Hamburg

Ist mein Diesel-Auto bald nichts mehr wert?

Abgasskandal, Fahrverbote, Preiseinbrüche – Hamburger Kunden und Händler sind verunsichert. Was man jetzt unbedingt wissen muss

Hamburg.  Nathalie Roth*) ist sauer – richtig sauer. Die Hamburgerin möchte ihren BMW X3, Baujahr 2009, verkaufen. Doch seriöse Händler in der Hansestadt wollen ihr kaum Geld dafür geben. Denn der Wagen hat einen Dieselmotor und wäre damit von Fahrverboten in Innenstädten betroffen. Darum ist Roth mit ihrem X3 zu einem BMW-Autohaus im niedersächsischen Umland gefahren. Da seien die Verkaufschancen höher – das dachte sie zumindest.

Doch was sie dort zu hören bekam, machte sie fassungslos: „Diesel-Fahrzeuge nehmen wir nicht zurück. Wir ruinieren uns doch nicht unseren Ruf“, hieß es. Nathalie Roths Empörung richtet sich jetzt vor allem gegen die Politiker: „Jahrelang haben sie uns nahegelegt, ein Diesel-Auto zu kaufen, möglichst natürlich von einem deutschen Hersteller. Genau das haben wir getan – und jetzt werden wir quasi enteignet.“ Hamburger Händler räumen ein, dass die Verunsicherung der Kunden derzeit das Geschäft schädigt. So betrage der Anteil der – im Schnitt gegenüber Benzinern teureren – Diesel-Fahrzeuge nur noch gut 40 Prozent, sagte Bernd Glathe, Geschäftsführer von Auto Wichert. „Noch vor gar nicht so langer Zeit waren es rund 50 Prozent.“ Vor allem Privatkunden kauften kaum noch Diesel-Pkw.

„Es müssen technische Lösungen gefunden werden, mit denen auch etwas ältere Diesel-Autos die Schadstoffgrenzwerte einhalten“, sagt Michael Babick, Geschäftsführer der Krüll-Gruppe. „Denn man kann ja die Verbraucher nicht enteignen. Und ein Fahrverbot wäre so etwas wie eine Enteignung.“

Nach Auffassung von Kurt Kröger, Geschäftsführender Gesellschafter der Dello-Gruppe, wird die Diskussion um den Diesel bisher jedoch „sehr populistisch“ geführt: „In Hamburg zum Beispiel wird die Stickoxidbelastung nicht primär durch den Straßenverkehr, sondern durch Schiffe verursacht. Ich habe aber noch nicht gehört, dass der Bürgermeister davon gesprochen hätte, die Elbe oder den Hafen zu sperren.“

Das Abendblatt beantwortet hier die wichtigsten Fragen zum Diesel:

*) Name geändert

Ist ein Diesel-Auto schädlicher für die Umwelt als ein Benziner?

Experten weisen darauf hin, dass Dieselmotoren prinzipbedingt sparsamer mit dem Kraftstoff umgehen als Benzinmotoren. In der Wissenschaft spricht man davon, dass Diesel-Autos etwa 15 Prozent weniger klimaschädliches CO2 ausstoßen als Benziner. Lange Zeit stand dies beim Vergleich der Umweltauswirkungen beider Antriebsarten im Vordergrund. Doch seit einiger Zeit ändert sich die Sichtweise. So stellte das Umweltbundesamt im Mai 2016 fest: „Bezüglich der Umweltverträglichkeit ist der benzinbetriebene Pkw heute eindeutig im Vorteil, auch wenn er in der CO2-Bilanz etwas schlechter abschneidet.“ Nach Angaben des Umweltbundesamts werden 67 Prozent des Stickstoffdioxids (NO2) über deutschen Straßen von Diesel-Pkw ausgestoßen, „übrige Pkw“ verursachen demnach nur vier Prozent des schädlichen Gases.

Wie viele Autos sind in Hamburg
von Fahrverboten bedroht?

Gemäß den Plänen des Senats ist für einen Abschnitt von rund 600 Metern Länge der Max-Brauer-Allee ein Durchfahrtsverbot vorgesehen, das für alle Diesel-Fahrzeuge gilt, die nicht der „Euro 6“-Norm entsprechen. Anliegerverkehr ist davon ausgenommen. Für die Stresemannstraße soll eine Beschränkung auf etwa 1700 Metern für Lkw gelten.

