Netzwerke

StudiVZ meldet sich mit hochtrabenden Plänen zurück

Tief im Archiv fand sich ein Bild. Die Anmeldeseite von StudiVZ sieht aber gegenüber 2011 fast unverändert aus. Und der neue Besitzer hofft ernsthaft, sie könnte künftig wieder häufiger genutzt werden.

Tief im Archiv fand sich ein Bild. Die Anmeldeseite von StudiVZ sieht aber gegenüber 2011 fast unverändert aus. Und der neue Besitzer hofft ernsthaft, sie könnte künftig wieder häufiger genutzt werden.

Foto: imago stock&people

Die fast vergessenen Netzwerke StudiVZ und MeinVZ senden neue Lebenszeichen. Freundschaftsanfragen aus der Vergangenheit kommen dazu.

Berlin.  Plötzlich hagelte es Freundschaftsanfragen vom Social-Media-Friedhof: Mails von StudiVZ und MeinVZ haben in den vergangenen Wochen viele Menschen daran erinnert, dass sie in dem einst erfolgreichen Netzwerk mal rege unterwegs waren. Die Folgen einer mutmaßlichen Phishing-Attacke sind nicht die besten Bedingungen für den Neustart unter einem neuen Besitzer mit hochtrabenden Plänen.

Für die, die StudiVZ lange hinter sich gelassen haben, war es zum Schmunzeln, als sie plötzlich von VZ Nachricht über Freundschaftsanfragen erhielten: Auf Twitter und Facebook wunderten und amüsierten sich Dutzende: Das gibt es noch? Das gibt es noch! Der Fall ist aber für verbliebene Nutzer, für Besitzer vergessener Profile und vor allem für das Netzwerk nicht lustig.

Captcha-Pflicht stoppte Welle

Das Problem ist offenbar nicht komplett behoben, der Versuch geht weiter, mit jahrelang inaktiven Accounts andere Nutzer zu kontaktieren. Die wenigen, die StudiVZ noch nutzen, beklagen sich, dass sie nun ständig eine zusätzliche Sicherheitseingabe leisten müssen. Andere begrüßen, dass die Betreiberfirma Poolworks Germany Ltd etwas getan hat. Es war offenbar die Notbremse.

„Es wurden außergewöhnlich viele Freundschaftsanfragen von vormals inaktiven Profilen geschickt“, erklärt Poolworks-Chefin Agneta Binninger unserer Redaktion. Es habe sich größtenteils um Zugriffe aus dem Ausland gehandelt, deren IP-Adressen in Folge geblockt worden sein. Als letzte Maßnahme wurde die zusätzliche Eingabe des Captcha aktiviert. Mit dem Erfolg, das die offenbar computergenerierte Welle an Freundschaftsanfragen endete – und Nutzer über den Mehraufwand stöhnen.

Accountdaten über Phishing abgegriffen?

Die Anfragen kamen offenbar von echten Accounts, die jedoch seit Jahren nicht mehr genutzt wurden. Sind sie gehackt worden? Binninger sagt, man habe keine Sicherheitslücke bei MeinVZ oder StudiVZ finden können. Sie glaubt, die Nutzer haben die Zugangsdaten selbst irgendwann preisgegeben: „Vermutlich wurden Accountdaten in der Vergangenheit durch eine Phishing-Seite akquiriert, die mit fast identischem Seitenlayout, die Nutzer dazu aufgefordert hat, die Daten einzugeben.“ Eine solche Seite sei im vergangenen Jahr nach einer Beschwerde von Poolworks offline genommen worden.

Für betroffene Nutzer kann das Phishing unangenehme Folgen haben, wenn sie etwa die gleichen Zugangsdaten auch bei anderen Profilen nutzen. Unsere Redaktion hat versucht, Nutzer hinter StudiVZ-Freundschaftsanfragen über ihre Facebook-Profile zu kontaktieren, aber noch keine Rückmeldungen erhalten. Poolworks nennt keinen Grund, welchen Zweck die massenhaften Freundschaftsanfragen gehabt haben könnten. „Aber wir waren es nicht.“ Auch zur Zahl betroffener Accounts macht Poolworks keine Angaben.

Betreiberfirma kündigt „viele positive Nachrichten“ an

Das Anbaggern mit Spam-Freundschaftsanfragen ist nicht die Art, wie das Netzwerk alte Nutzer reaktivieren will. Eine andere Art der Reaktivierung haben in Texas die neuen Besitzer als kühnen Plan ausgegeben. StudiVZ und MeinVZ sollen mit Spielen und Streamingangeboten wieder attraktiv werden, erklärt die Momentous Entertainment Group (MMEG).

Poolworks-Chefin Binninger wird nicht so konkret: „Wir werden innerhalb des Jahres viele positive Nachrichten an die Nutzer versenden sowie neue Produkte ankündigen.“ Diese seien schon in der Entwicklung. Der Käufer will mit einer Renaissance der Plattformen selbst groß werden und regulär an der Börse gehandelt werden. Dort ist viel Fantasie gefragt, im konkreten Fall besonders viel.

Zehn Millionen registrierte Nutzer habe man in den VZ-Netzwerken, erklärte die MMEG-Firmenführung in einer Audiokonferenz (Transkript) den Aktionären. Man strebe aber wieder die Zahl ruhmreicher Tage an. Es waren einmal 16 Millionen Nutzer, das inzwischen geschlossene SchülerVZ mitgezählt. Damals waren die Gruppen Kult, das „Gruscheln“ wurde zum Markenzeichen und die VZ-Netzwerke waren noch größer als Facebook. Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck übernahm das Unternehmen 2007 für 85 Millionen Euro. Auf diese stolze Summe verweisen die neuen Eigentümer gerne.

