Fluggesellschaft

Air Berlin: Zweitgrößte deutsche Airline meldet Insolvenz an

Bund sichert Air-Berlin-Flugbetrieb mit Kredit

Die Bundesregierung sichert den Flugbetrieb von Air Berlin in der Urlaubszeit mit einem Übergangskredit von 150 Millionen Euro.

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Air Berlin ist offenbar nicht mehr vollständig zahlungsfähig und hat deshalb Insolvenz angemeldet. Wie es jetzt weitergeht.

Berlin.  Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hat am Dienstag für die Fluggesellschaft Air Berlin die Insolvenz in Eigenverwaltung angeordnet. Zum vorläufigen Sachwalter sei der Rechtsanwalt Lucas Flöther bestimmt worden, teilte das Gericht mit. Der Flugbetrieb werde fortgeführt, so Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft.

Nachdem Hauptaktionär Etihad erklärt habe, keine weitere finanzielle Unterstützung zur Verfügung zu stellen, sei man „zu dem Ergebnis gekommen, dass für die Air Berlin PLC keine positive Fortbestehensprognose mehr besteht“, teilte die Fluggesellschaft am Dienstag mit.

Air Berlin und Lufthansa verhandeln über Übernahme

Der Flugbetrieb solle mit Hilfe eines Überbrückungskredits der Bundesregierung weitergehen, erklärte Air Berlin. Dazu erklärt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt: „Durch das Luftfahrtbundesamt sichergestellt, dass die Betriebsgenehmigung weiter gültig ist.“ Der Kredit ist mit einer Bundesbürgschaft abgesichert. Verhandlungen unter anderem mit dem Konkurrenten Lufthansa über einen Verkauf von Betriebsteilen liefen bereits, erklärte Air Berlin.

Passagiere entdecken Loch in Flugzeugwand
Passagiere entdecken Loch in Flugzeugwand

Die Fluggesellschaft will sich in Eigenverwaltung, also ohne einen Insolvenzverwalter sanieren. Der Jurist Lucas Flöther übernimmt nach eigenen Angaben als vorläufiger Sachwalter. Der erfahrene Insolvenzverwalter aus Halle werde ab sofort die Interesse der Gläubiger vertreten, sagte sein Sprecher. Flöther wurde am Dienstag vom Amtsgericht Berlin-Charlottenburg bestellt. Lufthansa bestätigte, dass sich die Fluglinie mit Air Berlin bereits in Verhandlungen über den Erwerb von Teilen des Unternehmens befinde und sich damit auch die Möglichkeit zur Einstellung von Personal biete. Die Lufthansa engagiert sich laut eigener Meldung für den Weiterbetrieb von Air Berlin. Lufthansa hat alleine deshalb schon ein Interesse daran, weil die Fluglinie Maschinen von Air Berlin geleast hat, die für Eurowings und Austrian Airlines eingesetzt werden.

SdK rechnet mit Verschwinden der Marke Air Berlin

Der Name „Air Berlin“ ist nach Ansicht der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) bald Geschichte. „Ich rechne damit, dass der Name bald nicht nur vom Kurszettel, sondern auch vom Himmel verschwinden wird“, sagte Michael Kunert von der SdK unserer Redaktion.

Lufthansa habe kein Interesse, eine weitere Marke unter dem Konzerndach fliegen zu lassen. Und verkaufen lasse sich der Name nur schwer, weil er inzwischen schwer belastet sei. Nach den Problemen mit dem Bodenpersonal in diesem Jahr sei das gute Image des Namens verschwunden.

Warum der Bund den Überbrückungskredit gibt

In einer Stellungnahme in Berlin erklärte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries zu einer Übernahme von Air Berlin durch Lufthansa: „Die Verhandlungen können in den nächsten Monaten finalisiert werden.“ Der Bund habe den Kredit deshalb gegeben, weil in der Ferienzeit viele Kunden nicht einfach auf andere Anbieter ausweichen könnten.

Bei einer vollkommenen Insolvenz hätten alle Air-Berlin-Flieger am Boden bleiben müssen. „Wir geben einen Übergangskredit von 150 Millionen Euro und gewährleisten, dass der Flugbetrieb weitergehen kann“, sagte Zypries. Das Geld solle für die kommenden drei Monate reichen. Der Kredit könne laut Zypries zum Beispiel dann zurückgezahlt werden, wenn Air Berlin seine Start- und Landerechte (Slots) vermarkte.