Wie aus der Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage von CDU-Abgeordneten aus dem Mai hervorgeht, waren im April in Hamburg insgesamt 335.943 Diesel-Fahrzeuge zugelassen, von denen 238.564 nicht die Norm „Euro 6“ erfüllen. Dies entspricht knapp 29 Prozent aller in Hamburg zugelassenen Pkw, Lkw und Busse.

Nach Angaben eines Behördensprechers könnten bei Verstößen gegen die „Durchfahrtsbeschränkungen“ durch Pkw-Fahrer Bußgelder von 20 bis 25 Euro fällig werden.

Wären auch Autos mit Benzinmotor von Fahrverboten betroffen?

In Hamburg nach derzeitiger Beschlusslage nicht. Fahrverbote sind aber außer in Hamburg unter anderem auch in Stuttgart, München, Düsseldorf, Köln und Essen geplant oder im Gespräch. Vereinzelt gibt es Forderungen, auch Autos mit Benzinmotor, die nicht wenigstens nach der Norm „Euro 3“ eingestuft sind, mit Fahrverboten zu belegen. Damit wären bundesweit rund 13 Millionen Autos betroffen – das wären mehr als ein Viertel aller Pkw.

Können die Fahrverbote
noch abgewendet werden?

Hierfür gibt es juristische und technische Ansätze. So entscheidet das Bundesverwaltungsgericht voraussichtlich im Herbst, ob Kommunen Fahrverbote für Diesel-Autos überhaupt verhängen dürfen oder ob nur der Bund so etwas beschließen kann. Am Mittwoch will Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) gemeinsam mit der Autoindustrie im Rahmen eines „Diesel-Gipfels“ Wege finden, um einen geringeren Schadstoffausstoß zu erreichen.

Nach den Vorstellungen der Hersteller könnte jeder zweite Diesel-Pkw der Emissionsklasse „Euro 5“ mit einer neuen Motorsoftware nachgerüstet werden. Das senke bei diesen Autos den Stickoxidausstoß um 50 Prozent. Damit sinke die Schadstoffbelastung so stark, dass die Städte auf Fahrverbote verzichten könnten. Unklar ist noch, wer die Werkstattkosten von rund 300 Euro je Pkw tragen soll. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hält die Softwareumstellung jedoch für nicht wirksam genug. „Das wird die Luft in den Städten nicht verbessern“, ist der Leiter des CAR-Instituts der Universität Duisburg-Essen überzeugt. Wirksam wäre nach Auffassung von Dudenhöffer der Einbau einer Abgasreinigung mittels Harnstoffeinspritzung, Eine solche Lösung, die bis zu 2000 Euro koste, sei den Herstellern aber wohl zu teuer.

Welche Bedeutung haben Diesel-Pkw

im Hamburger Markt?

Zwar sind in der Hansestadt die Neuzulassungen von Diesel-Autos im Juni um 28 Prozent eingebrochen. In absoluten Zahlen allerdings wurden immer noch etwas mehr Diesel-Fahrzeuge (5517) als Benziner (5129) verkauft. Im Zeitraum von Januar bis Juni war der Unterschied zugunsten des Diesels aber noch ausgeprägter (38.820 gegenüber 35.161).

„Bei gewerblich genutzten Fahrzeugen gibt es praktisch gar keine Alternative zum Diesel“, sagt Michael Babick, Geschäftsführer der Krüll-Gruppe, die unter anderem Autos von Ford und Volvo im Programm hat. „Wer 60.000 oder 80.000 Kilometer pro Jahr fährt, muss kein Rechenkünstler sein, um darauf zu kommen, dass die Unterhaltskosten eines Benziners sehr viel höher sind.“

Verfällt jetzt der Wert
von gebrauchten Diesel-Pkw?

„Diesel-Gebrauchtwagen stapeln sich bei den Händlern schon“, sagt Branchenexperte Dudenhöffer. Tatsächlich haben sich die sogenannten Standzeiten, also die Verweildauer eines Gebrauchten in einem Autohaus, bei Fahrzeugen mit Dieselmotor spürbar erhöht. Während sie noch im Juli 2016 praktisch gleichauf mit denen der Pkws mit Otto-Motor lagen (81 gegenüber 80 Tage), dauerte es im Juni 2017 im Schnitt schon 95 Tage, bis sich für das Diesel-Fahrzeug ein Käufer fand. Für Benziner genügten 79 Tage, wie die Marktforscher der DAT ermittelten.

