Interview

AfD? „Das sind sozialpolitische Geisterfahrer“

Reiner Hoffmann wurde
2014 mit 93,1 Prozent
zum Vorsitzenden
des Deutschen Gewerkschaftsbundes
gewählt

Reiner Hoffmann wurde 2014 mit 93,1 Prozent zum Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes gewählt

Foto: Klaus Bodig / HA

DGB-Chef Reiner Hoffmann rechnet mit den Rechtspopulisten ab und fordert vor der Bundestagswahl 2017 höhere Rentenbeiträge.

Hamburg.  Muss ein Gewerkschaftschef rund um die Uhr erreichbar sein? Und wann stellt er sein Handy aus? Das Hamburger Abendblatt sprach mit dem Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Reiner Hoffmann, im Hamburger Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof über veränderte Arbeitsbedingungen in einer digitalisierten Welt, sichere Renten und Roboter als Paketboten.

Herr Hoffmann, in Hamburg hat der Zustelldienst Hermes gerade das erste Paket per Roboter liefern lassen. Wie reagieren Sie, wenn bei Ihnen demnächst der elektronische Postbote an der Haustür klingelt?

Reiner Hoffmann: Ich würde erstaunt gucken und mich fragen, wo der Zusteller ist. Das hat schon was von Science-Fiction.

Müssten Sie als Gewerkschaftler nicht den Wegfall von Arbeitsstellen für Paketboten kritisieren?

Die Frage ist doch, wie wir im Arbeitsleben und im Alltag Innovationen nutzen können, damit sie Arbeits- und Lebensbedingungen wirklich verbessern. Es kommt darauf an, dass wir nicht einer blinden Technikeuphorie verfallen. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Bei den Bedingungen, unter denen die Zusteller bei Hermes derzeit arbeiten müssen, hätte es allerdings auch etwas Gutes, wenn schlechte Arbeit durch Technik ersetzt würde. Mir wäre es trotzdem lieber, wenn die Unternehmen vernünftige Arbeitsbedingungen schaffen würden.

Das Thema Digitalisierung der Arbeitswelt und ihre Folgen spielt beim Arbeitsschutz eine zunehmende Rolle. Welche Berufe betrifft das besonders?

Berufsbilder werden sich verändern, aber sie werden nicht überall und nicht komplett wegfallen. Der Postbote wird wohl auch in 50 Jahren noch kommen. Aber ob es den Lokführer auf der Eisenbahnlok so wie heute noch geben wird, ist fraglich. Da reicht ein Blick nach Japan, wo sie in seinem Bereich schon viel weiter sind. Andererseits: Ich stamme aus Wuppertal, dort pendelt die Schwebebahn. Obwohl sie vollautomatisch fahren könnte, ist immer ein Fahrer dabei. Die Fahrgäste steigen nun mal ungern ein, wenn da nicht jemand ist, der das Ganze unter Kontrolle hat. Wir müssen fragen, was ist technisch machbar und was wollen wir. Die Gestaltung der Technik können und müssen wir beeinflussen.

Früher haben die Gewerkschaften Technik ja eher bekämpft. Wie soll sie jetzt gestaltet werden?

Bildung ist der Schlüssel. Aber auf einer breiteren Basis. Es geht nicht um Bildung, die auf einzelne Berufe abzielt. Um Technik in unserem Sinne zu gestalten, brauchen wir Kompetenzen wie Problemlösungsstrategien und Wahrnehmung von komplexen Zusammenhängen. Das sind Anforderungen, die künftig an die berufliche Bildung gestellt werden. Nur so können wir das klassische Facharbeiterprofil, das wir in Deutschland haben, sichern und weiterentwickeln.

In dem Zusammenhang geht es immer auch um die Flexibilisierung von Arbeitsabläufen und Arbeitszeiten durch Computer und Smartphones. Wann stellen Sie abends Ihr Handy aus?

(lacht) Um 18 Uhr. Dann bin ich nur noch privat erreichbar.

Das glaube ich Ihnen jetzt aber nicht.

Stimmt. Wir haben es mit Entgrenzung zu tun. Mit Entgrenzung von Raum und Zeit. Es ist eine neue Zivilisationskrankheit zu glauben, man müsse immer erreichbar sein. Das ist eine Fehlentwicklung. Wir brauchen klare Abgrenzungen von Arbeitszeit und Freizeit. Mit dem Argument der Flexibilisierung an dem Achtstundentag zu rütteln, halte ich für Unfug.

Und wann stellen Sie nun Ihr Handy aus?

Um 21 Uhr. Auch am Wochenende.

Brauchen wir neue gesetzliche Arbeitszeitregelungen?

Die Gestaltung von Arbeitszeit hat immer etwas mit Gesundheit zu tun. Jeder Zweite, das sagt die neue Studie der amtlichen Arbeitsschützer, leidet unter Stresssymptomen – das ist zu viel. Und schon heute sind 30 Prozent der über 60-Jährigen nicht mehr erwerbstätig, weil sie ausgelaugt sind und schlicht und ergreifend nicht mehr können. Wir brauchen neue Leitplanken, damit wir der durch die Digitalisierung getriebenen Entgrenzung neue Schutzzonen geben. Es kann nicht sein, dass Arbeitgeber darin die Chance für eine weitreichende Deregulierung sehen.