Käufer lobt „hohe User-Loyalität“

Als Stärken heute nennt MMEG die „verbleibende große User-Basis“, die „sehr starke regionale Markenbekanntheit“ und die „hohe User-Loyalität gegenüber dem Produkt“ sowie das sehr erfahrene und engagierte deutsche Team“. 2015 sprach Poolworks davon, man habe noch eine Million aktive Nutzer. Im „Über uns“ ist immer noch die Zahl von 16 Millionen Mitgliedern zu lesen – Stand November 2011. „Und jede Woche kommen tausende neue hinzu.“

Der neue MMEG-Produktchef Dave Micek, Altavista-Chef in den frühen Goldgräber-Zeiten des Netzes, räumte immerhin ein: „Das wird einige Arbeit sein.“ Mit einem „Bündel an strategischen, operativen und Produktverbesserungen bei Poolworks“ wolle man die Ziele erreichen.

Erste Neuerung: Mafiaspiel hält Einzug

Eine dieser Produktverbesserungen wird den Nutzern bereits groß präsentiert: Werbung für ein Mafiaspiel. „The Mob: Rise of the Don“ kommt von einer Spiele-Firma, die MMEG neben einem Anzeigen-Dienstleister auch gerade übernommen hat. Spielen ist kostenlos, Ausrüstungsgegenstände für die eigene Gangsterfigur können aber mit echtem Geld gekauft werden. Das soll Nutzer und Aktionäre gleichermaßen beglücken.

Außerdem ist geplant, Streamingangebote in die Netzwerke zu bringen – StudiVZ und MeinVZ als eine Art Netflix. In dem Netzwerk sollen Filme und Extremsport-Veranstaltungen gestreamt werden, werbefinanziert, bezahlbar pro Film oder auch im Abonnement. MMEG sieht sich auch selbst als Lieferant von Video- und Musikinhalten.

Eine Aktie kostet einen zehntel Cent

Das Unternehmen, das so tönt, hat aktuell einen Börsenwert von nicht einmal einer Million Dollar. Der Kaufpreis für Poolworks klang gleichwohl stolz: zehn Millionen Dollar. Aus Sicht von MMEG dennoch ein Schnäppchen. Die Begründung mutet kurios an: Pro Nutzer sei das nur ein Dollar, beim Kauf von LinkedIn habe Microsoft pro Nutzer 247 Dollar aufwenden müssen.

Die zehn Millionen Dollar relativieren sich aber auch: Das Unternehmen bezahlt die VZ-Firma mit 10.000 neu ausgegebenen eigenen Vorzugsaktien im Nennwert von 1000 Dollar. Der Verkäufer, der Finanzinvestor Vert Capital, bekam also für seine Tochter VZ Network Holdings Inc mit der Poolworks Ltd kein Geld, sondern Anteile an MMEG und stieg zum größten Anteilseigner auf. Die Wertpapiere können dem Deal zufolge in 66,8 Millionen an der Börse gehandelte Aktien oder 20 Prozent des Börsenwerts umgewandelt werden.

An der Börse gehandelte Aktien von MMEG hatten aber am Mittwoch einen Wert von 0,0011 Dollar – also 0,11 US-Cent. Das Unternehmen hat einen Börsenwert von unter 800.000 Dollar. Die Aktien sind sogenannte Pennystocks und quasi wertlos. Für spekulative Anleger bedeutet das kaum Risiko, aber die Möglichkeit, dass minimale Kurssteigerungen den Aktienwert bereits vervielfachen.

Massenhaft neue Aktien geplant

MMEG-Chef Kurt Neubauer schaut schon weiter voraus: Der VZ-Kauf bringe die notwendige Werthaltigkeit, um perspektivisch die Aufnahme im NASDAQ oder an der New York Stock Exchange zu überlegen. Damit bekämen die Aktien einen ganz anderen Stellenwert. Bisher werden sie am wenig regulierten OTC Bulletin Board gehandelt.

Und der Wert dürfte sich noch weiter verwässern: Seit März hat das Unternehmen schon 35 Millionen neue Aktien ausgegeben, und es hat sich vorbehalten, die stolze Zahl insgesamt sechs Milliarden Aktien herauszugeben. „Das Management sieht ein, dass keine Gewinne und eine Aktionärsverdünnung eine schlechte Kombination ist“, antwortete MMEG-Chef Neubauer Anlegern.

Einigung über Altschulden bei Holtzbrinck

Man brauche aber Kapital, um werthaltige Unternehmen wie Poolworks oder die Spielehersteller ins Portfolio nehmen zu können. „Es ist unrealistisch, wenn Aktionäre an ein Fortkommen des Unternehmens ohne eine Ausgabe von Aktien oder Kapitalanlagen glauben.“ Es könnte spannend werden, was realistisch ist an MMEG und der Rückkehr von StudiVZ.

Sogar die Übernahme stand zwischenzeitlich auf der Kippe – wegen Schulden von Poolworks bei Holtzbrinck, das die Firma schon 2012 verkauft hatte. Holtzbrinck sieht nach einer Einigung aus dem Januar aktuell noch 160.000 Dollar. Weitere 432.000 Dollar will MMEG dann abstottern – quartalsweise in den nächsten zehn Jahren.