Hamburg

Wem gehören die Hareico-Würstchen?

Angeblich hat der Fleischkonzern Tönnies das Elmshorner Unternehmen gekauft. Oder doch nicht? Die Lage ist unübersichtlich

Hamburg. Das Produkt, um das es hier geht, ist kaum erklärungsbedürftig: Es geht um Wurst, genauer gesagt um die Fleischprodukte des Elmshorner Unternehmens Döllinghareico. Doch um die Frage, wem die Firma demnächst gehören wird, hat sich ein regelrechtes Verwirrspiel entwickelt.

Dabei schien die Sache zunächst ganz einfach zu sein. Am Montag hatte Mitinhaber Claus Dölling mitgeteilt, die Eigentümerfamilie habe den im Jahr 1907 gegründeten Wursthersteller an den Unternehmer Maximilian Tönnies aus Rheda-Wiedenbrück verkauft. Der 26-jährige ist der Sohn von Clemens Tönnies, Miteigentümer des Fleischkonzerns Tönnies Lebensmittel und seit 2001 Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04. Nur die Zustimmung des Kartellamts stehe noch aus, so hieß es.

Am Mittwoch aber sorgten die Geschäftsführung und der Betriebsrat von Döllinghareico für eine handfeste Überraschung. Der Ausgang der Verkaufsverhandlungen sei noch offen, ließen sie über eine Hamburger PR-Agentur verbreiten. Zwar beabsichtigten „die Verantwortlichen aus Elmshorn“, in die Verhandlungen mit den Vertretern der Zur-Mühlen-Gruppe einzusteigen, man führe aber gleichzeitig auch „erfolgversprechende Gespräche“ mit weiteren Kaufinteressenten.

Hierzu muss man wissen: Die Zur-Mühlen-Gruppe, nach eigenen Angaben der Marktführer bei fertig abgepackter Wurst und Wurstkonserven in Deutschland mit bekannten Marken wie Redlefsen und Böklunder, gehört nicht etwa Maximilian Tönnies, sondern Clemens Tönnies als Privatmann.

Ganz offensichtlich gibt es erhebliche Differenzen zwischen der operativen Leitung von Döllinghareico – Geschäftsführer des Unternehmens mit rund 240 Beschäftigten in Elmshorn und Lübz (Mecklenburg-Vorpommern) ist seit 2014 Andreas Subai – und der Eigentümerfamilie. Denn am Donnerstag schlug Claus Dölling zurück: „Eine aktuell kursierende Information streut Gerüchte in Bezug auf die geplante Übernahme und suggeriert, dass unsere Entscheidung noch offen sei“, hieß es in einer Mitteilung.

Sie wurde von derselben PR-Agentur verbreitet, die auch für Maximilian Tönnies und den Konzern Tönnies Lebensmittel tätig ist. Die von der Geschäftsführung herausgegebene Erklärung „war mit uns als Inhaber des Unternehmens nicht abgestimmt“, so Claus Dölling weiter. Sie sei zudem inhaltlich falsch, denn: „Wir haben den Verkauf unserer Anteile an den Unternehmer Maximilian Tönnies beschlossen – nicht, wie fälschlicherweise dargestellt, an die Zur-Mühlen-Gruppe.“ Es gebe auch keine Gespräche mit anderen Interessenten. „Wir sind deshalb verwundert und auch empört über die gestreuten Gerüchte“, wird Dölling zitiert.

Ein Sprecher von Maximilian Tönnies sagte dem Abendblatt am Freitag, der Unternehmer habe „eine Vereinbarung mit Herrn Dölling getroffen, von der er weiter davon ausgeht, dass sie gültig ist“ – sofern das Kartellamt die Transaktion genehmigt.

Ganz so einfach scheint es aber nicht zu sein. Denn laut der Geschäftsführung von Döllinghareico liegen die Firmenanteile zwar zu 100 Prozent bei der Familie Dölling. Sie könne aufgrund von Verpflichtungen bei ihren Gläubigerbanken aber nicht frei darüber verfügen. Die Banken können bei Verkaufsverhandlungen also mitreden.

Tatsächlich hat das Unternehmen schwere Zeiten hinter sich. Der harte Wettbewerb mit sinkenden Preisen sowie der abnehmende Fleischkonsum erzwangen in den zurückliegenden Jahren den Abbau von 260 Arbeitsplätzen in Elmshorn und Lübz. Nach erheblichen Sanierungsanstrengungen, in denen Andreas Subai eine wichtige Rolle spielt, schaffte Döllinghareico erst 2015 die Rückkehr in die Gewinnzone. Bereits im Jahr 2014 hatte sich die Eigentümerfamilie – Claus Dölling ist mit 50 Prozent beteiligt, seine Kinder Carola und Ole mit je 25 Prozent – aus der operativen Leitung zurückgezogen.

Differenzen gibt es allerdings nicht nur zwischen der Geschäftsführung und den Anteilseignern von Döllinghareico. Auch in der Tönnies-Gruppe ging es nicht immer harmonisch zu: Im März musste ein Mediator eingeschaltet werden, um in dem seit Jahren anhaltenden Streit zwischen Clemens Tönnies und seinem Neffen Robert über die Ausrichtung und Führung des Unternehmens zu vermitteln. Die beiden sind mit je 50 Prozent an Deutschlands größtem Schweineschlachtbetrieb beteiligt.