Was muss passieren?

Ich bin ein großer Anhänger davon, dass wir mehr auf die Erwerbsbiografie insgesamt schauen und hier mehr Flexibilität bieten. Viele Menschen wollen in der Familienphase weniger arbeiten und später, wenn die Kinder groß sind, wieder mehr. Oder dass man vor der Rente schon mal ein Sabbatical macht, sozusagen als Vorschau auf den Ruhestand, es aber dafür bis zum Renteneintrittsalter schafft. Es gibt erste tarifliche Lösungen. Aber das reicht nicht, wenn vom Gesetzgeber nicht weitere Möglichkeiten kommen, so wie etwa die Teilrente.

Themenwechsel: Die Sorge vor Altersarmut treibt viele Menschen in Deutschland um. Das Thema wird im Bundestagswahlkampf 2017 eine Rolle spielen. Wie hoch wird Ihre Rente ausfallen?

Ich habe 16 Jahre in Brüssel gearbeitet. Dort gibt es eine Erwerbstätigenversicherung, in die alle einzahlen. Auch Gutverdienende beteiligen sich daran mit erheblichen Beiträgen und bekommen dann eine Rente, die bei mehr als 60 Prozent der früheren Bezüge liegen wird. Jetzt muss ich sehen, wie lange ich in Deutschland arbeite und was mir das bringt. In das Gesamtpaket habe ich noch nicht reingeguckt.

Aktuell beträgt die durchschnittliche Rente in Hamburg 1096 Euro für Männer und 639 Euro für Frauen. Das steht auf der Homepage des DGB Hamburg. Sie fordern in ihrer Rentenkampagne einen „Kurswechsel“. Was genau bedeutet das für die Versicherten?

Uns kommt es darauf an, dass wir die Talfahrt der Rente stoppen. Erster Schritt ist eine Stabilisierung des gesetzlichen Rentenniveaus, das aktuell bei knapp 48 Prozent liegt.

Ver.di-Chef Frank Bsirske hat eine schrittweise Erhöhung des Rentenbeitragssatzes Jahr für Jahr um 0,2 Prozentpunkte ins Gespräch gebracht. Ist das auch Ihre Position?

Das ist eine gemeinsame Orientierung für den Aufbau einer Demografiereserve. Zunächst einmal wollen wir in einem ersten Schritt bis 2020 den aktuellen Beitragssatz von 18,7 Prozent auf 22 Prozent erhöhen. So könnte das gesetzliche Rentenniveau stabilisiert werden. Darüber hinaus haben wir noch Kritik an der Finanzierung der Mütterrente. Die ist sinnvoll, müsste aber als sozialpolitische Maßnahme des Staates steuerfinanziert werden. Das würde die Rentenkassen um sieben Milliarden Euro entlasten.

Bislang geht es nur um Stabilisierung, nicht um Erhöhung ....

Im November legt die Bundesregierung ihre nächste Rentenvorausschau vor. Da müssen wir uns anschauen, wie die demografische Entwicklung wirklich wirkt. Dann können wir einschätzen, wie es weitergeht. Aber klar ist: Es muss einen Kurswechsel geben. Gerade auch aus Sicht der jungen Leute. Nach der jetzigen gesetzlichen Lage bezahlen sie höhere Beträge, bekommen aber ein niedrigeres Rentenniveau. Das kann man doch niemand erklären.

Kritiker werfen den Gewerkschaften beim Thema Renten Panikmache vor? Kanzlerin Merkel soll sogar gesagt haben, die Gewerkschaften könnten ungewollt der AfD in die Hände spielen? Ihre Reaktion?

Die Kritik zeigt uns, dass wir alles richtig gemacht haben. Die Kanzlerin hat den Vorwurf, wir würden der AfD in die Hände spielen, in dem Gespräch (ein Treffen des CDU-Vorstands mit dem DGB-Vorstand, d. Red.) gegenüber mir und anderen Kollegen so nicht erhoben. Das zur Klarstellung. Aber klar ist auch, dass wir eine weitere Absenkung des gesetzlichen Rentenniveaus nicht für zumutbar halten. Die Menschen im Land spüren, es geht nicht richtig gerecht zu. Die Rente ist ein wichtiges Gut, auf das sie sich verlassen wollen – und es können müssen. Deshalb werden wir die politischen Parteien im Bundestagswahlkampf daran messen, wie sie mit dieser Herausforderung umgehen.

Können Sie verhindern, dass die AfD auf diesen Zug aufspringt?

Die AfD ist mit sehr populistischen Parolen unterwegs. Es ist keine Lösung, das Rentenalter nach oben zu verschieben, wie sie es fordern, oder die Agentur für Arbeit zu privatisieren. Das sind sozialpolitische Geisterfahrer. Wir haben tragfähige Konzepte, die wir den rechten, populistischen Parolen entgegensetzen können, die in der Regel sehr dumpf sind.