Das problematische Image des Dieselantriebs macht sich auch im Wertverlust bemerkbar: Anfang 2016 lag der Marktwert eines drei Jahre alten Diesel-Autos bei 55,5 Prozent des Listenneupreises – das entsprach exakt der von den DAT-Experten ermittelten Zahl für Autos mit Otto-Motor. Im Juni 2017 bekam man für einen drei Jahre alten Diesel-Pkw aber nur noch 54,9 Prozent des Neupreises; der Benziner wurde nun sogar mit 56,2 Prozent bewertet.

Es könne aber keine Rede davon sein, dass Pkw mit Dieselmotor unverkäuflich würden, sagt Babick: „Wir suchen auch weiter Dieselfahrzeuge zur Inzahlungnahme und haben keine Angst davor, sie nicht zu akzeptablen Konditionen wieder verkaufen zu können.“

Was können Hamburger
Diesel-Fahrer jetzt noch tun?

„Wenn sie schlau waren, haben sie ihr Auto schon verkauft“, sagt Dudenhöffer, „denn nach dem Stuttgarter Urteil zu den Fahrverboten werden die Restwerte noch weiter sinken.“ Das dortige Verwaltungsgericht hatte am Freitag den Weg für solche Verbote in der baden-württembergischen Landeshauptstadt freigemacht. Allenfalls könne man versuchen, den Diesel-Pkw bei einem Autohaus auf dem Land zu verkaufen – weitab von drohenden Beschränkungen, so Dudenhöffer. Dabei warnt der Experte alle Besitzer von Diesel-Autos der Emissionsklasse „Euro 6“ davor, sich entspannt zurückzulehnen: „Umweltorganisationen werden mit Sicherheit versuchen, Fahrverbote auch für diese Fahrzeuge durchzusetzen.“ Schließlich zeigten neue Daten des Umweltbundesamts, dass auch neue „Euro 6“-Diesel auf der Straße im Schnitt sechsmal so viel Stickoxide ausstoßen wie erlaubt.

Haben Besitzer eines Diesel-Pkw eine Chance auf Entschädigung?

Abgesehen von Ansprüchen auf Nachbesserung oder im Einzelfall gar Schadenersatz bei Autos, die mit sogenannter „Schummelsoftware“ ausgeliefert wurden, haben Verbraucher aus Sicht von Dudenhöffer kaum Chancen auf eine Entschädigung etwa wegen eines Wertverlusts durch die Diskussion über Fahrverbote. „Die Hersteller haben ihre Autos so auf den Markt gebracht, wie sie dem Gesetz entsprachen“, sagt der Experte. Die behördlichen Bestimmungen hätten es zugelassen, dass die Emissionen im realen Fahrbetrieb über den Grenzwerten liegen.

Werden Diesel-Autos in den nächsten Jahren vom Markt verschwinden?

„Klar ist, dass Diesel-Fahrzeuge aus dem Straßenverkehr auch in den nächsten Jahren nicht wegzudenken sind“, sagt Kurt Kröger. Aber der japanische Toyota-Konzern hat entschieden, für den Kleinwagen Yaris künftig keinen Dieselmotor mehr anzubieten. Steigende Kosten für die Abgasreinigung machen diese Antriebsart offenbar im Segment der günstigen Autos weniger attraktiv. Ganz vom Markt verschwinden dürften Diesel-Autos aber schon deshalb nicht so bald, weil die Hersteller sie benötigen, um die EU-Vorschriften zum durchschnittlichen „Flottenverbrauch“ einhalten zu können.

Sind die Elektro-Autos die Lösung der Schadstoff-Probleme?

Manche europäischen Länder wollen auf längere Sicht nicht nur den Diesel von den Straßen verbannen, sondern Verbrennungsmotoren generell. Aktuell sehe er im Hinblick auf den Elektroantrieb aber noch große Fragezeichen, so Kröger: „Wo gibt es denn marktkonforme Elektroautos? Und wo gibt es die richtige Infrastruktur dafür? Was wird mit der Batterieentsorgung?“ Zudem sei nach seiner Kenntnis die CO2-Bilanz nicht besser als die von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor, so Kröger.