Unterstützung durch Politik und Wirtschaft

Laut Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt hatte die Bundesregierung Freitagnacht von der angespannten Situation erfahren. Auch der Berliner Senat befasst sich mit der Airline. Vor allem ginge es um bedrohte Arbeitsplätze. „Wir müssen als Senat rasch zu einer Verständigung darüber kommen, wie wir die betroffenen Kolleginnen und Kollegen unterstützen können“, sagte Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke). Der Senat werde dazu auch das Gespräch mit der Unternehmensführung sowie den Gewerkschaften suchen.

Der Airport Düsseldorf will die insolvente Fluggesellschaft Air Berlin bei ihren Restrukturierungsbemühungen ebenfalls unterstützen. „Gemeinsam mit der Air Berlin konzentrieren wir uns weiterhin darauf, das Fluggeschäft an unserem Standort auch in Zukunft erfolgreich zu gestalten“, sagte der Sprecher der Geschäftsführung des Düsseldorfer Airports, Thomas Schnalke, am Dienstag. Air Berlin ist eine der wichtigsten Fluglinien für den Standort Düsseldorf.

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Auch Tuifly begleitet den Umbau bei Air Berlin. „Wir sind involviert in die aktuellen Planungen und begleiten sie konstruktiv“, sagte ein Tui-Sprecher am Dienstag. Tuifly hat 14 Boeing-Jets samt Personal an die Air-Berlin-Tochter Niki vermietet. Umgekehrt schickt der Tui-Konzern einen Teil seiner Kunden in Flugzeugen des Air-Berlin-Konzerns auf Reisen.

Krise besteht schon länger

Die Krise bei Air Berlin hatte zuletzt zunehmend die Kunden der Fluggesellschaft verschreckt. Auch mehrere Prominente hatten ihren Unmut über Verspätungen und Ausfälle geäußert – darunter zum Beispiel Showmaster Frank Elstner. Die Zahl der Fluggäste sank im Urlaubsmonat Juli im Vergleich zum Vorjahreswert um 24 Prozent auf 2,44 Millionen. Von Januar bis Juli waren es insgesamt 13,79 Millionen Passagiere, wie die Fluggesellschaft am Donnerstag mitteilte. Das entspricht einem Rückgang um 16 Prozent.

Die zurückgehenden Zahlen sind zum Teil dadurch zu erklären, dass Air Berlin seine Flotte und das Streckennetz deutlich verkleinert hat. So verringerten sich die angebotenen Sitzplatzkilometer in den ersten sieben Monaten um 10 Prozent auf 27,9 Millionen. Für diese Kennzahl wird die Zahl der verfügbaren Plätze mit den geflogenen Kilometern multipliziert. Aber auch die Auslastung der Flüge ist gesunken - im Siebenmonatsvergleich von 83,6 Prozent auf 82,4 Prozent.

Air Berlin fliegt seit Jahren Defizite ein, 2016 lag der Verlust bei 780 Millionen Euro. Die Lage verschärfte sich Ende März mit der Umstellung auf den Sommerflugplan. Flugausfälle und Verspätungen häuften sich danach. Am Freitag kommender Woche (18.8.) will Air Berlin seine Geschäftszahlen für das erste Halbjahr vorlegen.

Gewerkschaft: Für die Mitarbeiter ein Schock

Die Gewerkschaft Verdi will in der Insolvenz der Fluggesellschaft Air Berlin möglichst viele Arbeitsplätze retten. Im Insolvenzverfahren in Eigenregie müsse innerhalb von drei Monaten eine Lösung gefunden werden, sagte das Bundesvorstandsmitglied Chritine Behle in Berlin. Die Flugbegleiter-Gewerkschaft Ufo hat sich gegen eine Zerschlagung der Air Berlin ausgesprochen. Alle Bereiche inklusive des Bodenpersonals und der Technik müssten gesichert werden, verlangte Tarifvorstand Nicoley Baublies am Dienstag.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) teilte mit, die Nachricht sei „für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Air Berlin, die seit Bestehen der Airline eine hervorragende Arbeit leisten, ein Schock“. Etihad lasse Air Berlin „fallen wie eine heiße Kartoffel, obwohl neue Investoren Interesse signalisiert haben“, kritisierte VC. „Hier zeigen die Investoren vom Golf ihr wahres Gesicht.“

Etihad selbst teilte mit: „Diese Entwicklung ist äußerst enttäuschend für alle Beteiligten, vor allem da Etihad in den vergangenen sechs Jahren weitreichende finanzielle Unterstützung für Air Berlin während früherer Liquiditätskrisen und für deren Sanierungsbemühungen gewährt hat.“ Erst im April habe Etihad weitere 250 Millionen Euro zugeschossen. (dpa/rtr/ac)