als die der Wettbewerber, ohne boulevardesk zu sein“, sagt Bracher. Das heißt, in den sechsminütigen Spielausschnitten gibt es schon mal Musik. Daten zur Begegnung huschen über den Bildschirm. Einen Moderator im Studio gibt es nicht. Der Zuschauer entscheidet durch Anklicken selbst, wann er welches Spiel sieht.

Dazn ist das ehrgeizigste Projekt der Perform Group. In Japan und Kanada wurden Ableger gegründet. Dabei steckt das deutsche Original noch in der Aufbauphase. Dessen Managing Director Rights Kay Dammholz, der mit hellblauem Oberhemd und Jackett im Gegensatz zu seinem Kollegen Bracher eher so aussieht, wie man sich die Führungskraft eines Medienunternehmens vorstellt, spricht von einem dreistufigen Prozess: „Mit der Übertragung internationaler Ligen waren wir etwas für Spezialisten“, sagt er. „Mit der Bundesliga werden wir mainstreamiger. Und mit der Champions League sind wir dann da, wo wir hinwollen.“ Dazn wird ab 2018 Spiele der europäischen Königsklasse live zeigen. Das macht in Deutschland sonst nur Sky. Ab 2020 soll Dazn schwarze Zahlen schreiben.

Amazon hat andere Ziele. Das röhrenförmige Ding, das Sportchef Fritsche mitgebracht hat, entpuppt sich als „Echo“, Amazons Audiogerät. Ein sprachgesteuertes Wunderding, mit dem man auf Zuruf elektronische Geräte bedienen, Musik hören und nun auch Bundesliga-Übertragungen verfolgen kann. Echos Sprachprogramm Alexa ist zudem ein Fußballexperte. Eine sanfte Frauenstimme sagt dem Nutzer, ebenfalls auf Zuruf, wie sein Club gespielt hat. Bei Amazon ist man übrigens nicht unglücklich darüber, dass der TSV 1860 München, von seinen Fans auch „Löwen“ genannt, sich vorerst aus dem Profifußball verabschiedet hat. „1860 ist eine Jahreszahl“, sagt Fritsche, „und Löwen sind Tiere. Beides hätte Alexa ein wenig verwirren können.“

Kein Zweifel: Amazon will mit seinen Bundesliga-Übertragungen die Verbreitung von Echo und Alexa voranbringen. Und den Lieferdienst Prime. Dessen Kunden bekommen für eine Gebühr von jährlich 69 Euro ihre Waren schneller ins Haus geliefert als andere. Sie dürfen Filme und Serien des Streaming-Dienstes Amazon Video ebenso kostenfrei nutzen wie Songs der Online-Plattform Amazon Music. Und nun kommen auch noch die Bundesliga-Übertragungen hinzu. Nur die DFB-Pokalspiele kosten extra.

Fritsche verspricht zwei Moderatoren pro Spiel – einen für die Live-Übertragung und einen für die Konferenzschaltung. Es wird eine 15-minütige Vor- und eine ebenso lange Nachberichterstattung geben. In der Halbzeit werden Analysen angeboten. Ex-Profi Maik Franz wurde als Experte gewonnen. Das Ganze ist – wie auch bei Dazn – komplett werbefrei. Und nach dem Abpfiff sind Höhepunkte des Spieltags verfügbar. Amazon will offenbar die gute alte Bundesliga-Konferenz der ARD-Radios ganz frontal angreifen. Ein Ziel, was die Zahl der Abrufe angeht, mag Fritsche nicht nennen. „Wir sind erfolgreich, wenn wir das Nutzererlebnis verbessern“, sagt er.

Am Mittwoch gab Amazon dann noch bekannt, dass seine Prime-Kunden für monatlich 4,99 Euro Live-Bilder von 40 Bundesliga-Spielen bekommen. Die produziert aber nicht Amazon, sondern Eurosport. Fritsche hat damit nichts zu tun. Er arbeitet für Amazon Music. Das TV-Angebot kommt von Amazon Video. Ob der Konzern irgendwann selbst TV-Rechte an der Bundesliga erwerben wird, steht in den Sternen.