Berlin/Essen

Kaiser’s wird zerlegt – oder nicht?

Berlin/Essen. Alles muss raus: Der Verkauf von Kaiser’s Tengelmann in Einzelteilen hat begonnen. Der Lebensmitteleinzelhändler aus Mülheim an der Ruhr hat am Montag Listen mit 102 Filialen, die zum Verkauf stehen, an Interessenten verschickt. Zunächst geht es um Standorte in Nordrhein-Westfalen. Die Filialen im Großraum München und in Berlin sollen Anfang 2017 dran sein. Vielleicht kommt aber doch alles noch ganz anders.

Ist das Aus für Kaiser’s Tengelmann
besiegelt?

Noch gibt es Hoffnung für die rund 16.000 Beschäftigten von Kaiser’s Tengelmann, dass die Filialkette insgesamt erhalten werden kann. Die direkten Verhandlungen des Eigentümers Karl-Erivan Haub mit den Konkurrenten Rewe, Edeka, Markant und Norma sind Ende der vergangenen Woche zwar gescheitert. Doch hinter den Kulissen reden die Beteiligten weiter miteinander. Öffentlich wollen sie dazu derzeit aber keine Auskünfte geben.

Wie geht es jetzt weiter?

Haub hat mit der Zerschlagung von Kaiser’s Tengelmann begonnen. Seit Montag können Interessenten Filialen kaufen. Zunächst sind 102 Standorte im Angebot. Angeschrieben hat Tengelmann alle bundesweit tätigen „relevanten Handelsunternehmen“. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass es auch zum Verkauf kommt. Tengelmann-Chef Haub rechnet nur mit Interesse für 30 bis 40 Filialen in Nordrhein-Westfalen. Der Rest müsste geschlossen werden.

Und wenn doch noch eine große Lösung gefunden wird, ist der Einzelverkauf der Standorte auch schnell wieder erledigt. Möglicherweise geht dann doch alles an Edeka. Wenn die ersten Filialen veräußert sind, ist Haub zufolge die Ministererlaubnis für den Komplettverkauf an Edeka hinfällig.

Welche Fristen gelten?

Interessenten können sich bis 26. Oktober bei Tengelmann melden. Solange ist auch Zeit für eine Lösung.

Könnte ein Schlichter helfen?

Rewe-Chef Alain Caparros brachte nun Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) als Schlichter in der verfahrenen Situation ins Spiel. Gabriel hat den Verkauf von Kaiser’s Tengelmann an Edeka per Ministererlaubnis genehmigt – und damit das Nein des Bundeskartellamtes außer Kraft gesetzt. Entsprechend bedeckt hält sich das Ministerium. „Jetzt sind die Beteiligten erst einmal am Zug“, stellte ein Sprecher Gabriels klar. Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will die Politik draußen halten. „Es handelt sich um unternehmerische Entscheidungen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Eine denkbare Variante wäre, dass sowohl Edeka als auch Rewe Teile von Tengelmann übernehmen. Im Gespräch war, dass sich ein Unternehmen die Münchener, das andere die Berliner Filialen einverleibt.

Was bedeuten die gescheiterten
Verhandlungen für die Beschäftigten?

Tengelmann-Chef Haub fürchtet, für viele Supermärkte keinen Käufer zu finden. 8000 der rund 16.000 Arbeitsplätze könnten wegfallen. Sollte doch noch eine einvernehmliche Lösung gefunden werden, ist ein Stellenabbau unwahrscheinlich. Edeka hatte für die Ministererlaubnis den Erhalt aller Arbeitsplätze für die nächsten fünf Jahre zugesagt. Diese Garantie bietet Rewe auch.

Wer will was beim Streit um Kaiser’s
Tengelmann?

Haub wurde sich schon 2014 mit Edeka über eine Komplettübernahme von Kaiser’s Tengelmann einig. Doch das Bundeskartellamt verbot das Geschäft, das Gabriel mit einer Ministererlaubnis doch noch zuließ. Markus Mosa, Chef von Marktführer Edeka, will das Unternehmen durch den Kauf noch mächtiger machen. Auch Rewe-Chef Caparros will die Kaiser’s Tengelmann-Filialen haben. Er blockiert die Ministererlaubnis durch eine Klage.

Wie konnte es so weit kommen?

Kaiser’s Tengelmann ist mit 450 Filialen und zuletzt 1,7 Milliarden Euro Umsatz zu klein. Zudem konzentriert sich das Geschäft auf die Regionen Nordrhein, München und Berlin. In den vergangenen 17 Jahren ist ein Verlust von einer halben Milliarde Euro aufgelaufen.